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Kritischerer Umgang mit Peenemünde gefordert

Deutsch-polnisches Forum legt Manifest vor

  • Von Martina Rathke, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
In einem Manifest fordert eine deutsch-polnische Initiative eine stärkere Fokussierung des Peenemünder Museums auf die NS-Opfer und eine Beteiligung des Bundes an der Einrichtung. Auch der ehemalige Museumschef Dirk Zache hat unterschrieben - ein Bericht aus Mecklenburg-Vorpommern.

Peenemünde. In einem Peenemünder Manifest ruft das deutsch-polnische Kulturforum Odermündung zu einem kritischeren Umgang mit der Geschichte des ehemaligen nationalsozialistischen Raketenversuchszentrums auf. Die Initiatoren fordern in dem Papier die Umwandlung des Historisch-Technischen Museums auf Usedom in eine Stiftung unter Beteiligung des Bundes und die zeitnahe Einsetzung eines internationalen wissenschaftlichen Beirats. Ziel müsse die stärkere Akzentuierung des Themas Zwangsarbeit sein.

Beteiligung des Bundes?

Der frühere Museumschef von Peenemünde, Dirk Zache, hat eigenen Angaben zufolge das Manifest unterschrieben. Es sei immer schon die ursprüngliche Idee gewesen, dass sich der Bund über eine Stiftung am Museum beteilige, sagte er der dpa. Damit würde Peenemünde endlich in den für den Ort angemessenen nationalen Kontext gestellt. Im hermetisch abgeschlossenen Norden der Insel Usedom arbeiteten die Nationalsozialisten an der Entwicklung der V2-Waffe. Dazu wurden Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge eingesetzt. In der unterirdischen Produktionsstätte Mittelbau-Dora bei Nordhausen (Thüringen) sollen beim Bau der Waffe schätzungsweise mehr als 10 000 KZ-Häftlinge gestorben sein.

Zache, heute Direktor des Westfälischen Landesmuseums für Industriekultur, hatte von 1996 bis 2005 das Museum geleitet. Unter seiner Leitung und mit Hilfe eines wissenschaftlichen Beirats wurde eine viel beachtete Dauerausstellung zur Geschichte Peenemündes erarbeitet. Die Ausstellungsmacher werteten Material aus Archiven in Deutschland, Großbritannien und den USA aus und befragten Zeitzeugen. Die Idee, den Bund über eine Stiftung an dem Museum zu beteiligen, scheiterte damals - wie Kritiker behaupten, am Widerstand des Landes, das eine eigene größere finanzielle Beteiligung befürchtet habe. »Der Bund war damals bereit, in eine Stiftung einzutreten«, sagte Zache. Im Jahr 2010 übernahm dann das Land 51 Prozent der Anteile an der GmbH, um einen absehbaren Konkurs abzuwenden. Bis dahin hatte die 300 Einwohner zählende Gemeinde Peenemünde allein das Museum getragen.

Der Sprecher des SPD-nahen deutsch-polnischen Kulturforums, Günther Jikeli, nannte am Dienstag die chronische Unterfinanzierung des Museums als weiteren Grund für die Forderung nach Umwandlung in eine Stiftung. Peenemünde dürfe nicht nur in die Museumslandschaft eingebunden sein, sondern müsse den Status einer Gedenkstätte erhalten. Die Initiatoren sind derzeit dabei, prominente Erstunterzeichner für das Manifest zu gewinnen. Es soll am Sonntag nach einer Gedenkveranstaltung vorgestellt werden.

Der Direktor widerspricht

Der Direktor des Museums, Michael Gericke, reagierte überrascht auf das Peenemünder Manifest. Er kenne das Papier nicht. Mit dem Museum sei bislang nicht gesprochen worden. Zudem wies er die Forderungen als unberechtigt zurück. Es gebe seit Jahren eine intensive politische Bildungsarbeit und Workshops mit Jugendlichen. Zudem dokumentiere das Museum die Geschichte in einer differenzierten Darstellung, sagte er.

Das deutsch-polnische Kulturforum erinnert an diesem Samstag mit einer Gedenkfeier an die Verschleppung von rund 600 KZ-Häftlingen von Peenemünde nach Mittelbau-Dora vor genau 70 Jahren. Im Sommer 1943 war Peenemünde von den Briten bombardiert worden, woraufhin die Nationalsozialisten die V2-Produktionsstätten in die Bergwerksstollen von Mittelbau-Dora verlagerten.

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