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Kein Platz im Paradies

In kaum einer Stadt gibt es so wenige freie Wohnungen wie in Jena - da werden Studenten zum Goldesel für Vermieter

Diese Woche haben an vielen deutschen Hochschulen die Vorlesungen des Wintersemesters begonnen. Und damit das Chaos: Wo sollen sie wohnen, die ganzen Erstsemester? In Jena weicht man ins Umland, entkommt gierigen Vermietern.
Kein Platz im Paradies

Jena, das liegt im schönsten aller Saaletale. In Jena, da lustwandelten Goethe und Schiller durch die Gassen. In Jena, da haben Fußgänger immer grün, und der Zug hält im »Paradies«.

Wer würde hier nicht gern wohnen? »Dir fehlt doch was« wirbt derzeit die Stadt flächendeckend auf Plakaten um die Studenten, die noch nicht ihren Hauptwohnsitz in dem thüringischen Kleinod angemeldet haben. »Will ich ja gern!« - Claudia fühlt sich von der Imagekampagne auf den Arm genommen. Seit drei Wochen sucht die Erstsemesterin in Jena eine Bleibe. Der Andrang ist groß: Auch dieses Jahr fangen mit ihr über 7000 Neustudenten an. Gerade kommt sie von einem Besichtigungstermin. Das WG-Zimmer hätte sie sogar haben können. Aber die Wohngenossen in spe wollten sich die Freundschaft bezahlen lassen: 800 Euro dafür, dass sie auf der Castingliste ganz nach oben rückt. »Wie mies ist das denn?«, ruft die gebürtige Hallenserin. »Mit solchen Leuten will ich auf keinen Fall zusammenwohnen.«

Das Studentenwerk Jena bleibt angesichts der Zuwanderungsströme gelassen. »Jeder kommt unter - nur nicht unbedingt dort, wo er gern würde«, sagt Elke Voß, Pressesprecherin des Studentenwerks. Für dieses Wintersemester gibt es 850 freie von insgesamt 3025 Wohnheimplätzen. Darauf beworben haben sich 4265 Studenten. »Das klingt erst mal erschreckend«, ergänzt Siegfried Kinzel, Abteilungsleiter studentisches Wohnen. Tatsächlich würden regelmäßig fast ein Drittel stornieren, weil die Bewerber bereits andernorts untergekommen sind. Spätestens zum Sommersemester habe sich die Lage entspannt. »Dann haben wir sogar Leerstand, weil die Leute in WGs gezogen sind und zu wenige neue Bewerber nachkommen«, erklärt Voß.

Nach Hause ins Dorf

Trotzdem ist das Studentenwerk aktiv: Innerhalb von drei Jahren wurden mehrere Standorte neu gebaut oder saniert, weitere sind in Planung. Allerdings hat dafür Jena-Nords berüchtigtes Großwohnheim in zweifelhaftem Zustand und mit Duschen im Keller geschlossen. Auch Sanierungen verringern die Anzahl der Plätze, weil Mehrbettzimmer in Einmannbuden umgewandelt werden. Insgesamt ist die Zahl der Zimmer etwa gleich geblieben, seit den 1990ern sogar stark gesunken - bei gleichzeitig steigenden Studierendenzahlen.

Es reicht also nicht. Deshalb setzt das Studentenwerk auf Kooperation - mit Wohngenossenschaften und privaten Vermietern in den umliegenden Städten. Vor wenigen Jahren noch musste der Studentenrat (StuRa) der Uni die Erstis mittels Flyer überzeugen, die Plattenviertel Lobeda und Winzerla seien »nicht so assi« wie in anderen Städten. Mittlerweile sind auch Jenas hässliche Trabanten ausgebucht, man weicht aus auf Gera, Kahla, Apolda - überall, wohin man mit dem thüringenweiten Semesterticket in nicht mehr als einer Stunde kommt. Selbst kleine Gemeinden werben um zahlungskräftige Jungakademiker, die außer Geld auch Leben in die Orte bringen sollen.

»In Jena mussten noch nie Container aufgestellt oder Turnhallen angemietet werden«, ist Abteilungsleiter Kinzel auch ein bisschen stolz. »Das wollen die Studierenden auch gar nicht.« Geklagt werde hier auf hohem Niveau. Seine Kollegin Voß hat aber Verständnis: »Wer sich für eine kleinere Studentenstadt entscheidet, der möchte auch etwas von den netten Cafés und dem kulturellen Leben haben.« Und eben nicht jeden Abend zurück ins Dorf, wo keiner der Kommilitonen wohnt und die Bürgersteige hochgeklappt werden, wenn abends um acht der letzte Bus abgefahren ist. »Man schmückt sich in Jena gern mit den Studenten, aber die Unterstützung könnte besser sein.« So ehrlich müsse man sein: Nicht jeder könne hier studieren.

Der Bachelor im Autobahnhotel

Zwischen 6000 und 7000 Studenten wohnen im Umland, weiß Mike Niederstraßer, Sozialreferent beim StuRa. Für ihn ist das keine Lösung, sondern eine zusätzliche Belastung für die Auswärtigen: »Ein Vollzeitstudium, neben dem 60 Prozent noch arbeiten müssen, manche Familie haben - da ist die Fahrtzeit ein Problem.« Eines, das krank mache. Nicht ohne Grund seien die psychosomatischen Erkrankungen seit der Bologna-Reform 2010 um 230 Prozent gestiegen. Die Studenten, die bleiben, nehmen dafür hohe Mieten in Kauf. »Viele ziehen in Wohnungen, die sie sich eigentlich nicht leisten können.« Selbst ein Objekt mit einem Sanierungsstand von 1960 koste schon mal 250 Euro. »Einfach, weil man das machen kann.« Normal sind um die 350 Euro für ein WG-Zimmer. »Manche Bewerber treten von ihrem Studienplatz zurück, weil sie keine bezahlbare Unterkunft finden«, ist sich Niederstraßer sicher.

Mittlerweile hat sich die Studentenzahl um 25 000 an Uni und FH eingepegelt, der Höhepunkt von 2011 scheint überwunden. Auf den Campingplatz ist dieses Jahr keiner ausgewichen. Der Horror von fensterlosen Hundehütten für über 200 Euro, der Bachelor im Autobahnhotel - beides klingt heute fast nach urban legend. Straßmann kennt die aktuellen Probleme. Mietwucher, Vermittlungsgebühren, falsche Betriebskostenabrechnungen: All das sei gängige Praxis auf einem Wohnungsmarkt, der hoffnungslos überbelegt ist - und auf dem Vermieter so ziemlich alles tun und lassen können. Auch für den örtlichen Mieterverein ist Jena ein reiner Vermietermarkt. »Besonders Studenten sind ein beliebtes Opfer«, erklärt dessen Vorsitzender Frank Beitz. Sie wehren sich rechtlich selten, sind schnell wieder ausgezogen - und öffnen so die Pforte für Mieterhöhungen. Bei Neuvermietungen würden bis zu zwanzig Prozent aufgeschlagen. An vier studentischen Hauptmietern lässt sich außerdem mehr verdienen als an einer vierköpfigen Familie - weil der Vermieter mehr verlangen kann. Leittragende sind Menschen mit Kindern. Und die, die sich Kaltmieten von 6,50 Euro selbst in Lobeda nicht leisten können. »Es gibt einen Verdrängungswettbewerb, vor allem in den Innenstädten«, sagt Beitz. Insgesamt werde jeder zweite Euro in Jena für die Miete ausgegeben, seit 2008 sei ein Preisanstieg von dreißig Prozent zu verzeichnen - was allerdings schwer nachzuweisen ist. Der letzte Mietspiegel ist von 2009, Beitz kämpft derzeit um einen neuen.

»Die Kommunalpolitik hat sich selbst abgeschafft«

StuRa-Referent Straßmann, der für die LINKE im Stadtrat sitzt, macht die Politik verantwortlich. Genauer: deren Ausverkauf. Wohnen, Energie, Kultur und Grünanlagen - alles wurde an Unternehmen ausgelagert. »Die Kommunalpolitik hat sich damit selbst abgeschafft.« Dem geplanten Neubau von 1300 Wohnungen bis 2015, mit dem sich die Stadt im Sommer rühmte, steht Straßmann skeptisch gegenüber. »Die Flächen müssen erst mal ausgewiesen werden.« Und unter 10 Euro Miete pro Quadratmeter würden diese Vorhaben auch nicht liegen - allein schon wegen der Konzernstruktur von »Jenawohnen«, der größten Wohnungsgesellschaft mit einem Jahresüberschuss von fast 16 Millionen Euro in 2012. »Das schüttelt sich bis Dezember schon zurecht« - so lautete lange die Einstellung angesichts hereinbrechender Studentenwellen. »Das klingt nach Sieb, durch das Menschen fallen«, sagt der Masterstudent, »und das ist es auch.« Zumindest erkenne die Stadtregierung die prekäre Lage mittlerweile an.

Geleugnet wird auf Landesebene weiter. Auf dem ersten Thüringer Wohngipfel im September nivellierte Bauminister Christian Carius (CDU) die Hilferufe aus Jena, Weimar und Erfurt - indem er auf den Landesdurchschnitt verwies, der deutlich positivere Zahlen zeigt. Der Notstand in den Brennpunktstädten heißt bei Carius »wachsende Nachfrage«. Zu langsam und zu wenig werde in der Stadt, gar nichts im Land getan, ärgert sich Vereinsvorsitzender Beitz. »Wir brauchen mehr Wohnungsbau, Flächenausweisung und städtebauliche Verträge«, fordert er von der Kommune, eine Mietpreisbremse von Landesseite wäre ebenfalls eine Option. Ein gesunder Wohnungsmarkt habe einen Leerstand von vier bis fünf Prozent - in Jena sind es seit Jahren unter einem, ein Spitzenplatz deutschlandweit.

Da wird die Beliebtheit der Stadt bei Studenten zum Problem. Eigentlich sollte deren Zahl sinken, seit zehn Jahren sagen Stadtsoziologen einen Einbruch um bis zu 30 Prozent voraus. Nur kommt er nicht. Manchmal wird das mit den Studiengebühren in Bayern, der Abschaffung der Wehrpflicht, mit doppelten Abiturjahrgängen oder damit begründet, dass gerade viele junge Menschen aus dem Westen den Osten für sich entdecken. Aus Unsicherheit scheut man eine langfristige Bauplanung. Immerhin stellen die Studierenden über ein Viertel der Bevölkerung. Wenn die mal ausbleiben - wer soll dann in die möglichen Extra-Wohnungen einziehen? Eine Scheindebatte: Viele glauben nicht mehr an die Prognosen der Statistiker. »Ich gehe davon aus, dass die Zahlen in den nächsten zehn Jahren stabil bleiben«, sagt auch Rechtsanwalt Beitz.

Erstsemesterin Claudia verlässt langsam der Mut. Eine Freundin von ihr wohnt schon seit zwei Jahren in Apolda. »Da sind die Bedingungen viel besser«, erzählt die 21-Jährige. Verträge seien verhandelbar, zum Beispiel was Kaution oder Renovierungen angeht. Auf Wunsch bekomme man eine Küche oder Waschmaschine gestellt. Und fühle sich einfach willkommen. In Jena, da findet man keinen Vermieter. In Apolda kommt sogar der Bürgermeister vorbei, erzählt man sich.


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Was man sich Nordrhein-Westfalen gegen die Wohnungsnot so alles ausdenkt. Von Marcus Meier

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