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Nach Ungarn und dann immer weiter

Terézia Mora: Dialog zwischen einem Lebenden und einer (Un-)Toten

  • Von Lilian-Astrid Geese
  • Lesedauer: 4 Min.

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Darius Kopp auf seiner Reise zu begleiten, ist wie im Zug sitzen, und die Landschaft fliegt vorbei. Da! Ein Bahnhof! Wir durchfahren … nicht gesehen. Eine Weide. Pferde? Kühe? Zu schnell. Vorbei. Die faszinierende Dynamik des Reisens in einer unverändert bleibenden »Hülle« - dem Zug - und der Welt draußen, die keine Sekunde in dem Zustand verharrt, in dem sie eben noch war.

Terézia Moras neuester Roman erzählt die Geschichte von Darius Kopp weiter, dem IT-Spezialisten und Helden ihres letzten Buchs »Der einzige Mann auf dem Kontinent«. Doch Knopp ist gealtert, und mittlerweile hat die amerikanische Firma, für die er Drahtlosnetzwerke in Europa vertreibt, tatsächlich dichtgemacht. Verloren ist der oberflächliche Optimismus, der den über Vierzigjährigen am Leben hielt. Nicht zuletzt, weil Flora, seine sensible ungarische Lebensgefährtin seit zehn Jahren, sich im Wald erhängt hat.

Darius versinkt in Melancholie und Lethargie, als spiegele er posthum die Depression seiner Frau, die er zu deren Lebzeit immer übersehen hatte oder niemals sehen wollte. Monatelang verlässt er die Wohnung nicht, bestellt jeden Tag eine andere Pizza, immer beim gleichen Lieferservice, bis er alle 24 Sorten durchprobiert hat.

Dann fängt er wieder von vorne an. Denn: »Wohin kannst du gehen, wenn statt eines Ortes eine Person dein Zuhause geworden ist?« Schließlich gelingt es seinem Freund Juri Czernicky, ihn aus dem Phlegma zu reißen. Unwillig und ziellos macht sich Darius auf den Weg nach … Irgendwo?

Zunächst nach Ungarn, auf den Spuren seiner Frau. Dorthin lässt er sich die immer noch nicht beerdigte Urne mit ihrer Asche nachschicken. Auf dem Weg weiter nach Albanien nimmt er sie mit, ebenso wie die junge, redselige Anhalterin Oda, die er irgendwann wieder verliert. In Bulgarien tritt Doiv in sein Leben, ein Engländer, dessen Akzent Darius nicht wirklich versteht. Istanbul erkunden sie zusammen …

Es geschieht nichts in diesem Roman. Und dennoch geschieht unglaublich viel. So viel, dass Terézia Mora recht bald die Geschichte mit unglaublicher Energie auf zwei Ebenen fortspinnt: Die Buchseiten sind fortan in weiten Strecken zweigeteilt. Während oben Darius' Fahrt in die Vergangenheit und Zukunft und in der Gegenwart weitergeht, finden sich unten Tagebuchauszüge, Krankenaktenblätter und Übersetzungsfragmente seiner verstorbenen Frau, die Darius sich erst ins Deutsche übertragen lassen muss. Flora schrieb Ungarisch. Auch diese Facette seiner Frau war ihm verborgen geblieben.

Es dauert einen Moment, bis man sich an die doppelte Lektüre gewöhnt hat. Trotz des Striches im Buch, der die Welt der Lebenden und der (Un-)Toten trennt, besteht aber eine ganz enge Verbindung zwischen beiden. Wer sich ganz auf Terézia Moras Erzählkunst einlässt, wird quasi intuitiv auf die andere Ebene gezogen. »You were the love for certain of my life, you were simply my beloved wife ...« - Ich weiß nicht, wie ich ohne dich leben soll, jetzt so allein, ohne meine geliebte Frau. - So improvisiert Darius bei einer Karaoke-Runde im Urlaubshotel (auf der oberen Hälfte der Seite). »Ich will nicht tiefer gehen. Ich bin dem nicht gewachsen … Warum kann ich nicht einfach alles vergessen?«, liest man dazu in einem Tagebucheintrag Floras (auf der unteren Hälfte der Seite). Ein faszinierender Dialog. Sozusagen.

Es gibt nur wenige deutschsprachige Autorinnen, die mit so viel Intensität schreiben, wie Terzia Mora, denen es gelingt, eine drastische Kritik am desinteressierten Beliebigkeitstypus der Gegenwart mit einer profunden Analyse des unvermeidlichen Leidens am Leben zu verbinden und das in einer Weise zu erzählen, die einem keine Wahl lässt: Gedrängt und vorwärtsgetrieben liest (reist) man weiter und weiter, trotz der Tatsache, dass vieles am Wegesrand aus dem vorbeirasenden Zug nicht zu sehen und damit auf ewig unsichtbar bleiben wird.

Was jagt diesen Mann? Was hat ihn in seinen Fängen und lässt ihn nicht los? Ungeheuer, dein Name sei … unbekannt.

Terézia Mora: Das Ungeheuer. Roman. Luchterhand Literaturverlag. 688 S., geb., 22,99 €.

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