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»Hier zieh ich nicht ein«

Was Bewohner im längsten Plattenbau Sachsens alles finden - ein Hausbesuch in der »Langen Lene« in Leipzig

  • Von Birgit Zimmermann, dpa
  • Lesedauer: 6 Min.
Wohnen in der Großplatte? Zu unpersönlich und gleichförmig, heißt es oft. Im längsten Plattenbau Sachsens in Leipzig geht es aber munter zu. Und gar nicht so anonym, wie mancher denken mag.

Leipzig. Die »Lange Lene« in Leipzig ist eigentlich die pure Überforderung. Ein weiß-roter Plattenbau, 335 Meter lang, zehn Stockwerke hoch, vier Hauseingänge, 792 Wohnungen, Heimat für 1600 Menschen. Im Inneren auf jeder Etage ein Gang, in dem man von einem Ende zum anderen laufen kann. Leichten Schrittes dauert das 4:53 Minuten. Die »Lange Lene« ist Sachsens längster Plattenbau und einer der längsten Wohnblocks Deutschlands. Stein gewordene Langeweile, irgendwie kühl und unwirtlich denkt man - bis man die Bewohner trifft. Ein Hausbesuch in der Lene-Voigt-Straße 2-8, mit Friseur, Bibliothek, Minigolfanlage und Physiotherapiepraxis - eine Stadt im Kleinformat.

Die Älteste: Es dauert eine Weile, bis auf das Klingeln in der Wohnung jemand reagiert. Schließlich ruft eine raue Stimme: »Ich komme!« Amalie Elisabeth Anna Gerda Langrock ist nicht mehr so flott auf den Beinen, am 29. September hat sie ihren 101. Geburtstag gefeiert. Die älteste Bewohnerin der »Langen Lene« - weiße Locken, blaue Augen, früher Telefonistin - schiebt einen Rollator vor sich her und bittet in ihre perfekt aufgeräumte Zwei-Raum-Wohnung.

Bibliothek und Café

Sie ist stolz, dass sie in ihrem hohen Alter noch vieles alleine erledigen kann. »Was ich allein machen kann, das mache ich auch! Ich mache mir mein Essen selber, ich spritze mir mein Insulin selber und gehe ab und zu in die Kaufhalle.« Krankheiten setzen ihr zu: »Ich hab von allem ein bisschen.« Aber im Kopf ist sie fit.

In der »Langen Lene« wohnt Gerda Langrock seit sieben Jahren. Ihr Sohn, der in einem Haus in der Nähe wohnte, hatte sie dazu überredet. Vor einem Jahr starb der Jürgen - mit 72. Jetzt hat sie noch drei Enkel, vier Urenkel und drei Ururenkel. Einer der Urenkel kümmert sich mehr um sie als die anderen. »Ich rufe ihn morgens an, dass ich noch da bin. Und er ruft mich abends an und sagt gute Nacht.« Ein kleines Klapphandy mit Schnur liegt immer griffbereit. »Das brauche ich«, sagt sie.

Falls Langrock mehr Betreuung bräuchte, könnte sie sich jederzeit an den Verein »Alter, Leben und Gesundheit« (ALeG) wenden. Der Verein ist Herz und Seele der »Langen Lene«. 60 Prozent der Mieter in dem Block der kommunalen Leipziger Wohnungsbaugesellschaft (LWB) sind älter als 65 Jahre. ALeG bietet betreutes Wohnen an, mit Wäschedienst, Weihnachtsfeier und dem Erledigen vieler Wege. »Hier wohnen viele, die ihren Tagesablauf nicht mehr allein bewältigen können«, sagt Vereinsvorsitzende Gothild Lieber. ALeG erspart ihnen das Pflegeheim und bietet Geselligkeit, etwa in der hauseigenen Bibliothek.

Die Bibliothekarin: Roma Goldbergk sitzt zwischen den Bücherregalen im Erdgeschoss der »Langen Lene«. Mit ein paar Mitstreiterinnen hat sie die Bibliothek aufgebaut. »Wir haben mit 350 Büchern begonnen«, sagt die 87-Jährige. »Inzwischen haben wir 2500 und keinen Platz mehr in den Regalen.« Die Nutzung der Bibliothek ist kostenlos, der Betrieb wird von den Mietern alleine gemanagt. »Das macht uns viel Spaß, weil wir selbst Leseratten sind. Andere haben das Interesse nicht, die haben ihren Fernseher. Aber wir haben unsere Stammleser.« Goldbergk nutzt die Angebote des betreuten Wohnens. »Ich nehme Hauswirtschaft in Anspruch, nutze die Fahrbereitschaft, lasse meine Wäsche waschen.« Außerdem geht sie im »Café Galerie« Mittagessen. Zwischen 100 und 120 Mahlzeiten gehen dort täglich über die Theke. Frisch gekocht, wie ALeG betont, und durchaus schmackhaft, wie Goldbergk sagt. »Sicher ist auch mal was nicht so - aber das passiert auch, wenn man selber kocht«, sagt sie.

Roma Goldbergk liebt den Ausblick aus ihrer Wohnung in der achten Etage. »Ich habe ein wunderschönes Panorama«, sagt sie. In der »Langen Lene« will sie bleiben, »bis sie mich raustragen mit den Füßen zuerst«, sagt sie und lacht verschmitzt. Allerdings erinnert sich die frühere Angestellte auch noch an das Jahr 1968, als der Block fertiggestellt wurde. »Als das gebaut wurde, habe ich gesagt: Hier möchte ich mal nie wohnen. Dieser Massenbau, das Große! Und jetzt wohne ich schon über 30 Jahre hier.«

Die »Lange Lene« wurde 1999 unter Denkmalschutz gestellt. Der Block sei ein »seltenes Dokument sozialistischen Städtebaus«, erklärt das Landesamt für Denkmalpflege Sachsen. Die schiere Länge zeichne das Haus aus, und anders als etwa der »Block 10« in Halle-Neustadt in Sachsen-Anhalt - auch er ein Mega-Bau - sei es viel weniger schematisch und monoton gestaltet. Das Gebäude gehöre dem Typus des »Leipziger Mittelwohnganghauses« an, entworfen vom Architekten Erich Böhme und dessen Kollektiv des Leipziger Baukombinats.

Der Westdeutsche: Durch den Mittelgang, vorbei an »Annett's Kosmetikstudio«, geht es in die Hausnummer 8, rauf in die neunte Etage. Dort wohnt Herbert Reiprich. Der 83-Jährige zog dieses Jahr aus Goslar in die »Lange Lene«. Seine Schwester hat ihm die Wohnung besorgt. »Wie ich hier zum ersten Mal unten stand, habe ich zu meiner Schwester gesagt: In diesen Block ziehe ich nicht! Dieses Riesenhaus!« Aber jetzt, nach ein paar Monaten, ist er zufrieden.

In Goslar arbeitete Reiprich im Bergbau, »Verhüttung von Erzen«. Nach dem Mauerfall habe er seine Schwester wiedergefunden. Als seine Frau in Goslar starb, habe die Schwester vorgeschlagen, er solle doch nach Leipzig kommen.

Auch Reiprich nutzt das Angebot des betreuten Wohnens, geht im »Café Galerie« zum Mittagessen. »Was konnte ich denn schon? Ich konnte ein paar Bratkartoffeln machen, mehr nicht«, sagt der 83-Jährige. Im Haus hat er auch schon Kontakte geknüpft, ein Leipziger hat eine Stadtrundfahrt mit ihm unternommen. »Mit der Straßenbahn - sowas gibt's in Goslar ja nicht.« Das Eingewöhnen hat gut geklappt, sagt er. »Und wissen Sie, warum? Der Sachse ist umgänglicher als der Harzer. Der Harzer, der ist stur.«

Die Bemühungen der ALeG und des Vermieters um die älteren Bewohner scheinen erfolgreich zu sein. Die Leerstandsquote in dem Riesenhaus liegt bei 6,5 Prozent. Als die »Lange Lene« von 1998 an für 45 Millionen D-Mark saniert wurde, stand noch ein Fünftel der Wohnungen leer.

Begehrt bei Familien

LWB-Mieterbetreuerin Marion Bergmann betont aber auch, dass auch jüngere Bewohner die »Lange Lene« schätzen. Die 222 Drei-Raum-Wohnungen seien bei Familien begehrt. »Die ›Lange Lene‹ ist ein echtes Mehrgenerationenhaus«.

Der Jüngste: Der kleine Sidney guckt neugierig aus der Wäsche. Neun Monate ist der Steppke alt - und damit der jüngste Bewohner des Hauses. Mutter Mandy und Vater Danny wohnen schon seit etwa 13 Jahren in dem Block, erst in einer Zwei-Raum-Wohnung und seit einem Jahr in drei Räumen mit Innenbad und Innenküche. »Man hat hier alles auf einem Fleck. Es gibt hier gute Spielplätze, die Krippe ist um die Ecke, eine Kita ist da«, sagt Mandy Fischer (29).

Mit ihrem Kinderwagen ist sie zwischen den vielen älteren Bewohnern und ihren Rollatoren schon eine kleine Attraktion. »Wir haben auch noch einen kleinen Hund. Und das Kind - das ist schon was«, sagt Fischer und lacht. Sie lobt das viele Grün vor ihrem Fenster. Der Stadtteil Probstheida, in dem die »Lange Lene« in Nachbarschaft zu einer Einfamilienhaus-Siedlung steht, gehört zu den Außenbezirken Leipzigs. »Ich komme ja direkt aus der Stadt. Aber dort ist es mir zu laut«, sagt die Verkäuferin.

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