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Vaterfiguren der Avantgarde

Die Weimarer Tage der Neuen Musik fanden erstmals 1988 statt - inzwischen sind sie längst ein Kulturereignis von Rang

Mit Christian Wolff gastiert ein John Cage-Schüler zu den 26. Tagen Neuer Musik in Weimar. Diese stehen in diesem Jahr unter dem Thema »Amerika - Europa«.

Als hochbegabter 16-Jähriger lernte Christian Wolff John Cage und seinen Freundeskreis kennen, zu dem neben Komponisten und Musikern wie Davis Tudor auch der Maler Robert Rauschenberg und der Tänzer und Choreograph Merce Cunningham gehörten. Wolff zeigte Cage seine ersten Kompositionen. Der Meister war begeistert. Daraus entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft, die beide kreativ anregte. Der Ältere konnte dem Jüngeren wesentliche Prinzipien seines kompositorischen Denkens vermitteln, Wolff schenkte Cage mit dem »I Ging« ein Orakelbuch, das zur wichtigsten Grundlage für dessen Zufallsoperationen wurde. Als »New York School of Musik« schrieben die beiden Musiker gemeinsam mit Morton Feldman und Earle Brown Musikgeschichte. Zum Eröffnungskonzert der 26. Tage Neuer Musik in Weimar am 30. Oktober werden nicht nur Kompositionen dieser legendären Gruppe vorgestellt. Christian Wolff ist »Composer in Residence« des diesjährigen Festivals.

Für den Begründer und künstlerischen Leiter der Tage Neuer Musik, Michael von Hintzenstern, gab es viele Gründe, Wolff nach Weimar einzuladen. »Sein Vater ist der Kafka-Verleger Kurt Wolff, der vor den Nazis in die USA emigriert ist. Christian Wolff ist ein wichtiger Zeitzeuge, der den inneren Zirkel um Cage aus eigener Anschauung kennt. Die private Geschichte dieses Musikers ist hoch interessant und passt genau zu unserem Länderschwerpunkt.«

Die Einflüsse nordamerikanischer Neuer Musik auf die europäische Szene bestimmen das Programm. Wie kein anderer hat der Universalkünstler John Cage diese Musikentwicklung beeinflusst und für neue Aufführungstechniken geöffnet. Der ZEN-Buddhismus regte ihn an, später auch das schon erwähnte »Buch der Wandlungen«, das ihn zur Aleatorik führte, zu Zufallsoperationen.

»Das hat das traditionelle Denken auf den Kopf gestellt und die Neue Musik befreit«, erklärt Hintzenstern. Dass Cage auch ein wichtiger Anreger für die Fluxus-Bewegung war, spiegelt sich beim Festival durch die Anwesenheit von Mary Bauermeister, der »Mutter des Fluxus«, wieder. Sie wird als Zeitzeugin über Begegnungen mit Cage und Karlheinz Stockhausen erzählen.

Mit dem zum Ehrenpatron erhobenen Stockhausen hielt seinerzeit die Neue Musik Einzug in Weimar. Sein 60. Geburtstag im Jahr 1988 war der Anlass, Freunde der Neuen Musik zu versammeln. Als Veranstaltungsort wählte das Ensemble für intuitive Musik Weimar (EFIM) die kleine Denstedter Dorfkirche, in der man bereits mehrere Jahre Avantgardemusik aufführte, die tabuisiert war. Der Sohn des Komponisten, Markus Stockhausen, gastierte als Solist. Radio DDR schnitt damals die Konzerte mit, das Festival hatte Erfolg. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich Weimar durch die kontinuierliche Arbeit der Gruppe zu einem Zentrum für Neue Musik.

Neben Michael von Hintzenstern ist Hans Tutschku ein wichtiger Ideengeber des Festivals. Als junger Musiker begann er seine Karriere im Ensemble für intuitive Musik. Heute zählt er als Komponist und Harvard-Professor zu den Leitfiguren auf dem Gebiet der Elektroakustischen Musik, der mit seinem Lautsprecherorchester »Hydra« Konzertsäle auf der ganzen Welt bespielt. In Weimar wird er mit seiner Urformation EFIM Werke von Christian Wolff aufführen, am Klavier begleitet vom Komponisten. Ein weiterer Höhepunkt: Als »Transatlantic Flux« (Uraufführung) bezeichnet der niederländische Allround-Künstler Jaap Blonk eine multimediale Sprach-Klang-Video-Performance, die er speziell für das Festival komponiert hat.

Das Programm der 26. Tage Neuer Musik in Weimar vom 30. 10. bis 3.11. unter www.neue-musik-thueringen.de

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