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Leben, Musik, Welt, Inspiration, Vorbilder

»2 x hören« im Konzerthaus Berlin: Alban Gerhardt spielte Brittens Violoncello-Suite Nr. 1

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Es macht Spaß, über »2 x hören« Bericht zu geben. Was neulich wieder zu hören war, langweilte keine Minute. Britten, der Interpret, der Moderator, eine fröhliche Einheit, freilich nicht ohne Haken und Ösen, was ja die Würze ausmacht. Hochlöblich, der Saal ist prallvoll, wenn Moderator Arno Lücker, er komponiert auch, mit seinen Partnern auftritt. Die Leute, das ist fühlbar, gehen mit. Das Typische der Reihe: Es fehlen vorab die Programmzettel. Die werden am Ende ausgehändigt. Der Hörer soll unvermittelt zunächst die Ausführung wahrnehmen. Ein ganzes Stück zumeist. Dann wird disputiert, über Leben, Musik, Welt, über Inspiration, Vorbilder. Das Publikum, sofern gebeten, darf mitreden.

Diesmal kam Benjamin Brittens Suite für Violoncello solo Nr. 1 op. 72 von 1964 (Britten war zu der Zeit 41 Jahre alt) zur Aufführung. Solist: Alban Gerhardt. Bevor es losgeht, können die schon Eingetroffenen Videos wahrnehmen: Fotos, Schriftbilder, Notenbilder des Komponisten. .

Ohne Federlesen spielte Gerhardt sogleich. Das Stück besteht aus neun Sätzen, ein jeder trägt Überschriften. Konträre Satzbildungen schaffen Spannung, unterschiedlichste expressive, auch romantische, liedhafte Charaktere figurieren von Satz zu Satz. Eine Komposition, schön, voller Gefühle, auch dunkel, traurig, die allemal konzentrierte Wahrnehmung verlangt. Wer das Instrument verstehen will, seine Klanglichkeit, seine Spiel- und Ausdrucksmöglichkeiten, sollte dies Stück, es dauert an die 20 Minuten, verstehen lernen. Das arbeitete die Veranstaltung heraus - und mehr.

Launig der Interpret, musikalisch in bester Verfassung. Er sucht noch die ernstesten Dinge ins Paradoxe zu treiben. Über Schwierigstes im Technischen spricht er wie ein Kind, das wundersame Spielsachen erstaunt anschaut. Gerhardt gehört zu den Musikern, die über »Inhalte« der Musik sich höchst ungern oder ironisch äußern. Arno Lücker gab per Video Einblicke in die Biografie des Jubilars (der 1913 geborene Britten würde im November 100 werden), er tippt auch das Opernwerk, Kammer- und Orchestermusik per Klangbeispiel an. Zum gespielten Werk selbst äußern sich Interpret wie Moderator, indem sie auf Notenbeispiele weisen, die an der Wand zu sehen sind, und diese spielen bzw. kommentieren.

Dass Britten - den seinerzeitigen Avantgardismus wehrte er ab - die Peripherie des Instruments (Streichen, Klopfen des Korpus, Sägen) generell nicht betätigt hat - heute ist derlei gängig -, sei Konsequenz einer Haltung. Lücker konstatiert zwar, Brittens Kompositionskultur sei häufig als konservativ gewertet worden, geht aber damit nicht konform. Allein die Cello-Suite Nr. 1 stecke voller Einfälle. Originell, fantasievoll, überraschend die Fakturen. Instruktiv: Die Bordunklänge des achten Satzes »Bordone« vergleicht Lücker mit der Drehleier und zeigt Bilder dieses Instruments. Auch der Satz »Marcia« findet Beachtung, darin sich ein jeglicher Militanz entledigender Marsch enthüllt, mit leisen, spieluhrenförmigen Signalen zwischendurch und am Ende, die im Felde eigentlich den Hörnern gehören. Zuletzt wiederholte Alban Gerhardt das Werk in nahezu gleichbleibender Qualität, was Begeisterung auslöste.

Als Animatoren fungierten bisher Solisten, Trios oder Quartette. Arno Lücker, Konzerthausdramaturg, Kreator der Reihe »2 x hören«, sollte, wenn es die Kasse erlaubt, auch mal Orchestermusiker ins Benehmen setzen, erkundend die Improvisation. Da gibt es bei den Orchestern viel Nachholebedarf und zugleich manches Interesse.

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