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Eine Aktentasche wie ein Dolch

Das Gefängnistheater »aufBruch« spielt »Wallensteins Tod« im Flughafen Tempelhof

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Ein Völkergemisch. Tänzelnde, Tapsige, Tumbe, Treutapfere, tierisch Tolle. Zu kurz Gekommene und zu lang Gediente, Blutgierige und Leergekämpfte. Köchinnen- und Putzfrauengeflatter. Staubsaugerjaulen gegen Offiziersbellen. Immer wieder Stimmen von ferne, wo die Regimenter murren.
Das Berliner Gefängnistheater »aufBruch« spielt Friedrich Schiller. Vor Wochen hatte »Wallensteins Lager« in der Justizvollzugsanstalt Tegel Premiere, jetzt gibt ein gemeinsames Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, Schauspielern und Berliner Bürgern »Wallensteins Tod«, Regie: Peter Atanassow, Bühne: Holger Syrbe.
Das ehemalige Casino des Flughafens Tempelhof ist der Spielort. Verwaiste Saal- und Küchen- und Gängearchitektur. Holz- und Kachel- und Teppichböden. Stiefelklänge knallen oder werden geschluckt. Türen fallen sich gegenseitig ins Schloss. Die Begegnungsart der Menschen hier: Aufmarsch, freches Fläzen, strammes Stillstehen, gespanntes Lauern, Reih und Glied. Chöre wuchten, raunen, dröhnen, drohen. Chöre von bedrängender, peitschender Intensität; Chöre in faszinierender sprachlicher Präzision. Als stecke der Geist Einar Schleefs in den Wänden und lodere oder fauche von überall her herab und herein. Vier Spieler als Max Piccolomini, vier junge Frauen als Thekla – zwei jeweils kleinere Chöre also für das Trauerspiel im Trauerspiel: wie zwischen Feldherren- und Kaisertreue eine Liebe zerquetscht wird.
Wallenstein: Versuch eines mächtigen Menschen, frei das Ureigene zu leben, einen Frieden durch Frontenwechsel zu wagen, die Klammer der großen politischen »Sachzwänge« zu sprengen. Der Feldherr im Dreißigjährigen Krieg läuft zum Feind über, weil er vom Kaiser eingeengt wird. Und eingeengt wird er, weil sein Ruhm unkontrollierbare Machtgelüste in ihm freisetzt. Der »Friedländer« überschätzt sich als Spielmeister eines Weltformungsdramas – er unterliegt als Spielball in einem Weltzerstörungstheater. Bei dem das hohe Geschäft der Politik fortwährend in die niedere Politik des Geschäfts kippt.
Peter Atanassow hat Schillers ausschwingenden Text frappierend ins militärisch Laute und Rüde geholt und jagt ihn gleichsam übers Exerzierfeld. Der Dichter – nicht sklavisch gespielt, aber überzeugend landsknechtisch. Die ordnungs- und morallose Truppe Wallensteins johlt ihre Ergebenheit, brüllt ihren Kriegsfuror, zischt ihren vielstimmigen Egoismus. Ist verschlagen schnoddrig, dann wieder knattert der Ton wie eine Regimentsfahne beim Vormarsch.
Militärische Erhitzungen und familiäre Exaltationen. Intrigante Aktion hinter Rücken und vorgehaltener Hand. Wer sich was zu sagen hat, geht gern auf Distanz. Gewieftes Schleichen, routiniertes Abkarten, rohe Widerreden. Radau ist Rausch. Masse verführt. Gewalt geht ins Gemüt. Martialische, immer hysterischer werdende Tat-und-Treue-Stakkatos, die zugleich dem ewigen Gesetz des Soldatseins Ausdruck geben: Morgen, wenn befohlen, geht's auch unter neuer Fahne ins alte Abschlachten. Gewissen nieder!, Gläser hoch!: »Von der Titte zur Mitte zum Sack – zack, zack!«
Der Wallenstein des Albert Bach ist ein ergraut Schmächtiger. Alter versorgt das, was er sagt, mit einer Weisheit, die längst über den Ehrgeiz siegte. Das gibt diesem Krieger einen Schleier aus Erledigtsein und Müdigkeit, der aber jäh von wechselnden Gereiztheiten zerrissen wird. Zu beobachten ist in Bachs müde aufgerissenen, irgendwie ungläubig blickenden Augen die langsame Bewusstwerdung einer Tragödie, sie macht diesen Wallenstein zum gequälten Beobachter seiner selbst. Ein Mann, der umso weniger zu retten ist, je mehr er diese Rettung betreibt – und der das weiß.
Es geht hier nicht um individuellen Widerspruch und Zwischenton, es geht um einen Mechanismus; es geht nicht um Menschen, sondern um jenes Gesetz ihrer Natur, das ihnen Menschlichkeit letztlich verweigert. Dem Verrat kann man das Tor nicht verriegeln, aber man kann vor ihm die Augen schließen. Das Verhängnis von Wallenstein, das Verhängnis aller Herrschenden.
Die schwarze Aktentasche in der Hand des Grafen Terzky wandelt als Requisit der sturen Ordnung, der klaren Aktenlage und der wichtigen Stabspapiere durch die Szenen – bis sie Wallenstein wie ein Dolch in den Rücken geworfen wird. Der sitzt zwischen seinen Befehlsgebern, leiert in Wiederholungsschleife die Frage, wer ihn verraten wird – eine ungelenke Jesus-Kopie an langer Tafel; halb Tribunal, halb Abendmahlkopie.
Über diesen langen Tisch wird Wallenstein krauchen wie ein altes Pferd, auf allen Vieren, aufgesessen die Herzogin von Friedland (Irene Oberrauch), eine Schwester der Lady Macbeth, in keifend scharfer Strenge eine vergebliche Wächterin über Ruhm und Reichtum einer hohen Familie. Wenn Wallenstein das Regiment der Pappenheimer auf sich einschwört, tätschelt er Wangen wie Hitler sein letztes Aufgebot, ein kindliches, kindischen Volksstürmchen.
Das Publikum wandert von Spielort zu Spielort, geht unterm Nachthimmel, sitzt, steht, ist Beobachter – und ist angesprochenes Volk: Markus von Lingen, der Darsteller des schneidigen Octavio Piccolomini, erhebt den Abschiedsbrief von Wilhelm II. an die Deutschen zu einer schmerzbrüllenden Anklagerede wider die Undankbarkeit, Verführbarkeit, Unzuverlässigkeit des Volkes. Auch Döblins »November 1918« klingt an und Syberbergs »Hitler«; zwischen russischem Volkslied und »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« weitet sich Schillers Spiel zu einem wohl ewigen Drama. Es lebt in der Seele dieser Aufführung ein tiefes Erschrecken über die Gegenwärtigkeit der Dichtung: Vertrau keinem, wenn du überleben willst, aber ohne Vertrauen kann niemand leben. Aber jeder jeweilige Retter ist auch nur immer ein Reanimator des Verderbens. Brüder, zur Sonne – ins alte Elend!
Alle Tatsachen sprechen mehr und mehr gegen den Feldherrn Wallenstein, aber sie sind halt immer weniger seine Sache. So weltfremd zu empfinden – vielleicht ist dies erst die wirkliche Freiheit, aber sie macht jeden Menschen zum Verlorenen. Und also will gestorben sein. Und gestorben wird hier nach grausig gegenwärtiger Umgangsart. Wallenstein gerät im Dämmer der Szene unter die fortwährenden Stiefeltritte seiner Mörder, als sei die Welt ein U-Bahnhof, die Mörderstätte der Neuzeit.
Ein anstrengender, ein starker Abend.

Nächste Vorstellungen: heute, 6., 9. bis 13., 16. bis 20. Oktober, jeweils 19.30 Uhr.

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