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Äpfel und Birnen

Die Kultusministerkonferenz legten neuen Schulleistungsvergleich vor

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Ostdeutsche Neuntklässler können besser rechnen als westdeutsche Jugendliche. Meinen jedenfalls die Kultusminister, die dafür einen Schulleistungsvergleich in Auftrag gaben.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) der Länder hat am Freitag einen neuen Schulleistungsvergleich vorgelegt. Das Ergebnis allerdings ist das altbekannte: Der Bildungserfolg ist nach wie vor bundesweit an die soziale Herkunft der Schülerinnen und Schüler gekoppelt, wobei Kinder aus Einwandererfamilien doppelt benachteiligt sind, wenn ihre Eltern nicht zu den akademisch gebildeten Schichten gehören - was bei der Mehrheit der Zugewanderten der Fall ist.

In keinem Bundesland gelinge es, soziale Chancengleichheit in der Schule herzustellen, stellten die Wissenschaftler des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) bei der Vorstellung des Schulleistungsvergleichs fest. Wie in vorangegangenen Studien gibt es auch diesmal keine signifikanten Unterschiede zwischen den Leistungen von Mädchen und Jungen; Jungen erzielten in Mathematik erneut höhere Werte als Mädchen. Bei den Naturwissenschaften waren allerdings die Mädchen im Durchschnitt die Besseren.

Um zu dieser Erkenntnis zu gelangen, hatten die Mitarbeiter des ländereigenen Instituts im Mai und Juni 2012 mehr als 1300 Schulen im gesamten Bundesgebiet besucht und Neuntklässler in den Fächern Mathematik, Biologie, Chemie und Physik getestet. An dem Schultest hatten sich über 44 000 Schüler aus den neunten Klassen aller Schulformen beteiligt. In Mathematik ist Sachsen absoluter Spitzenreiter mit 536 Punkten, gefolgt von Thüringen (521) und Brandenburg (518). Schlusslicht ist Bremen mit 471 Punkten. Ein Unterschied von 25 bis 30 Punkten entspricht in etwa dem Lernfortschritt eines Schuljahres. Basis für den Test waren die von der KMK für alle Bundesländer verbindlich eingeführten Bildungsstandards. Diese definieren, was Schülerinnen und Schüler am Ende der jeweiligen Jahrgangsstufe können sollen und dienen den Lehrkräften als Zielvorgabe. Die Bildungsstandards haben vor einigen Jahren die bis dahin gültigen Lehrpläne abgelöst, die teilweise von Bundesland zu Bundesland erheblich differierten.

Die Ergebnisse der Vergleichsstudie wertete der Präsidenten der KMK, Stephan Dorgeloh (SPD), positiv. »Insbesondere die Schülerinnen und Schüler in ostdeutschen Ländern erzielten ein erfreulich hohes Kompetenzniveau«, freute sich der Kultusministern von Sachsen-Anhalt.

Die Schulexpertin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Ilka Hoffmann, wollte gestern in dieses Lob nicht einstimmen. »Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit«, betonte die Leiterin des GEW-Vorstandsbereichs Schule. Die Fakten seien seit Jahren weitgehend bekannt, die Ergebnisse der aktuellen Studie entsprechend »nur mäßig spannend«. Es sei »höchste Eisenbahn, dass sich die Bildungsforschung mit anderen Themen auseinandersetzt«, forderte Hoffmann, und nannte als Beispiele den Umbau des Schulsystems, die Lehrerfortbildung und bessere Bedingungen für die individuelle Lernunterstützung gerade von lernschwachen Schülerinnen und Schülern.

Dass Jugendliche aus sozial besser gestellten Familien einen Leistungsvorsprung von zum Teil drei Schuljahren gegenüber ärmeren Kindern hätten, habe auch »die jahrelange Testeritis« nicht ändern können, so Hoffmann weiter. Die KMK müsse mehr Energie in »die Umsetzung von Chancengleichheit statt in sich immer wiederholende Studien« stecken. Vergleiche wie der am Freitag veröffentlichte seien zudem nur dann sinnvoll, wenn wirtschaftlich und soziokulturell ähnliche Räume untersucht würden. »Sonst werden Äpfel mit Birnen verglichen.« Die guten Ergebnisse in manchen östlichen Bundesländern dürften zudem nicht darüber hinwegtäuschen, »dass hier mehr Kinder als im Bundesdurchschnitt in Förderschulen sortiert werden«, kritisiert Hoffmann.

Das IQB zeichnet nicht nur für die aktuelle Vergleichsstudie verantwortlich. Im Auftrag der KMK hat das IQB seit 2004 VERA (VERgleichsArbeiten) entwickelt. VERA testet das Können von Schülern der dritten und achten Klassen. Die Ergebnisse ähneln jenen, die am Freitag von der KMK veröffentlicht wurden. Auch der Hinweis auf den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg fehlt in den Ergebnisanalysen nicht. Die KMK erhält also seit rund zehn Jahren die immer gleichen Befunde. Da das damit verbundene Länderranking aber je nach Anlage der Studie leicht variiert, dient das Ranking den Kultusministern als eine Art Hitparade. So war am Freitag Mecklenburg-Vorpommerns Bildungsminister Mathias Brodkorb (SPD) höchst erfreut über das gute Abschneiden seines Landes und nutzte dieses dazu, eine Lanze für das Schulsystem seines Landes zu brechen. Das sei »besser als sein Ruf«, meinte Brodkorb.

Was er nicht sagte: Im Nordosten ist der Anteil von Schülern, die auf Sonderschulen verwiesen werden, nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung vom Frühjahr mit 7,6 Prozent der Höchste in ganz Deutschland. Zum Vergleich: In Schleswig-Holstein beträgt die Quote der Förderschüler lediglich 2,7 Prozent.

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