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Jammern und Aufstampfen

Dieter Hundt, Deutschlands oberster Unternehmenslobbyist, wird 75

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 3 Min.

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Als Dieter Hundt 1996 »Arbeitgeberpräsident« wurde, wusste das Land noch nichts von Hartz-Gesetzen, dem Aufstockerwesen, Werkverträgen, Leiharbeit und Arbeitsplatzbefristung. Der oberste Kapitallobbyist eilte fast mühelos von Sieg zu Sieg.

Dieter Hundt, geboren am 30. September 1938 im württembergischen Esslingen, ist das Drehen großer Räder gewohnt. Das mussten im vergangenen Jahrzehnt auch die Anhänger des SV Bad Aussee im Salzkammergut erfahren. Der deutsche »Arbeitgeberpräsident« und Chef des VfB Stuttgart musste nämlich auch in seiner österreichischen Sommerfrische den Macher geben. Zunächst mit Erfolg: Der SV, dem Hundt als Präsident mit seinen auch alpenländischen Politkontakten zu einem schmucken Stadion verholfen hatte, stieg von der Bergbauernstaffel in die zweite Liga auf. Dann aber begann eine steile Talfahrt, die auch ein Ex-Nationalspieler auf der Trainerbank nicht stoppen konnte. Es folgten der Rückzug des prominenten Präsidenten und dann die Pleite. Inzwischen kicken die Steirer unterklassig als »FC Ausseerland«.

Vielleicht kann Hundt über die Episode rund ums Holzbau-preisgekrönte Ausseer »Panoramastadion« inzwischen lachen. Lief es doch in seinen Hauptämtern weit besser - beim VfB Stuttgart, der 2007 unter dem Aufsichtsratschef Hundt Deutscher Meister wurde, vor allem aber beim Kampf um die Verteilung des Volkseinkommens, der zu den Kernaufgaben des Präsidenten der Bundesvereinigung deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) gehört.

Hundts Aufstieg verlief sehr kontinuierlich: 1975 stieg der Maschinenbauer als Geschäftsführender Gesellschafter beim Autozulieferer Allgaier ein, den er inzwischen ganz besitzt. Danach begann seine Verbandskarriere, die ihn nach Stationen im Metallarbeitgeberverband 1996 an die BDA-Spitze führte.

Damals war dieses Land noch ein anderes: Leiharbeit war so gut wie unbekannt, ebenso die Befristung von Arbeitsverträgen. Billiglohnexzesse per »Werkvertrag« konnte man sich nicht vorstellen - und in den meisten Branchen verhandelten starke Gewerkschaften flächendeckende Tarifverträge.

Wie sehr sich seither die Verhältnisse verschoben haben, wird deutlich anhand des Schicksals der »Tarifautonomie«: Noch 2005 kämpfte Hundt gegen dieselbe und dafür, dass nicht etwa Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände, sondern der lokale Chef und seine Untergebenen in einem »betrieblichen Bündnis für Arbeit« über Löhne verhandeln sollten. Doch schon wenige Jahre später warf sich Dieter Hundt plötzlich als Verteidiger der »Tarifautonomie« in die Brust. Das Argument hatte nämlich die Seiten gewechselt: Seit den rot-grünen »Arbeitsmarktreformen« wurde es hauptsächlich ins Feld geführt, um einen gesetzlichen Mindestlohn zu verhindern, der das Absinken der Bundesrepublik zu einem international gefürchteten Lohndumpingstaat hätte bremsen können - eine dramatische Verschiebung.

In den späten 1990er und 2000er Jahren muss Hundt sich vorgekommen sein wie ein Fisch im Wasser. Natürlich machte er seinen Job, der wie bei allen Lobbyisten aus taktisch dosiertem Jammern und Aufstampfen besteht, mit großem Engagement. Doch hätte er ebenso gut die Hände in den Schoß legen oder Golf spielen können, während die vermeintliche Linksregierung Schröder/Fischer seine Arbeit erledigte. Besonders die Hartz-Reformen, die eine unübersehbare Reservearmee demoralisierter Billigkräfte schufen, lagen vermutlich weit jenseits dessen, was Hundt bei seinem Amtsantritt zu hoffen gewagt hatte. Wer hätte noch Ende der 1990er Jahre davon träumen wollen, dass ganze Branchen bald auf Hungerentgelten und staatlicher Lohnsubvention basieren würden?

Als Arbeitgeberpräsident eilte Dieter Hundt also von Triumph zu Triumph - und musste sich noch nicht einmal anstrengen. Vielleicht war diese mangelnde Auslastung auch der Grund dafür, dass der Schwabe in den letzten anderthalb Jahrzehnten nicht nur die Wirtschaft aufmischen zu können glaubte, sondern gleich auch noch den Fußball. Wenn dies aber so ist, könnte er nun auch umgekehrt die Zeichen der Zeit erkennen: Schließlich endete seine Ära nicht nur beim SV Bad Aussee, sondern auch beim VfB Stuttgart in Schimpf und Schande. Als Hundt dort im Juni 2013 den Hut nahm, lagen gleich drei Abwahlanträge gegen ihn vor. Eine Laufbahn geht ihrem Ende zu - noch kann Hundt aber mit einer Erfolgsgeschichte abtreten.

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