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Vom Aschenputtel zur guten Fee des Kapitals

Trotz effizienteren Umgangs mit den knapper werdenden Rohstoffen wird die Industrie nicht grüner

In letzter Zeit benutzen Vertreter des Kapitals immer häufiger die Begriffe Ressourcenproduktivität und Ressourceneffektivität zur Gesundbetung ihrer Wirtschaft. Die Bundesregierung veranstaltete im Jahre 2010 sogar eine große Konferenz dazu. Was verbirgt sich hinter diesen Begriffen? Warum hat das Kapital sie auf einmal für sich entdeckt? Und weshalb sollten sich Linke damit beschäftigen?

Die Ressourcenproduktivität ist der Anteil der Natur an der Produktivität der Gebrauchsgütererzeugung. Sie ist hoch, wenn z.B. von einem Getreidefeld eine Rekordernte eingefahren wird oder wenn man in einem Bergwerk auf eine ergiebige Erzader stößt. Im Bergbau misst sich die Ressourcenproduktivität am Anteil nutzbarer Stoffe pro Tonne geförderten Guts. In der Regel ergibt sich eine Produktivitätskurve, die während der Erschließung einer Mine bei Null beginnt, dann nach oben geht und schließlich wieder abfällt. In der verarbeitenden Industrie zeigt sich die Ressourcenproduktivität in der Menge eines bestimmten Gebrauchsguts, die aus einer Tonne Eisen, Kupfer etc. gewonnen wird. Sie erhöht sich in dem Maße, wie immer weniger Material eingesetzt wird. In der Landwirtschaft hat die Ressourcenproduktivität ein klares Maß, das jedem Bauern in Fleisch und Blut übergegangen ist: der Ertrag an Nutzpflanzen pro Hektar bearbeiteten Bodens.

Produktionsgeschwindigkeit ist das A und O

Gemeinsam ist den Erscheinungsformen, dass sie den Produktivitätsanteil bilden, den die jeweilige Naturgrundlage zur Gebrauchsgütererzeugung liefert. Die lebendige Arbeit steuert die Arbeitsproduktivität bei, die vergegenständlichte Arbeit die Kapitalproduktivität. Dem Kapital ist es letztlich immer um die Arbeitsproduktivität gegangen, weil nur die lebendige Arbeit Mehrwert schafft. Daher ist die Erhöhung ihrer Produktivität für das Kapital das A und O aller Produktionsanstrengungen. Je produktiver die lebendige Arbeit ist, desto höheren Mehrwert liefert sie. Alle anderen Produktionsfaktoren sind dem untergeordnet.

Eine Bedingung hoher Arbeitsproduktivität ist hohe Ressourcenproduktivität - sie wird daher vom Kapital immer angestrebt. Die Natur erweist sich als Mittel zum Zweck, hohe Arbeitsproduktivität als Voraussetzung für hohen Mehrwert zu erreichen. Sinkt die Produktivität einer Naturressource im Verlauf ihrer Ausschöpfung, wird sie für das Kapital unattraktiv. Die Folgen sind weltweit zu sehen: Abertausende stillgelegter Kohlebergwerke, Erzgruben und Ölfördertürme bedecken wie Schorfwunden den Erdball. Das Kapital hat immer fluchtartig solche Produktionsstätten verlassen, wenn die Ressourcenproduktivität und mit ihr die Arbeitsproduktivität zurückgingen.

In der Landwirtschaft zeigt sich das Streben des Kapitals nach hoher Ressourcenproduktivität am ständigen Anwachsen unfruchtbarer Bodenflächen sowie an der immer umfangreicheren Umwandlung von Wäldern und Mooren in Ackerland. Das hat seine Ursache in der Konzentration des Agrarkapitals auf industrielle Monokultur, die hohe Erträge mit geringem Arbeitsaufwand ermöglicht, aber immer nur, bis der Boden ausgepowert ist.

Jagd nach neuen Naturressourcen geht zu Ende

Im Ergebnis der rastlosen Jagd des Kapitals nach hoher Ressourcenproduktivität sind die nutzbaren Schätze des Erdkörpers weitgehend ausgebeutet und die natürliche Umwelt in hohem Maße vermüllt. In der Gegenwart sieht sich die kapitalistische Produktion immer deutlicher mit einer neuen Situation konfrontiert: Ausgeschöpfte Naturressourcen lassen sich nicht mehr beliebig durch bisher ungenutzte ersetzen. Das zeigt sich in der Energiewirtschaft darin, dass immer seltener ergiebige Ölfelder entdeckt werden. Ähnliche Probleme hat die Industrie bei der Suche nach neuen Erzlagerstätten. In der Landwirtschaft zeigen die Schneisen in den letzten Urwäldern, wie nahe die Grenze für das knappe Gut beackerbarer Boden herangerückt ist. Die kapitalistische Produktion, die sich jahrhundertelang über den ganzen Erdball ausbreitete, steht auf einmal vor einer Grenze, die sie nicht verrücken kann: die Endlichkeit des Erdkörpers mit seinen Meeren und seiner Lufthülle. Auch wenn das Kapital immer tiefer in die Erdkruste eindringt, die Meeresböden durchwühlt und den Eispanzer der Pole aufbricht, so dämmert es doch allmählich: Die bisher so erfolgreiche Jagd nach immer neuen Naturressourcen geht bald zu Ende.

Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, um der sinkenden Ressourcenproduktivität entgegenzuwirken: Zum einen werden nichterneuerbare Ressourcen durch erneuerbare ersetzt. Dieser Wechsel hat in der Energiewirtschaft begonnen. Wo man mit begrenzten Ressourcen auskommen muss, bleibt nur der Weg, diese Ressourcen immer wieder produktiv zu nutzen, sie in quasi erneuerbare Ressourcen zu verwandeln. Das ist in der Landwirtschaft mit dem Ackerboden möglich und wird in der Industrie mit dem Bestand an vorhandenen Rohstoffen versucht. In allen produktiven Wirtschaftsbereichen beginnt gegenwärtig mit dem Übergang zu ressourcenerhaltenden Technologien eine neue Produktivkraftrevolution, die sogenannte ökologische Revolution.

Die Ressourcenproduktivität, die bisher als Magd der gehätschelten Arbeitsproduktivität ein Aschenputteldasein fristete, avanciert zum Retter der kapitalistischen Wirtschaft. Bei oberflächlicher Betrachtung ist man geneigt zu glauben, dass das Kapital tatsächlich ein neues Verhältnis zur Ressourcenproduktivität gewinnt - in den führenden kapitalistischen Ländern geht das Industriekapital von ressourcenzerstörenden zu ressourcenerhaltenden Technologien über, um Materialengpässe zu überwinden.

Eine tiefergehende Analyse zeigt jedoch ein differenziertes Bild: In seinem Vorzeigeobjekt Industrie bemüht sich das Kapital, der Produktion das nötige Material zu sichern, indem es auch auf Recycling und Materialeinsparung setzt. Diese Maßnahmen sind auf Dauer kostengünstiger als die immer aufwendigere Förderung von Rohstoffen aus den letzten noch erreichbaren Lagerstätten. Während also der Input des industriellen Materialflusses in der Sonne eines anscheinend immer grüner werdenden Kapitalismus leuchtet, verschwimmen die Konturen des Outputs im Dunst schädlicher Abgase und in der Kloake giftiger Abwässer. Das Kapital behält in dieser Phase des Materialflusses die umweltschädigenden Technologien bei, weil ein Wechsel zu umweltfreundlichen Verfahren mit zusätzlichem Arbeitsaufwand verbunden wäre, der für das Kapital zu den externen Kosten zählt und von ihm aus eigenem Antrieb nicht getragen wird. Nur durch staatlichen Druck kann das Kapital gezwungen werden, Verfahren zur Vermeidung oder zumindest Begrenzung umweltschädlichen Industrieabfalls einzuführen.

Staatlicher Druck kann jedoch die im ökonomischen System des Kapitalismus fehlenden Stimuli zum schonenden Umgang mit der natürlichen Umwelt nicht ersetzen. So wird unser Planet mit seiner Atmosphäre und seinen Meeren weiter vermüllt. Schaut man sich den industriellen Materialfluss über einen längeren Zeitraum an, so stellt man fest, dass Recycling und Materialeinsparung nicht ausreichen, um der ständig wachsenden Produktion genügend Gegenstände zur Verfügung zu stellen. Weil das Kapital das Produktionswachstum als Bedingung seiner Akkumulation nicht stoppen kann, geht die Jagd nach Naturressourcen unvermindert weiter.

Krieg gegen die Bauern

Nur auf den ersten Blick beginnt die kapitalistische Industrie in der ökologischen Revolution zu grünen. Bei näherem Hinsehen wird sie grau und grauer, weil umweltfreundliche Technologien die durch das Profitstreben diktierten umweltfeindlichen Produktionsmethoden nicht verdrängen können. Das Agrarkapital macht überhaupt keine Anstalten, zu nachhaltigen Technologien überzugehen, um hohe Ressourcenproduktivität zu sichern. In der Landwirtschaft bedeutet dieser Übergang, die industrielle Monokultur aufzugeben, die den Boden auslaugt und letztlich unfruchtbar macht, außerdem Luft wie Wasser in wachsendem Maße schädigt, und stattdessen auf Nutzpflanzenvielfalt zu setzen, die den Boden fruchtbar hält. Ein Übergang zur Polykultur kommt für das Kapital aber nicht in Frage, weil er mit einer sprunghaften Erhöhung des Arbeitsaufwands verbunden ist. Da der größte Teil des fruchtbaren Bodens unseres Planeten bereits landwirtschaftlich genutzt wird, wendet das Kapital immer radikalere Methoden an, um industrielle Monokultur weiter profitabel zu machen. So hat der Angriff auf die letzten Urwälder und Moore begonnen und der weltweite Krieg gegen die Bauern verschärft sich.

Insgesamt zeigt sich, dass das Kapital trotz schwindender Naturressourcen sein vom Profitstreben diktiertes, die Umwelt zerstörendes Verhalten nicht ändern kann. Es geht nur dort zu nachhaltigen Technologien über, wo dies zur Steigerung der Arbeitsproduktivität führt. Wird diese dagegen gesenkt, lässt das Kapital die Finger davon. So bricht es mitten im industriellen Materialfluss den Übergang ab und versucht ihn in der Landwirtschaft erst gar nicht. Das heißt: Das Kapital ist nicht in der Lage, die ökologische Revolution konsequent zu verwirklichen, weil es alles der Steigerung der Arbeitsproduktivität unterordnet. Das Beharren auf umweltschädigenden Technologien wird aber zur weiteren Zerstörung der natürlichen Existenzgrundlage der Menschheit führen. Die Konsequenz lautet: Die ökologische Revolution kann nur zu Ende geführt werden, wenn die Dominanz des Kapitals gebrochen wird.

Dr. Hubert Fetzer, ehemals Gesellschaftswissenschaftler an der Akademie der Wissenschaften der DDR, beschäftigt sich mit der Dialektik von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen. Er publizierte dazu in »Utopie kreativ« und »Sozialismus«.

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