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Quantensprung im Hörsaal

Neue Studiengänge und ein Bachelorabschluss für Juristen: Rund 52 000 Studenten lernen in Brandenburg

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.

Wenn es auch nicht auf jeden Standort zutrifft, so können sich Brandenburgs Universitäten und Hochschulen über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Rund 52 000 junge Menschen werden im kommenden Wintersemester im Bundesland studieren. Weniger leicht aber ist es, sie nach der Ausbildung auch im Bundesland zu halten. Dies wurde deutlich, als am Montag Wissenschaftsministerin Sabine Kunst (parteilos) die Neuerungen für das Wintersemester 2013/14 präsentierte.

Das Problem in der Vergangenheit war auf diesem Feld weniger das Gewinnen von immer mehr Studierenden als vielmehr, ihnen nach dem Abschluss eine Arbeit in Brandenburg anzubieten. Auf diese Weise bezahlt das Land die Ausbildung des akademischen Nachwuchses für andere, zum Teil wesentlich reichere Bundesländer. Bei der Gesamtzahl handle es sich um eine »tolle« und auch um die angestrebte, sagte Kunst. Leichte Rückgänge hätten lediglich die FHS Wildau und Brandenburg zu verzeichnen. Obwohl im Allgemeinen der Zuspruch mehr als zufriedenstellend sei, gebe es Fächer, in denen das Interesse der Bewerber größer sein könnte. Die Ministerin nannte Technische Fächer, Elektrotechnik, Physik. Selbst Informatik gelte als »Sorgenkind«.

Wirkungsvoll seien in den zurückliegenden Jahren die Werbekampagnen der einzelnen Hochschulen und Unis selbst gewesen, weniger die von den Ministerien betriebenen. »Studieren in Fernost« sei als Kampagne der ostdeutschen Bundesländer für Brandenburg eher »neutral« ausgegangen. Andere neue Länder hätten davon mehr profitiert.

Die Ministerin warb für eine »größere Durchlässigkeit« hin zu akademischen Berufen. Rund 77 aller Akademikerkinder würden in Brandenburg studieren, aber nur 23 Prozent der Nachkommen von Nicht-Akademikern. Hier Verbesserungen zu erreichen, diene auch dem schwierigen Vorhaben, Jugendliche nach der Ausbildung im Bundesland zu halten. Problematisch betrachte sie außerdem, dass Studierende ohne akademischen Hintergrund sich in der Anfangszeit an den wissenschaftlichen Einrichtungen oft nicht heimisch fühlen würden.

Um die gemeinsame Unterrichtung von behinderten und nicht behinderten Kindern (Inklusion) akademisch zu untermauern, beginnt bundesweit erstmalig ein Studiengang »Lehramt mit inklusionspädagogischer Schwerpunktsetzung« mit fünf Professoren an der Universität Potsdam, der drei Millionen Euro zusätzlich kostet. Für die 60 Erststudienplätze lagen laut Kunst rund 400 Bewerbungen vor.

Einen weiteren neuen Studiengang gibt es in Potsdam: Das Potsdamer Rabbinerseminar Abraham-Geiger-Kolleg und sein Direktor Walter Homolka haben lange darum gekämpft, nun ist es soweit. In Brandenburg startet im Oktober der bundesweit erste Universitätsstudiengang für jüdische Theologie. Die 40 Studienplätze für das erste Semester an der Universität Potsdam seien bereits weitgehend vergeben, sagte die Wissenschaftsministerin.

Die Ausbildung jüdischer Theologen wie Rabbiner und Kantoren direkt an der Universität sei »etwas Außergewöhnliches« in Deutschland und komme einem Quantensprung gleich, betonte die Ministerin. Veranstaltungen im Fach jüdische Theologie könnten nun erstmals von allen Studierenden besucht werden. Bislang wurden theologische Fragen vor allem am 1999 gegründeten Abraham-Geiger-Kolleg behandelt, das mit der Hochschule kooperiert.

Die Studierenden an der neuen »School of Jewish Theology« kommen nach Angaben der Universität unter anderem aus Polen, Israel, Russland, Ungarn, Deutschland, den USA, Frankreich, Schweden und Norwegen. An der Einrichtung mit acht Professoren können nun Rabbiner der liberalen und der konservativen Strömungen des Judentums ausgebildet werden, die anders als im orthodoxen Judentum nur mit Hochschulabschluss ordiniert werden. »Diese bunte Mischung bietet sonst niemand«, sagte Kunst.

Weiterhin sollen Juristen künftig auch den »akademisch niedrigeren« Bachelorabschluss erwerben können, stehen also nicht mehr zwangsläufig nach dem Scheitern beim Staatsexamen vor dem akademischen Nichts. Dies verstehe sie auch als Antwort auf die »hohe Abbruchquote« im Jurastudium. Dieses Fach würden oft solche jungen Menschen wählen, die in Wirklichkeit keine rechte Vorstellung von ihren Lebenszielen hätten. Eine »Akademisierung der Gesundheitsberufe« soll an der neuen Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus und Senftenberg stattfinden.

Nur 13 Prozent der Studierenden in Brandenburg könne ein Wohnheimplatz angeboten werden, das sei zwar höher als im Bundesdurchschnitt (10,6 Prozent), aber nicht zufriedenstellend, räumte die parteilose Politikerin ein. Außerdem würden deutliche Unterschiede ins Auge fallen: In Senftenberg liege der »Versorgungsgrad« bei 24 Prozent, in Potsdam bei weniger als zehn Prozent.

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