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Von der Behauptung eines Marktplatzes

Vergnüglich, aber nostalgisch. Ein Krimi-Autor und ein Philosoph lesen im Ossi-Doppel

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

Auch 23 Jahre nach dem Ende der DDR und dem sozialistischen Osten in Europa gibt es noch offene zeithistorische Fragen. Zum Beispiel die, weshalb der Weltgeist die »faschistische Konterrevolution« am 17. Juni 1953 ausgerechnet am 17. Juni 1953 hatte stattfinden lassen? Der Ex-Rundfunktechniker und Autor Jan Eik - bürgerlich Helmut Eikermann, aber auch bekannt als Helmut E. Günter - hat ein paar zeitgenössische Antworten zusammengetragen.

Auf die Jahreszahl etwa kommt man in Addition von 1914 und 1939, was zusammen 3853 ergibt - den Dritten Achten 53 also. Insofern war der 17. Juni historisch etwas verfrüht, wofür wiederum die kirchenfesten polnischen Parteikommunisten eine hervorragende Erklärung anzubieten gehabt hätten: Ist nicht der 17. Juni der Namenstag des heiligen Adolf - Bruder des Botulf, im achten Jahrhundert erster Bischof zu Utrecht am Niederrhein?

Jan Eik bzw. Helmut E. Günter blickt auf ein bewegtes Leben zurück, dessen prägender Teil sich in der Hauptstadt der DDR abspielte. Geboren im Jahre 1940 wuchs er nach dem Krieg, aber vor dem Mauerbau in der Lichtenberger Magdalenenstraße auf, gleich um die Ecke also vom NKWD bzw. später dem Ministerium für Staatssicherheit und jener Allee, auf der im Wesentlichen der 17. Juni stattfand. Nachdem ihn ein wohlmeinender Ratgeber vom Journalistenberuf ferngehalten hatte, entschied er sich für Informationstechnik und arbeitete bis 1987 beim Radio der DDR - bevor er umsattelte, die »Sektion Kriminalliteratur« im Schriftstellerverband der DDR mitgründete und dieselbe sogar 1989 in Mexiko beim Internationalen Kongress der Kriminalautoren repräsentierte. Drei Krimis veröffentlichte er vor der Wende, zwölf danach und einige teils ernsthafte, teils komische Sachbücher, zum Beispiel ein kleines Lexikon zur Sprache der DDR.

Nun ist in dem jungen Berliner Verlag »Kulturmaschinen« seine Autobiografie erschienen, die auch habituelle Verächter des Ältere-Herren-erzählen-von-früher-Genres zu amüsieren vermag. Hier erinnert sich jemand, der weder verflossenen noch gegenwärtigen Maßstäben historisch-politischer Korrektheit genügen will, der auch im Nachhinein genau beobachtet - und unterhaltsam zu berichten weiß. Den Vorabend des 17. Juni etwa erlebte der 13-Jährige auf dem Fahrrad an der Spitze des später Geschichte machenden Aufzuges - und berichtet auch 60 Jahre später mit den Augen eines verwunderten Kindes. Selbst wenn es um die ersten Schüsse geht. Polizeilich gestoppt und befragt wurde der junge Helmut Eikermann an diesem Tag natürlich auch: Auf dem Rückweg hielt ihn die Volkspolizei wegen nicht funktionierender Fahrradbeleuchtung auf. Wie war noch die Geschichte von den Deutschen und der Bahnsteigkarte?

Immer etwas augenzwinkernd erzählt Eik vom Berliner Zwei-Systeme-Alltag vor dem Mauerbau: Wie er etwa mit dem Onkel von der Volkspolizei, der den Westen der Stadt schon vor dessen architektonischer Verriegelung mit großem Eifer nicht betrat, aus Versehen auf einem West-S-Bahnhof landete und wie dieser sich mit seiner Dienstkrawatte Ost ängstlich hinter dem kleinen Neffen verschanzte, bis endlich der Gegenzug auf die richtige Seite der Linien eintraf. Der geübte Schreiber in Jan Eik verhindert dabei das Abgleiten ins bloß Anekdotische.

Der Hauptteil von Jan Eiks Erinnerungen befasst sich allerdings mit seinen 30 Jahren beim Rundfunk der DDR, wo sich der alltägliche Wahnsinn von real existierenden öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten unter den Bedingungen besonderer Treue zum Jargon erleben ließ. Wie eines Nachmittags, als ein gedrungener Herr grüßend im Kontrollraum auftauchte und dort nur knapp dem achtkantigen Rauswurf entkam - mit dem gerade noch rechtzeitig vorgebrachten Hinweis, er heiße Hans Reichelt, sei Minister und »zum Interview bestellt«.

»Eine Menge Spaß« heißen Jan Eiks Erinnerungen an sich selbst in der DDR. Und tatsächlich gibt es einiges zu lachen, wenn der Autor daraus vorliest - bei allem Ernst der verschiedensten Lagen. Derzeit ist Jan Eik mit Martin Ahrends auf Lesetour.

Ahrends, studierter Philosoph, Musikwissenschaftler und früher einmal wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Komischen Oper, reiste 1984 in den Westen aus, wo er u. a. bei der »Zeit« arbeitete. In den Osten kehrt er nun literarisch zurück: In einer absurden Erzählung über »Locke« und »Socke«, einen gewesenen Philosophen und einen früheren Soldaten, die irgendwo nach dem Ende der Zeit auf einer Parkbank in der entleerten Welt die Stellung halten, indem sie als bierbüchsenleerende »Dinosaurier des öffentlichen Lebens« die Behauptung exerzieren, »dass dies ein Marktplatz ist (...), dass zwei so ganz und gar nutzlose Männer trotzdem leben«.

Dabei gehen die beiden mit der Zeit, sogar mit den Trends - zum Beispiel dem zum Erlebnistourismus. Die neuartige Kulturtechnik des Annoncierens weidlich missbrauchend vermarkten sie das eigene Ende als Actionevent für gelangweilte Westler - Plattenbauten sprengen, ein »Waldbrand-Feuerwerksevent«, solche Dinge.

»Warum nicht Schwangerschaftstourismus?«, lässt Ahrends seinen Locke sagen, »warum nicht zum Beispiel Kriminalitäts-, nicht Sterbetourismus? Anbieten müssen wir, was man zu Haus nicht darf.« Warum also nicht auch Polittourismus? Sollen sie doch alle kommen und sich im Abraum suhlen, bis sie braun genug sind, sollen sie »marschieren, brüllen, Staub aufwirbeln« ... !

Auf einen Höhepunkt steuert Ahrends' poetische Schelmenerzählung aus der fiktiven Ostprovinz immer dann zu, wenn die Realität sich zwischen Locke, Socke und deren gemeinsames Tagtraumdelirium drängt. Wenn zum Beispiel eine Horde kundenbewusster Westler auf »schweren Krädern« auftaucht. Doch hören sie das Weitere selbst - für ganz Unentwegte lesen die beiden sogar am 7. Oktober im »Mauerblümchen« in der Wisbyer Straße 4 im Prenzlauer Berg.

Jan Eik: Eine Menge Spaß, 19,90 Euro; Martin Ahrends: Ich sehe eine Krähe, 10,80 Euro. Kulturmaschinen, Berlin, 2013.

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