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Duette verboten: Elvis Costello und The Roots

»Wise Up Ghost«

In Zeiten massenhafter und ungefilterter Musikveröffentlichungen steigt der Bedarf an Ankerpunkten. Verloren und orientierungslos treibt der Fan in den Fluten aus Akustik-Covern auf Youtube, ambitionierten Wohnzimmerproduktionen im Selbstvertrieb, Flatrates für Millionen von Titeln und den zusätzlichen Ausstößen der traditionellen Musikindustrie. Goldene Zeiten also für Künstler, deren Relevanz unter anderem durch zeitliche Distanz verbürgt erscheint. Und so blüht die musikalische Archäologie: Seit vielen Jahren schon ist es Praxis, verschüttete Musiklegenden von stilistischen Irrungen zu befreien und ihr Comeback als geläuterte Rückkehr zum Markenkern zu inszenieren.

Auf den ersten Blick könnte man diese Masche auch hinter einer aktuellen musikalischen Ausgrabung vermuten. Doch das ist nicht das einzige Vorurteil, das die bemerkenswerte Platte »Wise Up Ghost« revidiert. Das düstere und pulsierende Meisterwerk des britischen Punk-, New-Wave- oder auch Country-Rockers Elvis Costello im Zusammenspiel mit der US-Soul-Band The Roots ist einer der spannendsten Pop-Beiträge des Jahres.

Die schnell ausgesprochenen Verdächtigungen zur Motivation der Zusammenarbeit der zunächst widersprüchlichen Musik-Kosmen müssen verworfen werden. Für »Wise Up Ghost« hat kein Labelmanager ausgewürfelt, welche hauseigenen Stars sich auf einem Plattencover verkaufsfördernd ergänzen würden - was nicht heißt, dass Costello und der Roots-Drummer Questlove kein fotogenes Gespann abgeben würden, Nerd-Brillen inklusive.

The Roots hatten mehrfach als Begleitband für Costello agiert, woraus die Idee geboren wurde, an neuem Material zu arbeiten. Es ist also eine gewachsene Kollaboration, die auf gegenseitigem Interesse beruht. Keine finanziell motivierte Zwangsehe zwischen sich eigentlich verachtenden Künstlern, wie beim »Lulu«-Fiasko von Metallica und Lou Reed.

Auch waren die Rollen strikt verteilt. Costello schrieb Texte und Musik, The Roots kümmerten sich um die Produktion, also die Instrumentierung und das Sounddesign, das eine magische Balance zwischen erdigem 70er-Jahre-E-Piano und futuristischem Synthesizer-Gebrumme hält. Gleich der erste Song »Walk Us Uptown« verbindet das Beste aus den beiden Musikwelten der Beteiligten. Die Spannung aus dem Kontrast zwischen Costellos blendend weißer Stimme und seiner britischen Sozialisation einerseits und dem tiefschwarzen US-Sound der Roots andererseits - sie vermag die ganze Platte zu tragen: von der dreckigen Hammond-Orgel-Figur in »Refuse To Be Saved« über die Funk-Spielarten »Wake Me Up« und »Stick Out Your Tongue« bis zur poppigen Theatralik von »Sugar Won›t Work«.

Es werden keine Duette gesungen, der Roots-Rapper ist gleich zu Hause geblieben. Das ist ein Glück. Die Verbindung von urbanem Sprechgesang und den feinen Melodien und so klugen wie pessimistischen Texten Costellos hätte auch allzu billige Assoziationen hervorgerufen - zu viele weiße Sternchen versuchten bereits, ihrem antiseptischen Großraumdisco-Sound mit einem Gangsterrapper verruchte Tiefe zu verleihen.

Das Verhältnis Costello/Roots ist das eines zwar etablierten, aber gerade noch innovativen Produzententeams zu einem zum Denkmal geronnenen Musiker und Texter, dem der Zugriff auf den eigenen Genius abhanden gekommen ist. Der Respekt voreinander ist deutlich zu spüren. Der ließ das ungleiche Gespann jedoch nicht erstarren, sondern experimentieren. The Roots schaffen das, was Produzent Rick Rubin unter anderem mit Johnny Cash gelang: Sie stellen jene verlorengegangene Verbindung des Künstlers zu seinem eigenen Werk wieder her.

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