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Verklebt vom Honig der Anerkennung

Die erschütternden Tagebücher von Imre Kertész: »Letzte Einkehr«

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 6 Min.

Er schaut und schreibt wie ein Mensch, der von Existenz schwer gezeichnet ist. Und der doch ein Leben lang in lauter Unwirklichkeiten unterwegs war. Imre Kertész, Nobelpreisträger für Literatur 2002 - das bleibt, vor allem, der weltberühmte »Roman eines Schicksallosen«. Eines Jungen erschütternd naives Weltvertrauen mitten im Höllischsten - einer KZ-Welt, die Kertész später im Roman »Fiasko« so umriss: »Ich hatte das einfache Geheimnis der mir zugedachten Welt begriffen: überall und jederzeit erschießbar zu sein.« Eine autobiografische Wahrheit, von der dieser ungarische Jude tief im Herzen niemals loskam, auch nicht im Erfolg und nicht im Ruhm. Auschwitz blieb ihm eine Antimaterie des Humanismus und damit jeder Erkenntnislehre. Dieses Thema verschlingt jeden Versuch von Sinnstiftung. Aber: »Es gibt keine Absurdität, die man nicht ganz natürlich leben würde.« Diese Absurdität in Kontakt, in Kollision mit dem Ansturm der gewöhnlichen Augenblicke des Daseins - die nicht zu umgehen sind, wenn man nicht rechtzeitig aus dem Fenster springt. Warum sprang Kertész nicht? »Solange es ein Werk gibt, gibt es auch einen Unterschlupf.«

Das ist der Widerspruchskern, um den diese Tagebücher 2001 bis 2009 kreisen. Im harten, leisen, barschen, wunden, sarkastischen, auch heiterenTon der Traurigkeit, die manchmal am größten ist, wenn Kertész Ja zum Leben sagt. »Letzte Einkehr« - letzte Bewegungen gleichsam auf dem Gang zum Fenster, in steter Unentschiedenheirt ob hinauszuspringen oder nur hinauszuschauen sei. »Ich - ein anderer« hieß ein Buch, das Kertész vor Jahren veröffentlichte, er kommt in diesen Tagebüchern mitunter darauf zu sprechen, und bereits der Titel ließ ahnen, dass der Autor bleiben würde, was er stets war - ein Radikaler im Ursinn des Wortes, der bei Recherchen im eigenen Leben stets zur Kardinalfrage zurückkehrt: Wer, was bin ich, welches ist meine besondere Geschichte? Für Kertész eine Frage, die nie zu beantworten sein wird.

Die Gewissheit, dass Ich ein anderer sei, nimmt dem Lebensweg die Sicherheit jeder Logik und vernünftigen Steuerung - die so sehr Fiktion ist wie die angebliche Gesetzmäßigkeit von Geschichte. Erinnerung und Wahrnehmung als eine Selbstvergewisserung: Wir sind, tauchen wir zum Grund der Ehrlichkeit, doch weitgehend Unbekannte und Unverlässliche in eigener Haut, bewegen uns auf unsicheren Böden, und wo ein Mensch sich seiner fragmentarischen Existenz, seiner planerischen Ohnmacht und seiner geistigen Brüchigkeit bewusst wird, dort tritt er scheu und gerettet beiseite, wo die Kolonnen der Weltbefreiung sich sammeln.

Für Kertész ist Optimismus Feigheit, »vor den letzten Fragen auszuweichen«. Nach Auschwitz erübrige es sich, über die menschliche Natur zu richten, wie es große Moralisten - Montaigne oder La Rochefoucauld - im Aufwind einer entgötterten Hoffnung auf den bekehrbaren Menschen noch tun konnten. Der Weg der Moralisten führe zu gefährlich heran an Ideologien der Massenbewegungen. Nur für sich selbst einzustehen, so sagt der Schriftsteller ausdauernd, sei immer das Schwerste gewesen. »Es ist leichter, sich erlösenden Ideen hinzugeben, als auf der eigenen, einzigartigen und unwiederholbaren Existenz zu beharren.« Indem man dem Menschen aufklärerisch, erzieherisch alles zu nehmen versuche, was in seinem Verhalten, in seinem Denken und Fühlen ewig, fest gefügt sei, unterwerfe man ihn einer Formbarkeit, die ihn womöglich überfordere; der Mensch besteht aus Unveränderlichem und ständiger Verflüchtigung zugleich.

Als Kertész nach dem Krieg, heimgekehrt aus den Lagern der deutschen Faschisten, in die ungarische kommunistische Partei eintrat, tat er dies aus »Anstand«, aus dem Bedürfnis nach »Zugehörigkeit« - die ihm aber nicht gelang. Zu unfähig war er, »die Augen zu verschließen und die Welt vom Standpunkt einer Theorie zu erklären«. Die Befreiung vom nazistischen Terror wurde in einem anderen Maße als erwartet zur Heimkehr: Es war eine Fortsetzung der Fremde, die »das Gefühl der Absurdität des Lebens, die einfache und unanfechtbare Wahrheit der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins« auch unter neuzeitlichen Vorzeichen bestätigte. »Das Leben ist ein Irrtum, den auch der Tod nicht korrigiert.«

Die Tagebücher sind auch Chronik einer neuen Roman-Anstrengung, eines Scheiterns. Ein Projekt, ein Abbruch. Doch wieder ist im Nichtgelingen etwas Großes, Wichtiges beschlossen: Angst und Scham - und beides sind ihm Ausweise bewussten Erlebens, nicht nur des Schreibens. Bewusstes Leben ist zu großen Teilen Eingeständnis, und nicht dieses selbstbeschwichtigende: Ach, ich habe mich doch bemüht … ach, ich darf mir doch zugute halten … ach, ich glaubte doch an die gute Idee … Kertész kann nichts akzeptieren, was Schmerzgründe auspolstert.

Er ist ein Mensch, der sich, um zu sein, beständig aus den Regularien der öffentlichen Abläufe zurückzieht. Das Tagebuch formuliert unabänderlich scharf, was den ehemaligen KZ-Häftling immer schon bewog, Gedenkveranstaltungen zu meiden, Opfertreffen und -Ehrungen abzulehnen: Die Toten seien unbeschmutzt von der Schande des Holocaust - dagegen ist es eine bittere Sache, den Stempel des Überlebens zu tragen, für das es keine Erklärung gibt. Der Geschundene als »Wundertier«, das sich »das Bedauern der Jubiläumsreden« einstreicht; »du merkst gar nicht daß du zum kitschigen Nebendarsteller in einer falschen Erzählung geworden bist und deine Geschichte, die du langsam selbst am wenigsten verstehst, verramschst«. Er fühlt sich, mit seinem späten literarischen Erfolg, wie eine »lächerliche Fliege«, die vom »Honig« der Anerkennung zehrt.

Das Tagebuch skizziert die bedrängenden Abfolgen aus Ekel am ultrarechten Ungarn, radikal entblößender Selbstforschung, Reise- und Erinnerungsmomenten. Da ist das nächtliche Wachsein, der Fluch der Impotenz, die sich voranfressende Parkinson-Krankheit, die Stunden am Faszinosum Laptop, da sind die Reflexionen über die Unvereinbarkeit von Familie (»Kinder gehen mir auf die Nerven«) und Schöpfertum, Loblieder auf das Berlin links und rechts des Kurfürstendammes. Kertész wütet, als »verhätschelter Luxus-Emigrant« zu gelten, und ist doch in westlicher Umgebung erstmalig ein frei Atmender; Hasstiraden wechseln mit Liebeserklärungen, er ist erfüllt, um dann nur schreiender in die Leere zu stürzen - vergebens versucht er, Regisseur seiner Stimmungen zu sein, und immer überwiegt sein Abwehrreflex. Gegen die »Täter«, die in ihm den geehrten Juden und damit sich selber feiern - wo doch die westliche Gesellschaft auf einen »diskreten Faschismus« hinsteuert, »mit viel biologistischer Garnierung, völligem Freiheitsentzug, aber einem relativen materiellen Wohlstandsniveau«. Und, so schreibt er kopfschüttelnd: Europa kapituliere vor den unverschämt absoluten Ansprüchen des Islam.

Er lebte in Berlin, muss aber wegen seiner Krankheit zurück nach Budapest. Er ist von einer falschen Existenz in die andere gestolpert, gerannt, geschritten, gerutscht - gestoßen worden. Welch tiefe Verstörung: Dieser Autor lebte stets nur in Fortsetzungen des Ausgesetztseins. Er kennt die Welt nur grinsend - darüber, wie er selber als »Holocaust-Clown« umherhüpft. Er wünscht sich einen Ort menschenwürdigen Lebens, wirft aber sofort ein: sich dort endlich wohl fühlen zu können, das brächte wohl die Gefahr, »zu verweichlichen«.

Imre Kertész ist ein Mahnkörper des zwanzigsten Jahrhunderts: Er ist ein Unrettbarer, dessen Schicksal in eine einzige Frage mündet: »Ob es mir beim Sterben hilft, dass ich nie gelebt habe?« Dieses Buch ist Beleg einer erschütternd aberwitzigen, wahnsinnsfördernden Unbegreiflichkeit: Wen die Schöpfung auf Gipfel führen will, dem entzieht sie den Halt.

Imre Kertész: Letzte Einkehr. Tagebücher 2001 bis 2009. Mit einem Prosafragment. Aus dem Ung. von Kristin Schwamm. Rowohlt Reinbek. 464 S., geb., 24,95 Euro

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