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Harry, 106, trifft Charles, 107

Was ein deutscher und ein britischer Veteran 2004 in Flandern einander zu sagen hatten

  • Von Reiner Oschmann , Ypern
  • Lesedauer: 6 Min.

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2014 jährt sich der Erste Weltkrieg zum hundertsten Mal. In vier Teilen berichtet unser Autor aus Flandern, einem Schlachtfeld Europas. Teil eins gilt zwei Hundertjährigen. Sie gehörten zu einer Generation, »die vom Kriege zerstört wurde - auch wenn sie seinen Granaten entkam«, wie E.M. Remarque schrieb. Er war Kriegsfreiwilliger. In Flandern.

Im Krieg sind sie einander unbekannt, als Feinde sich aber nah. 1917 - der Große Krieg, der im August 1914 beginnt und nach Meinung des militärisch ahnungslosen Kaisers Wilhelm II. die Soldaten wieder »daheim« haben wird, »wenn das Laub fällt«, dieser Weltkrieg geht ins vierte Jahr. Die zwei Soldaten stehen sich bei Ypern, im platten Hinterland von Flanderns Nordseeküste, nur Hunderte Meter getrennt gegenüber: der Deutsche Charles Kuentz und der Engländer Henry John Patch.

Kuentz stammt aus Ranspach im Elsass, ist 20 Jahre alt und bei Kriegsbeginn Gymnasiast. Er wird 1916 aus dem Archäologiestudium zur Artillerieausbildung nach Jüterbog eingezogen. Im Laufe seines Lebens - er stirbt mit 108 am 7. April 2004 - wechselt er als Elsässer vier Mal die Nationalität, wird nach seiner Ausbildung nach Russland versetzt, kommt 1917 nach Frankreich und nimmt bis Kriegsende am 11. November 1918 an vielen Schlachten teil - an der Marne, in der Champagne und in Belgien, wo 1917 die verheerendste Schlacht im sogenannten Ypern-Bogen bei Passendale stattfindet.

Es ist diese dritte Flandern-Schlacht, in der sich Gardist Kuentz auf deutscher und der englische Wehrpflichtige Patch auf Seiten der Alliierten aus Briten, Franzosen und Belgiern gegenüberstehen. Besser: gegenüberliegen. Seit dem ersten Kriegsherbst sind die Offensiven versandet, verschlammt und vereist, ist der Bewegungskrieg zum Stillstand gekommen. Geländegewinne? Ein paar Meter, allenfalls wenige Kilometer mal für die eine, mal die andere Seite. Jedes Mal mit biblischen Todeszahlen quittiert. Die dritte Ypern-Schlacht fordert fast 600 000 Tote und Verwundete. Der Geländegewinn für die Alliierten beträgt acht Kilometer. Die Deutschen machen ihn 1918 bei ihrer Frühjahrsoffensive wieder wett …

»Dennoch schicken wir unsere Kerle wieder in den Krieg«

Harry Patch ist 19, als er als Hilfsschütze einer MG-Batterie in der Duke of Cornwall’s Light Infantry in Flandern landet. Der Klempner aus Somerset heißt bei seinen Kameraden nur »Harry«, und als Harry Patch bleibt er bis ans Lebensende bekannt. Er stirbt am 25. Juli 2009, einen Monat nach seinem 111. Geburtstag. Vorübergehend ältester Mann Europas, gilt er als der letzte Überlebende der Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Jenes Krieges, der die »Urkatastrophe« einleitet, ohne die keine größere Entwicklung des 20. Jahrhunderts plausibel zu erklären ist. Gleich gar nicht der Zweite Weltkrieg.

Ein Staatsbegräbnis in Westminster Abbey, das ihm der britische Premier Gordon Brown in Aussicht stellt, lehnt Harry Patch dankend ab. Sein hohes Alter sei selten, aber kein Grund für einen Staatsakt. Außerdem mag sich der über 100-Jährige nicht damit anfreunden, dass »andere junge Männer durchmachen sollen, was wir erlebten - dennoch schicken wir unsere Kerle wieder in den Krieg. Unsere Jungs werden in Irak getötet, und sie erhalten Befehl zu töten …«

Erst jenseits der 100 fingen sie an zu sprechen

Charles Kuentz, als Deutscher im Elsass geboren, 1918 Franzose, 1940 nach dem Nazi-Überfall Deutscher und 1945 wieder Franzose, bleibt unversehrt, während Harry Patch 1917 in Passendale bei einem deutschen Granatenangriff drei Kameraden verliert, selbst mit einer Leistenverletzung ins Lazarett und später heim nach England kommt. Beide reden nach dem Krieg lange Zeit kein Wort über den Krieg. Charles steht bis kurz vor seinem Tod »allmorgens um Sechs auf, macht etwas Gymnastik und betet viel«, beschreibt Tochter Marie-Thérèse die Gewohnheiten ihres Vaters. Harry hört im Schlaf oft »das Stöhnen verwundeter Soldaten auf dem Schlachtfeld und ihre Hilferufe in Englisch und Deutsch«. Wenn auf Somersets Straßen ein Auto eine Fehlzündung hat, bemerkt er, dass »Zivilisten vor Vergnügen juchzen, alte Soldaten jedoch in Deckung gehen«. Harry sieht sich nach dem Einzug der Fernseher »keinen Kriegsfilm an. Hatte auf dem Bildschirm etwas mit Krieg zu tun, habe ich die Kiste ausgeschaltet.«

Eine Wende tritt für Charles und Harry ein, als sie hundert sind und zum schrumpfenden Kreis der letzten Veteranen gehören. Das Interesse der Medien wächst, beide fangen an zu sprechen. 2002, als er 104 ist, kehrt Patch erstmals nach Flandern zurück. Als man ihn bittet, auf einem der Soldatenfriedhöfe, die in Yperns Umgebung so zahlreich wie die Kuh- und Pferdekoppeln sind, einen Kranz niederzulegen, schafft er es nicht. Harry sitzt und weint.

Zwei Jahre darauf fällt es leichter. Weil er nicht allein ist? In seiner bewegenden Autobiografie »The Last Fighting Tommy« sagt Patch auf die Frage der BBC, ob er bereit wäre, den deutschen Veteranen Kuentz zu treffen: »Meine erste Reaktion war ›nein‹, doch dann begann ich mich mit der Idee anzufreunden. Charles war eingezogen worden wie ich und kämpfte für den Kaiser, so wie ich für den König. Diese beiden waren ja Cousins, das Ganze eine Familienangelegenheit. Schon das zeigt, wie idiotisch Krieg ist.«

»Es gab eine Zeit, da wäre es Hochverrat gewesen«

Am 26. Juli 2004 treffen sich die Veteranen - 87 Jahre nachdem sie nur Hunderte Meter voneinander entfernt bei Ypern lagen. Harry ist nun 106, Charles 107. Zusammen besuchen sie den Soldatenfriedhof Langemark, wo 44 000 deutsche Soldaten ruhen, und den größten Friedhof des Commonwealth, Tyne Cot in Passendale, wo 12 000 Militärangehörige des Empire bestattet sind und Gedenkwände die Namen von 35 000 Vermissten tragen.

Charles und Harry legen Kränze nieder. Auf dem baumbestandenen, schattigen Friedhof Langemark hebt Harry eine Eichel auf und gibt sie seinem »Feind«. Charles bedankt sich, zögernd schütteln sie die Hände. Dann schweigen sie - der eine spricht kein Englisch, der andere kein Deutsch, Dolmetscher helfen - und blicken über die Grabplatten. Sie sprechen keine gemeinsame Sprache, aber ihre Gedanken sind beieinander.

Nach dem Treffen in Flandern, bei dem der Engländer dem Deutsch-Franzosen eine Flasche Apfelsekt überreicht, wofür der sich mit Elsässer Keks revanchiert, erhält Harry im englischen Pflegeheim einen Brief von Charles. Kuentz schreibt: »Ihre Hand zu schütteln war mir eine Ehre, und mit dieser Geste haben wir mehr für den Frieden zum Ausdruck gebracht, als dies anderes hätte tun können.« Patchs Reaktion: »Es gab eine Zeit, da wäre es Hochverrat gewesen, die Hand eines Feinds zu ergreifen, doch alles, was Charles und ich wollen, ist Frieden. Wir sind seit langem Pazifisten und finden: Krieg ist nichts als lizenzierter Massenmord. Wir haben beide viel mehr gemeinsam, als ich für möglich gehalten hätte.«

Der junge Belgier Simon Louagie, der in Mesen in einem »Peace Village« mit Jugendlichen vieler Länder zusammenarbeitet, erlebt Patch und Kuentz bei ihrem Treffen 2004 auf der letzten Station am Menen-Tor in Ypern. Das Tor ist ein britisches Mahnmal gegen den Krieg, an dem seit 1928 allabendlich der Zapfenstreich zum Gedenken an die Kriegsopfer geblasen wird. Hier verabschieden sich die beiden. Simon ist dabei, als Charles, der 107-Jährige, ins Auto steigt, dem Engländer Harry die Hand reicht und sagt: »Goodbye, Tommy!« Harry, 106, schlagfertig: »See you later, Fritz!«

Nächstes »wochen-nd«: Begegnung mit Bundeswehrsoldaten auf dem zweitgrößten deutschen Soldatenfriedhof in Flandern sowie Mythos und Wirklichkeit von »Langemarck«.

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