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Preise, Steuern, Stromausfälle

Blicke in das amerikanische Gesicht bei einem Besuch in Boston

  • Von Hannes Hofbauer
  • Lesedauer: 7 Min.
Einreise, Einkauf im Supermarkt und unterwegs mit »Silverline«-Bus oder Bahn. Einblicke in den Bostoner und damit den US-amerikanischen Alltag geben auf ihre Weise Aufschluss über die Budget-Krise.

Der freundliche Einreisepolizist - die US-amerikanische Freundlichkeit ist ebenso sprichwörtlich wie unverbindlich - entspricht dem Plakat vor seinem gläsernen Kästchen, in dem er sitzt: »We are the face of America«, steht da zu lesen. Das amerikanische Gesicht will vor allem das meinige festhalten, und zwar mit einem digitalen Fotoapparat. Ich halte still. Nur beim Abdruck meiner linken vier Finger dürfte ich mich unabsichtlich bewegt haben. Insgesamt vier Datensätze braucht es, um die Fingerabdrücke eines jeden Einreisenden zu erfassen, die Daumen werden extra abgenommen.

Mehrmals will das amerikanische Gesicht von mir wissen, ob ich wirklich nicht vorhabe, Geschäfte in den USA zu tätigen, oder zumindest einen Kongress besuchen will. Seine psychologische Schulung ist ausgezeichnet. Als Verleger und fallweiser Referent für Zeitgeschichte hat er mich richtig eingeschätzt. Ich muss ihn enttäuschen, dieses Mal fahre ich jemanden besuchen, ohne journalistisches oder verlegerisches Interesse. Mit solchen Einreisepolizisten können sich die USA sicher fühlen, wenn da nicht die Hunderttausenden Soldaten wären, die in aller Welt Militärstationen betreiben und Kriege führen. Aber das wäre dann eine andere Geschichte ...

Star Market. Die Produktauswahl übersteigt die Vorstellung des urbanen Durchschnittseuropäers. Konsumgesellschaft auf höchstem Niveau. Die Kasse holt einen vom Warenüberangebot in die soziale Wirklichkeit. Da steht ein stotternder alter Mann, der sichtbar mehrere Schlaganfälle hinter sich hat. Auf meine zugegeben freche Frage, für die ich mich sicherheitshalber gleich vorab entschuldige, antwortet er aus mehreren Gründen nicht. Ich will von ihm wissen, wie alt er ist und erkläre mein Interesse damit, dass bei uns in Europa alte Menschen wie er nicht an Supermarktkassen stünden. Rein motorisch-sprachlich ist er anscheinend kaum in der Lage, eine klare Antwort zu geben; dazu schämt er sich, weil er die Frage gut verstanden hat, was mich wiederum negativ berührt. »Sie müssen weit jenseits der 70 sein, vielleicht 80«, lasse ich nicht locker. Er nickt, lächelt gar ein wenig. Im Weggehen will mir der alte Mann noch sagen, dass er sehr wohl eine Rente bekomme; dass diese nicht zum Überleben reicht, kann er nicht vermitteln, ist aber offensichtlich.

Die zwei Kundinnen hinter mir haben einen riesigen Berg von Einkäufen auf das Band gelegt. Sie reden die ganze Zeit laut miteinander, sind auch ansonsten recht auffällig: »Coulered, fat, underclass«, könnte man ihr Erscheinen auf Englisch zusammenfassen. Mich interessiert, wie der alte Mann an der Kasse mit diesen zwei jungen, üppigen Schwarzen fertig wird. Bald stellt sich heraus, dass es sich um zwei unterschiedliche Einkäufe handeln muss, die da in einem großen Berg auf dem Band liegen.

Aber die Waren werden danach aufgeteilt, ob sie mit Essenmarken erstanden werden können oder »Cash«, also bar, bezahlt werden müssen. Das System der Essenmarken ist in den USA des Jahres 2013 weit verbreitet, knapp 50 von insgesamt 310 Millionen US-Amerikanern leben davon. Mit ihm verbunden scheint ein staatliches Erziehungsprogramm zu sein. Wofür die sogenannten Food Stamps gelten, unterliegt strengen Kriterien.

Die zugelassenen Produkte sind auf langen Listen vermerkt, die in den Supermärkten ausliegen. Der alte Mann an der Kasse hat längst eine junge Verkäuferin zur Beratung beigezogen. Gemeinsam gehen die vier Personen - zwei vor und zwei hinter dem Laufband - die Einkäufe durch. Milch, Brot, Butter, Obst, Gemüse wandern auf die eine Seite, während Chips, Süßigkeiten, fette Käsesorten und allerlei Softdrinks extra abgelegt werden. Nach gut zehn Minuten sind die zwei Warenberge auseinandergeklaubt.

Dann wird man Zeuge des konkreten Umgangs mit der staatlichen Gesundheits- und Sozialpolitik: Der gesunde Essenberg wird mit Marken beglichen, der ungesunde mit Dollar bezahlt. Dem alten Mann hinter der Kasse stehen die Schweißperlen auf der Stirn. Jetzt muss er die Menschenschlange, die sich hinter den beiden Frauen gebildet hat, aufarbeiten.

Was im Supermarkt sonst noch auffällt, sind die hohen Preise. Insbesondere Grundnahrungsmittel wie Brot, Milch und Gemüse sind teurer als in deutschen Städten. Das verwundert auch deshalb, weil in Massachusetts wie in vielen anderen der 50 US-Staaten keine Mehrwertsteuer auf Lebensmittel erhoben wird. Der für andere Produkte oder Dienstleistungen geltende sogenannte »Sales«-Steuersatz hält sich mit 6,25 Prozent in Grenzen.

Dass in den bekannt steuerarmen Vereinigten Staaten keine oder nur sehr niedrige Massensteuern erhoben werden, überrascht einerseits positiv, weil ja gerade mit der nicht progressiven und damit unsozialen Mehrwertsteuer in EU-Europa die kleinen Leute überproportional zur Kasse gebeten werden.

Andererseits führen fehlende Steuereinnahmen unter Bedingungen einer extremen Klassengesellschaft, wie sie in den USA vorherrscht, zur systematischen Benachteiligung der ärmeren Bevölkerungsschichten. Das zeigt sich im Zustand der öffentlichen Infrastruktur - vom Verkehr über die Bildung bis zum Gesundheitswesen.

Das jährlich wiederkehrende Budgetgerangel, das das vorgeblich reichste Land der Welt an den nackten Zahlen gemessen bankrott aussehen lässt, ist Ausdruck dieser Politik des weitgehenden staatlichen Steuerverzichts. Der betrifft freilich nicht nur Massensteuern, sondern auch Reichensteuern.

Die Bostoner U-Bahnen und Bussysteme gelten US-weit als vergleichsweise gut ausgebaut. Die letzten Investitionen liegen jedoch schon Jahrzehnte zurück. Der Stolz, mit der »Green Line« eine der weltweit ersten unterirdisch fahrenden Bahnen vorweisen zu können, verhöhnt diejenigen, die im Jahr 2013 darauf angewiesen sind. Die »Green Line« mäandert seit 120 Jahren durch den Untergrund der Millionenstadt. Der Kurvenreichtum dürfte bautechnischen Notwendigkeiten der 1880er Jahre geschuldet sein, seither sind weder Streckenführung noch Unterbau erneuert worden. Innerstädtisch befinden sich die Stationen in Rufweite zueinander, das Quietschen der langsam über die Schienen kriechenden Räder klingt wie Filmmusik aus den 1930er Jahren, die eben solche Transportszenen untermalt.

Busfahrten stehen in puncto Re᠆trogefühl den ratternden Waggons der Untergrundbahn um nichts nach. Die Gefährte erreichen ein in Westeuropa unübliches Alter. Eine Fahrt im »Silverline«-Bus gerät zum Abenteuer. Wir wählen die Strecke bis Dudley Station, einem zentral gelegenen, großteils von Schwarzen bewohnten Quartier im Bostoner Süden.

Gleich zu Beginn der langen Reise fällt die eigenartige Logistik beim Ein- und Aussteigen auf. Für eine Traube von wartenden Menschen öffnet sich ausschließlich die vordere Tür. Jeder Fahrgast muss am Chauffeur vorbei, seine Wochen- oder Monatskarte vorweisen, gegebenenfalls einen Einzelfahrpreis von zwei Dollar in dafür vorgesehene Münz- oder Geldscheinschlitze werfen.

So mancher nützt die Gelegenheit, um seine »Charlie-Card« beim Pult des Chauffeurs aufzuladen, die Menschentraube vor der Tür wartet geduldig. Derselbe Vorgang wiederholt sich bei jeder Station. Nach 20 Minuten Fahrzeit steht eine Frau im Rollstuhl bei der Haltestelle. Der Buschauffeur steigt aus, geht ihr entgegen und hebt sie mit Schwung in den vorderen Teil des Gefährts. Der für den Rollstuhl vorgesehene Platz will erst umgebaut werden. Dafür müssen drei Personen in der ersten Sitzreihe ihre Stühle räumen. Die werden vom Chauffeur mit zwei, drei Handgriffen an die Wand gekippt. Eine schwere Kette befestigt den Rollstuhl am Boden. Nach zwei Stationen spult sich der Vorgang in umgekehrter Reihenfolge ab. Die Frau im Rollstuhl verlässt den Bus.

Eisenbahnfahrten sind dem innerstädtischen Verkehr, was die Ineffizienz betrifft, ebenbürtig, wenn auch vergleichsweise wesentlich teurer. Wir nehmen den Zug von Boston nach New Haven, entlang der vermutlich meist befahrenen Strecke Richtung New York und Washington gelegen. Die Fahrpreise weisen große Unterschiede auf und betragen bis zum Dreifachen des billigsten Tarifs. Umgerechnet 60 Euro kostet das billigste Ticket für die 240 Kilometer Richtung Süden. Wer die »Acela«-Züge der Amtrak-Gesellschaft bucht, zahlt fast das Dreifache, muss deshalb aber nicht schneller am Ziel sein. Am Mittwochabend lässt der Regionalzug aus New York, den wir in New Haven besteigen wollen, um zurück nach Boston zu gelangen, auf sich warten. Die fast zweistündige Verspätung kumuliert sich in kleinen Zeiteinheiten von je 15 Minuten auf der Anzeigetafel im Wartesaal.

An der Informationsstelle hinter dem Pizza-Laden erfahren wir dann den Grund der Verspätung. Die Züge aus New York seien schon den ganzen Tag über ein bis zwei Stunden dem Fahrplan hinterher, zwischen Stamford und Bridgeport sei die Elektrizität ausgefallen. Passagiere von drei Zügen nutzen diesen letzten Zug des Tages. Eine kleine Zeitungsnotiz im »Boston Globe« am Tag darauf macht darauf aufmerksam, dass der Schnellzugverkehr zwischen Boston und Washington wegen Stromausfalls bis mindestens Sonntag eingestellt werden muss.

Unwillkürlich fällt einem bei dieser Meldung das strukturelle US-amerikanische Missverhältnis von imperialer Größe nach außen und infrastruktureller Schwäche im Inneren ein. Wer für militärische Einsätze überall auf der Welt logistische Meisterleistungen vollbringen muss, um die Energiesicherheit der USA zu gewährleisten, der kann sich nicht mehr darum kümmern, ob daheim genügend Strom für die Eisenbahn zur Verfügung steht. Zwischen Washington, New York und Boston trifft dieses Manko Anfang Oktober auch jene, die 260 US-Dollar für ein One-Way-Ticket bezahlt haben.

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