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Die Tragik der Generation 50+

Sozialreport: In Ostdeutschland fürchten sich viele vor Armut mit dem Renteneintritt

  • Von Rainer Balcerowiak
  • Lesedauer: 3 Min.
Eigentlich sollte die Rente den Übergang in den wohlverdienten Ruhestand sicherstellen, doch vor allem Ostdeutsche glauben nicht an rosige Zeiten im Alter. Viele sehen sich im Alter von sozialem Abstieg bedroht und fühlen sich als Verlierer der Wiedervereinigung.

Viele ältere Menschen in Ostdeutschland befürchten für ihre Zukunft massive materielle Einschnitte und gehen davon aus, nicht ausreichend gegen Altersarmut abgesichert zu sein. Das ist das Ergebnis des »Sozialreports 50+«, den das Sozialwissenschaftliche Forschungszentrum Berlin-Brandenburg (SFZ) im Auftrag der Volkssolidarität erstellte. Das SFZ veröffentlicht bereits seit 1990 regelmäßig Studien über die Lebensverhältnisse und die Einstellungen der Bewohner in den neuen Bundesländern.

Rund 50 Prozent der für den »Sozialreport 50+« befragten 1256 Personen gaben an, im Falle von Pflegebedürftigkeit, Erwerbslosigkeit und beim Renteneintritt nicht ausreichend gegen Armut abgesichert zu sein. Wie real diese Ängste sind, zeigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamtes, laut denen bereits jetzt 19 Prozent aller Ostdeutschen zwischen 50 und 65 Jahren unterhalb der Armutsschwelle leben, die bei dieser Erhebung mit 850 Euro für einen Alleinstehenden definiert wurde.

Umfassendster Sozialabbau der Nachkriegsgeschichte

Für Gunnar Winkler, den Präsidenten der Volkssolidarität, spiegelt sich in den Ergebnissen des Reports die ganze Tragik der betroffenen Generation wider. Zum einen hätten diese Jahrgänge »in hohem Maße die wirtschaftliche und politische Entwicklung der vergangenen 30 Jahre geprägt und den deutschen Vereinigungsprozess maßgeblich getragen«, sagte Winkler bei der Vorstellung des Berichts am Dienstag in Berlin. Gleichzeitig sei bei dieser Altersgruppe »der bisher umfassendste Sozialabbau der Nachkriegsgeschichte voll wirksam geworden«. Dies gelte, so Winkler, zwar auch für viele Menschen in den alten Bundesländern, doch es sei offensichtlich, dass Ostdeutsche in besonderem Maße betroffen seien. Er verwies in diesem Zusammenhang auf den in dieser Bevölkerungsgruppe deutlich höheren Anteil derjenigen, die nach der Wende mit Lohneinbußen verbundene Dequalifizierungen sowie längere Phasen der Erwerbslosigkeit - durchschnittlich drei Jahre - erleben mussten; dies manifestiere sich auch in entsprechend niedrigen Ansprüchen an die Gesetzliche Rentenversicherung. Und es erkläre auch, warum sich 39 Prozent der Befragten explizit als Verlierer der Vereinigung von 1990 sehen. Zudem sei der Anteil der 50- bis 65-Jährigen an den Erwerbslosen in den vergangenen Jahren trotz positiver konjunktureller Entwicklung deutlich gestiegen, von 27 Prozent im Jahr 2007 auf 35 Prozent im vergangenen Jahr.

Angleichung der Renten in Ost und West verschleppt

Generell müsse die Politik Bedingungen schaffen, durch die »der Lebensstandard auch im Alter gesichert ist und niemand wegen Arbeitslosigkeit, niedrigen Löhnen, Erwerbsminderung, Familienarbeit oder prekärer Selbständig in Armut altern muss«, forderte Winkler. Eine weitere Absenkung des Rentenniveaus sei ebenso wenig hinnehmbar wie die trotz gegenteiliger Versprechen von den vergangenen Bundesregierungen immer wieder verschleppte Angleichung der Renten in Ost und West. Er sei ein gesellschaftspolitischer Skandal, wenn große Teile der über 55-Jährigen in Ostdeutschland das nahende Rentenalter nicht als Übergang in den wohlverdienten Ruhestand, sondern als drohenden sozialen Abstieg empfänden, kritisierte der Präsident der Volkssolidarität. Und die Angleichung des Rentenniveaus sei schließlich kein »Restposten der deutschen Einheit, sondern ein Beitrag zur Armutsminderung im Osten«.

Zur im Grundgesetz geforderten Schaffung gleichartiger Lebensverhältnisse in allen Teilen des Landes gehöre ferner, dass endlich ein einheitlicher flächendeckender Mindestlohn von mindestens 8,50 Euro pro Stunde eingeführt werde. Es sei nicht nachvollziehbar, dass Branchenmindestlöhne immer noch unterschiedlich festgesetzt werden. So bekommt eine Pflegekraft im Westen mindestens neun Euro, im Osten aber nur acht. Dies könne wohl kaum mit der unterschiedlichen Produktivität begründet werden, es sei denn, man gehe davon aus, »dass Ostdeutsche pflegeleichter sind«.

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