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Vietnam trägt einen Nationalhelden zu Grabe

Der im Alter von 102 Jahren verstorbene General Vo Nguyen Giap wird in seiner Heimatprovinz Quang Binh beigesetzt

  • Von Detlef D. Pries
  • Lesedauer: 2 Min.
Vietnam trauert um eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seines jahrzehntelangen nationalen Befreiungskampfes, den schon zu Lebzeiten legendär gewordenen General Vo Nguyen Giap.

Eine Woche lang bildeten sich lange Schlangen vor dem Haus Nr. 30 in der Hanoier Straße Hoang Dieu. Zehntausende Vietnamesen wollten dem einstigen Hausherrn eine letzte Ehre erweisen. Der legendäre General Vo Nguyen Giap war am 4. Oktober im Alter von 102 Jahren in einem Militärkrankenhaus verstorben. Am Wochenende finden die offiziellen Beisetzungsfeierlichkeiten statt, bevor die sterbliche Hülle des Mannes, der längst als Nationalheld in die Geschichte eingegangen ist, auf dessen Wunsch in seiner zentralvietnamesischen Heimatprovinz Quang Binh beigesetzt wird.

Dort war Vo Giap, wie er eigentlich hieß, am 25. August 1911 als Sohn eines Dorflehrers geboren worden. Lehrer wurde auch er, der sich schon in früher Jugend der revolutionären Bewegung seines Landes anschloss und gegen die französischen Kolonialherren kämpfte. Ho Chi Minh war es, der »Bruder Van« im Dezember 1944 das Kommando über die anfangs lediglich 34-köpfige »Bewaffnete Propagandaeinheit zur Befreiung Vietnams« übertrug. Es war die Keimzelle der späteren Volksarmee.

Weltbekannt wurde General Giap, der nie eine Militärakademie besucht hatte, durch den Sieg dieser Armee in der Schlacht von Dien Bien Phu 1954, die das Ende der französischen Herrschaft besiegelte - und Vietnam dennoch nicht die ersehnte Befreiung brachte.

Denn das Land blieb gespalten und wurde durch die Aggression der USA in einen weiteren opferreichen Krieg gezwungen. Vo Nguyen Giap, jahrzehntelang Mitglied des Politbüros des ZK der Kommunistischen Partei, Verteidigungsminister und Vizepremier Vietnams, gilt unter anderem als geistiger Vater des »Ho-Chi-Minh-Pfads«, jenes Netzes von Straßen und Dschungelpfaden, das der Nachschubversorgung der im Süden kämpfenden Truppe diente. Als Militärstratege und als Politiker trug er maßgeblich zum Sieg im »amerikanischen Krieg« 1975 und zur folgenden Vereinigung Vietnams bei.

Auch nach dem Rückzug aus offiziellen Ämtern in den 90er Jahren meldete er sich - bisweilen zum Ärger seiner Nachfolger - zu gesellschaftlichen Problemen Vietnams zu Wort, indem er sich gegen Korruption, Bürokratie und Umweltvergiftung wandte.

In vielen Nachrufen dieser Tage wird Vo Nguyen Giap in eine Reihe mit anderen Heerführern gestellt: Vom »Roten Napoleon« ist die Rede, man vergleicht ihn mit dem deutschen Wehrmachtsgeneral Rommel oder den US-Generälen MacArthur und Westmoreland, einem seiner unmittelbaren Gegenspieler. Alle diese Vergleiche lassen Entscheidendes außer Acht: Giaps militärisches Sinnen war nicht auf die Eroberung fremder Länder und die Unterdrückung anderer Völker gerichtet, sondern auf die Beendigung der Fremdherrschaft über seine Heimat. Eben deshalb wird er über seinen Tod hinaus als Volksheld verehrt.

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