Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Vermächtnis eines Zeitzeugen

Ein Buch erzählt, was der Auschwitz-Überlebende Alex Deutsch nun nicht mehr erzählen kann

  • Von Ingrid Heinisch
  • Lesedauer: 4 Min.
An den Saar-Schulen war der KZ-Überlebende Alex Deutsch - er starb 2011 - eine Institution, seine Berichte bewegten die Schüler. Jetzt erschien ein Buch über ihn. Doch kann ein Buch die Lücke füllen?

Dreißig Jahre lang hat Alex Deutsch Schulklassen getroffen und ihnen über sein Schicksal als Überlebender von Auschwitz berichtet. Er war vor allem in seiner Wahlheimat, dem Saarland, eine Institution. Eine Schule in seinem Heimatort Neuenkirchen ist nach ihm benannt, es gibt eine Alex-Deutsch-Stiftung, einen Gedenkraum, vor vier Wochen ist in Neuenkirchen eine Brücke nach ihm benannt worden.

Nicht nur die Alex-Deutsch-Schule, auch andere saarländische Schulen wie das Homburger Saarpfalz-Gymnasium waren eng mit ihm verbunden. »Seine Besuche waren Sternstunden des Unterrichts, die Schüler waren nicht nur begeistert, sie waren fasziniert von ihm, er hinterlässt eine absolute Lücke«, sagt der dortige Geschichtslehrer Eberhard Jung. Denn Alex Deutsch kann nicht mehr berichten, er ist vor zwei Jahren gestorben.

Wie umgehen mit einem solchen Verlust? Seine Ehefrau Doris Deutsch trifft sich weiterhin mit Jugendlichen und berichtet vom Leben ihres Mannes. Er hatte sie quasi auf dem Totenbett dazu verpflichtet: »Und ich habe es ihm versprochen.«

Nun ist zu seinem hundertsten Geburtstag im Conte-Verlag eine Biographie von ihm erschienen: »... um es einfach zu erzählen. Das Leben des Zeitzeugen Alex Deutsch« von Thomas Döring. Er ist Mitarbeiter des Adolf-Bender-Zentrums, einer saarländischen Bildungseinrichtung, die mit Alex Deutsch ständig zusammenarbeitete. Das Buch wurde jetzt in Berlin in der saarländischen Landesvertretung vom Internationalen Auschwitz Komitee (IAK) und dem Verein »Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.« vorgestellt. Zu Gast waren nicht nur der Autor, sondern auch Doris Deutsch.

Kann ein solches Buch, so fragte IAK-Vizepräsident Christoph Heubner, einen so präsenten Zeitzeugen wie Alex Deutsch ersetzen? Die Antwort des Autors Thomas Döring: »Es geht ein Stück weiter.« Wenn man es gelesen habe, werde man selbst zum Zeugen - doch natürlich sei da eine Lücke.

Wer war dieser Alex Deutsch? Er wurde in Berlin in sehr einfachen Verhältnissen geboren. Die Familie war so arm, dass die Mutter ihren Sohn Alex mit neun Jahren in das jüdische Waisenhaus geben musste. Er absolvierte dann eine ungeliebte Bäckerlehre, gründete eine kleine Familie und wurde schließlich 1943 getrennt von Frau und Kind nach Auschwitz deportiert. Dass er dort zur Arbeit ausgesucht wurde, verdankte er seinem Handwerk. Seine Frau und sein Sohn waren schon einen Tag zuvor in der Gaskammer ermordet worden, was Deutsch erst später erfuhr. Er selbst überlebte Auschwitz-Monowitz, den Todesmarsch im Januar 1945 nach Gleiwitz, die Zwischenstation Buchenwald und schließlich das Lager Langenstein-Zwieberge bei Halberstadt. Dort mussten die Häftlinge ein unterirdisches Stollensystem erschließen, in dem dann Flugzeuge für die Junckerswerke gefertigt werden sollten.

Zu dieser Kriegsproduktion kam es nie. Im April 1945 wurde Alex Deutsch befreit. Kurze Zeit darauf emigrierte er in die USA, wo schon mehrere Mitglieder seiner Familie lebten. Dort heiratete er ein zweites Mal und führte ein eigenes Lebensmittelgeschäft. Nach Deutschland kam er zurück, weil er nach dem Tod seiner Frau die Witwe eines Freundes aus Auschwitz kennen und lieben lernte: Doris Deutsch. Ihre Heimat war das Saarland. Für Alex Deutsch war das der dritte und wohl erfüllteste Lebensabschnitt.

Nach dem Krieg war Alex Deutsch von Hass getrieben, so berichtet es sein Biograph. Das ging soweit, dass er sich von einem amerikanischen Soldaten ein Messer geben ließ, er wollte einen der Peiniger umbringen. Er hegte mehrmals ganz konkrete Pläne dieser Art, die er erst im letzten Moment aufgab.

Thomas Döring zeigt in seiner Biografie, wie der Zeitzeuge Alex Deutsch sich selbst reflektierte und das seinen jugendlichen Zuhörern mitteilte, zum Bespiel wenn es um seine »Menschwerdung« - wie er es nannte - nach dem Lager ging: Wie er sich entschloss, den Hass zu überwinden, weil er ihm nur selbst schadete. Und der Autor zeigt auch, wie Alex Deutsch dies weitergab an die Jugendlichen: »Lasst euch nicht hineintreiben in Hass und Gewalt. Lernt miteinander zu leben, nicht gegeneinander.« Das macht das Besondere des Buches aus.

Thomas Döring, »… um es einfach zu erzählen. Das Leben des Zeitzeugen Alex Deutsch«, Libri Vitae XiX, 218 S., Paperback; ISBN 978-3-956020-02-5; Preis 14,90 €

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung
  • Lastschrift

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln