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Der Ort des Glücks

Mirko Bonné zeichnet das Verschwinden - und das Auftauchen daraus

  • Von Marlene Göring
  • Lesedauer: 3 Min.

Was passiert, wenn wir plötzlich mit der Leere in uns konfrontiert sind? Mirko Bonné lässt in seinem Roman »Nie wieder Nacht« den Protagonisten Markus Lee mit dieser Erfahrung hadern. Das analytische Drama beginnt und endet mit einer Reise: heraus aus dem Leben und wieder hinein.

Gemeinsam mit seinem Neffen Jesse fährt Markus in die Normandie. Er soll für ein Magazin Brücken zeichnen: Während des Sturms der Alliierten waren sie hart umkämpft, Zehntausende ließen für sie ihr Leben. Markus soll ihre Geschichte sichtbar machen. Er und sein Neffe wohnen solange bei den Juhls, die ein Strandhotel bei Bayeux hüten, deren Sohn ist der beste Freund von Jesse. Die gemeinsame Reise bringt Onkel und Neffe aber kaum näher. Der Selbstmord von Jesses Mutter (Markus' Schwester) Ira bleibt das einzige, was sie verbindet. Aus dem einwöchigen Aufenthalt werden Monate, Markus strebt unaufhaltsam seinem persönlichen »D-Day« entgegen. Er verkauft sein Atelier, das Auto, wirft allen Besitz weg, bis ihm noch Zahnbürste und Rasierer bleiben. »Zeichne dich ins Verschwinden hinein!« beschreibt er den Auflösungswunsch, der ihn fortan beherrscht.

Bonné kreiert eine Welt, in der alles parallel existiert: die historischen Schauplätze, Markus’ Erinnerungen, die Biographie der toten Schwester. Eine Welt, in der alles ständig wechselseitig wirkt, das eine im anderen widerscheint. Jeder Auftretende eine Facette desselben Bewusstseins: »... als wäre ich zur einen Hälfte der maulende Junge und zur anderen der Reden schwingende Alte. Nur mich selbst hörte ich dabei nicht.«

Wie die Brücken ist auch die Reise Motiv des Übergangs. Bonné ist da Meister des Transzendenten, wo in die realistische Erzählung Momente des Phantastischen einbrechen. »Ungewollt artifiziell«, wie manche Rezensenten beklagen, ist das nicht. Bonné steht in Tradition der großen realistischen Romane des 20. Jahrhunderts: »Der Zauberberg« etwa, oder die »Blechtrommel«. Auch sie transzendieren reales Geschehen, verweben es mit dem Unwahrscheinlichen, Seltsamen. Damit bringen sie das Unverstandene, Unverarbeitete hervor, das jeder Lebensgeschichte innewohnt. Gerade das Phantastisch-Unwahrscheinliche ist es, das den Protagonisten vor der Auslöschung bewahrt. In Gestalt der Elsässerin Lilith kehrt die verlorene Schwester zu ihm zurück und führt ihn wieder ins Leben. Sie lädt ihn zu einer Schiffsfahrt ein - wieder eine Reise - die ihn nach Hamburg bringt. Nicht nur räumlich, auch innenräumlich findet Markus nach Hause. Nur durch Lilith wird das möglich. Die beiden werden ein Liebespaar, Markus kann Ira »sterben lassen« - indem er sie in Lilith, der Doppelgängerin, wiederfindet.

Nach all der Selbstauflösung ein fast klischeehaftes »Happy End«: Lilith und Markus in Hamburg, zusammen mit dem Rest der Familie Lee und den Juhls. Idylle ist möglich, zumindest die Aussicht darauf: »Wie sie wollte ich von Glück nicht nur reden können«, resümmiert Markus Lee beim Anblick der ruhigen Augen seiner Mutter. Vielleicht ist weder das Reale, noch das Phantastische Ort des Glücks - sondern nur die Ebene, wo sich beide begegnen.

Mirko Bonné: Nie wieder Nacht. Verlag Schöffling & Co. 360 S., geb., 19,95 €.

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