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»Moinsen, Herr Thiel!«

Mit »Tatort«-Kommissar Axel Prahl durch sein Revier Münster. Von Stephan Brünjes

  • Von Stephan Brünjes
  • Lesedauer: 5 Min.

Entweder es regnet in Münster oder die Glocken läuten. Fällt beides zusammen, ist Sonntag.» Wie aus der Dienstpistole geschossen kommt Axel Prahl die hiesige, schon sprichwörtliche Wetterregel über die Lippen. Der Mann hat so seine Erfahrungen: Gerade beim Fundort einer Frauenleiche am Ufer des innerstädtischen Flüsschens Aa eingetroffen, musste der knurrige Kommissar im Jahre 2009 den Dreh zum Tatort «Hinkebein» abbrechen und inmitten immer neuer Wolkenbrüche einen halben Tag lang warten bis zur nächsten Klappe. Heute, beim «Lokaltermin» an vielen Schauplätzen des seit über zehn Jahren laufenden und mittlerweile erfolgreichsten ARD-Sonntagskrimis, hat Prahl mehr Glück. «Los, erst mal auf den Prinzipalmarkt», sagt er, schlendert deutlich bedächtiger als der stets etwas kurzbeinig-hektische Thiel und steckt sich erst mal eine an.

«Münster hat was von Lübeck», nuschelt er zwischen Zigarette und Rauchwolke hervor - mit Blick auf die Treppengiebel der beigefarbenen Kaufmannshäuser. «Fühl‘ mich sehr wohl seit dem ersten ›Tatort‹ 2002, aber leben könnt‘ ich hier nicht - zu wenig Wasser», sagt Prahl knapp und entschieden. Der Aa-See ist ihm «zu lütt», Restaurants und Bars am wiederbelebten Binnenhafen beeindrucken den Ostholsteiner Küstenjung nicht recht. Die Münsteraner dafür um so mehr. Prahl zeigt ein selbstgedrehtes Handy-Video: «Guck, tausende bei unserem Dreh, trotzdem hörste ›ne Stecknadel fallen, so still sind die Leute auf‹m Prinzipalmarkt!» Münsters Kopfsteinpflaster-Boulevard, einst Schauplatz des Westfälischen Friedens, ist heute vor allem Schaufenster - von alteingesessenen Kaufleuten: «Osthues», «Zumnorde», «Oeding-Erdel» prangt golden an den Arkaden-Fassaden. Ideale Lokalkolorit-Vorbeifahr-Kulisse im ARD-Krimi, wenn Assistentin Nadeshda dem Kommissar im Auto den aktuellen Fahndungsstand verklickert.

Heute gibt Axel Prahl hier nicht seinen Thiel, sondern eher einen Bonsai-Bogart: Jackenkragen hoch, Hut tief in die Stirn gezogen. Noch ein wenig zerknautscht morgens um Neun, möchte der untersetzte Mann mit Günther-Netzer-Scheitel und Kugelbäuchlein nicht gleich erkannt werden. Seine Tarnung hält keine fünf Minuten. «Moinsen, Herr Thiel», ruft ein Mann ihm zu. Aha, der vom St. Pauli-Fan Thiel im Münster-«Tatort» eingeführte, norddeutsche Gruß mitten im Herzen Westfalens, wo die Leute üblicherweise «Tach» sagen oder «Wohlsein». Ein paar Meter weiter, an der Lamberti-Kirche strahlen Prahls himmelblaue Augen nach oben zu drei Käfigen am Turm: «Da drin möcht› ich mal aufwachen nach durchzechter Nacht - natürlich nur im Tatort», schiebt er mit Schelm-Grinsen hinterher. Das gerinnt ihm in den Mundwinkeln, als er vom Zweck der Käfige hört: Fürstbischof Franz ließ darin die Leichen von drei radikalen Predigern verwesen. Sie hatten Vielweiberei und Straßentaufe per Wassereimer propagiert, im zweijährigen Wiedertäufer-Regime. Ein Mittelalter-«Tatort», Jahrgang 1536.

Vorm wuchtigen Dom mit dem gerade neu aufgesattelten Kupferdach bummelt der 53-jährige Schauspieler gerne über den Wochenmarkt zwischen erdig-westfälischen Gemüsebauern und henna-haarigen Bio-Wolle-Verkäuferinnen. Solche Alt-Aussteiger gehören zu Münster wie Thiels kiffender «Vadder» zum «Tatort». Kein Wunder bei 50 000 Studenten. Doch prägend für die 300 000 Einwohner-Stadt sind sie nicht. Auf der Suche nach passenden Etiketten landet man vielmehr immer wieder in der bürgerlichen Mitte: «Besenrein» wirkt die Stadt - Tauben und Hunde gibt’s, aber partout keinen Dreck. «Geordnete Verhältnisse» scheinen hier zu herrschen, denn sogar die Aa plätschert im betonierten Flussbett. Eine ideale TV-Kulisse, in der ein «Tatort»-Mord jedes Mal für gehörig Aufruhr sorgt im - übrigens auch real existierenden - Milieu hornbebrillter Tweedjacken-Honoratioren mit Einstecktuch und Schmiss.

Das hat man nicht im Ersten, sondern dem Zweiten Deutschen Fernsehen zuerst erkannt: Dort ermittelt Thiels ZDF-Kollege Wilsberg schon länger in seinem kleinen Buchladen - in der Realität das «Antiquariat Solder» ein paar Schritte unterhalb des Domplatzes. Vor der Tür erklärt Dagmar Brandt im Rahmen ihrer Führung «Krimistadt Münster» gerade, wie mit Privatdetektiv Wilsberg alles begann und dass Prof. Bernd Brinkmann, der längjährige, charismatische Leiter der münsterschen Rechtsmedizin Pate stand für Thiels Partner, den «Tatort»-Pathologen Boerne, stets blasiert und besserwisserisch gespielt von Jan Josef Liefers.

Axel Prahl hat jetzt Durst und ein Ziel - das «Pinkulus» am Rosenplatz. Nein, nicht «Pinkus Müller», die Altbierlegende unter Münsters Studentenlokalen, sondern die winzige Eckkneipe gegenüber - wie gemalt für Kommissar Thiel: St. Pauli-Wimpel und Totenkopfschal hängen an der Wand als Tresendeko. Prahl fläzt sich hin zum munteren Pointen-Pingpong mit Vladi, dem Hamburger Wirt im Westfalen-Exil und lacht nach sieben weiteren Zigaretten so rasselnd wie Thiels «Tatort»-Staatsanwältin Wilhelmine Klemm.

Weiter geht’s auf dem Rundgang, vorbei an überdimensionalen Kirschen auf einer Säule, einem quietschbunten Kronleuchter im öffentlichen WC und durch ein rot-weiß gestreiftes Tor - drei von mehr als 60 öffentlichen Installationen, entstanden im Rahmen des seit 1977 alle zehn Jahre stattfindenden Festivals Skulpturen Projekte. Axel Prahl zeigt «seine» Skulptur am Servatiiplatz - einen 3,50 Meter großen, grauen Mann, in einer Litfaßsäule steckend. Paul Wulf, ein von den Nazis verfolgter Münsteraner. «Nach der Errichtung 2007 sollte das Mahnmal eingemottet werden - aus Geldmangel», erzählt Prahl - «da hab ich gespendet und auch Kollegen dazu animiert.»

Hier, an der die City umschließenden Grünpromenade zeigt die «lebenswerteste Stadt der Welt» (UN-Preis 2004) unerwartet ihre Anarcho-Ader: Quietschende Bremsen, Hupen und Klingeln signalisieren Hoppla-hier-komm-ich-Vorfahrt-Abo. Aber nicht für Boernes Bugatti, sondern für schwarmartig auftauchende Fahrräder. 500 000 soll es in Münster geben, gerade mal 3300 finden Platz in Deutschlands größtem Fahrradparkhaus, einem gläsernen Kuchenstück, das vorm Bahnhof aufragt. Alle übrigen Zweiräder bilden, zumeist wild geparkt, auf Bürgersteigen einen Hindernisparcours für Fußgänger. Jedoch nicht im «Tatort». Kommissar Thiel hat auf dem Rennrad stets freie Bahn und doch einen Beinahecrash in Erinnerung: «Mit Kuchen im Mund sollte man eben keine Verfolgungsjagd proben», sagt Axel Prahl feixend.

Infos

  • Münster Marketing: www.tourismus-muenster.de.
  • Rundgang «Krimistadt»: Mai bis Oktober, samstags 16 Uhr ab Stadtbibliothek, 1,5 Stunden, 7 €, www.stattreisen-muenster.de.
  • «Skulp-Tour»: Broschüre mit Rundgängen zu den öffentlichen Installationen

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