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Neustrelitz gewöhnt sich ans Gewinnen

Folge 16 der nd-Serie »Ostkurve«: Die Mecklenburger dominieren das Geschehen in der Regionalliga Nordost

  • Von Stephan Fischer
  • Lesedauer: 6 Min.

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Kleiner Etat, große Pläne: Die TSG Neustrelitz hat acht Spiele hintereinander gewonnen. Und will langfristig Hansa Rostock beerben.

Ein Europapokalsieger, dazu Finalisten in europäischen Endspielen: Die Regionalliga Nordost ist voll altem fußballerischen Glanz. Aktuell sorgt in der vierthöchsten Liga jedoch ein mecklenburgischer Verein für Furore, der bis heute immer Schatten des F.C. Hansa Rostock stand: die Turn- und Sportgemeinschaft (TSG) Neustrelitz.

Ziemlich genau in der Mitte der Bahnstrecke Berlin - Rostock liegt die alte Residenzstadt Neustrelitz. Immer etwas abseits der großen Touristenströme, die sich Jahr für Jahr über die Mecklenburgische Seenplatte ergießen. Wer am Bahnhof Neustrelitz aussteigt, steigt meist nur um: an die Müritz oder Richtung Stralsund an die Ostsee. Und viele, die wegfahren, bleiben fort: Nach 1990 hat Neustrelitz ein Fünftel seiner Einwohner verloren. Das Parkstadion der TSG, das 7000 Zuschauern Platz bietet, liegt etwas außerhalb des Stadtzentrums. Gefühlt »irgendwo im Wald«, stutzt der Gast beim ersten Besuch: Alle Zuschauer finden Platz auf nur einer ausgebauten Gerade, auf oder unter der kleinen Haupttribüne. Auf den anderen Seiten: Bäume und große Werbebanden der lokalen Sponsoren.

Im Moment fällt der Blick der Zuschauer aber vor allem auf eine junge Mannschaft, die für das beste Jahr der Vereinsgeschichte sorgt - in ihrer zweiten Regionalligasaison, »die ja, und jetzt etwas fürs Phrasenschwein, immer die schwerste ist«, wie Präsident Hauke Runge gegenüber »nd« erklärt. Derzeit schwimmt die Mannschaft von Trainer Thomas Brdaric auf einer Welle des Erfolgs: Nach einem Unentschieden gegen Jena und einer Niederlage gegen Rathenow an den ersten beiden Spieltagen hat die TSG seitdem alle Ligaspiele gewonnen. Acht Siege am Stück, das gelang in der letzten Saison nicht einmal dem einzigen ungeschlagenen Viertligisten Deutschlands, RB Leipzig.

Bei den acht Siegen stechen vor allem die beiden 2:1-Auswärtssiege in Babelsberg und beim 1. FC Magdeburg hervor: Die Mannschaft ist physisch sehr stark, kann in der zweiten Hälfte der Spiele meistens noch zulegen. Neustrelitz gewinnt ein Pflichtspiel beim einstigen Europapokalsieger von 1974 - wieder so ein Festtag für die TSG. Die Neustrelitzer Mannschaft spielte im Jahr des Magdeburger Triumphs noch unter dem nicht gerade Fußballromantik versprühenden Namen »Betriebssportgemeinschaft Maschinelles Rechnen Neustrelitz« in der drittklassigen Bezirksliga Neubrandenburg. Damals im Drittligaalltag gegen illustre Truppen wie Traktor Gnoien, Dynamo Röbel und Union Wesenberg.

Union aus Berlin tritt im Dezember 2005 zum ersten Pflichtspiel in Neustrelitz an. Freundliche Gastgeber, Bouletten vom Holzkohlegrill, ein zuschauerfreundlicher Eintritt von nur vier Euro für die in der Oberliga ansonsten topzuschlaggequälten Anhänger aus der Hauptstadt, dazu ein niemals gefährdeter Auswärtssieg: Das alles lässt die anwesenden Berliner Zuschauer fast vergessen, dass sie sich eigentlich in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand befinden. Etliche Vorkontrollen der aus dem ganzen Land zusammengezogenen Polizeieinheiten, dazu ständig zwei über den Köpfen kreisende Hubschrauber erwecken den Eindruck, Teil einer militärischen Übung und nicht Besucher eines profanen Oberligaspiels zu sein. Vielleicht ist dieses Spektakel aber auch nur eine Reminiszenz der Landespolizei an die militärische Vergangenheit der Stadt?

Zu DDR-Zeiten waren bis zu 25 000 Rotarmisten der Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland in und um Neustrelitz herum stationiert, sie prägten das Stadtbild mit. Einige Soldaten spielten auch jeweils eine Zeit lang in der Neustrelitzer Mannschaft. In der Stadtmitte auf dem Marktplatz stand bis zum 22. Mai 1995 ein großes Mahnmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten des Zweiten Weltkriegs. Danach wurde das Denkmal demontiert und wird seitdem auf einem Betriebshof der Stadtwerke gelagert. Glaubt man einigen Fotos, liegt es dort einfach nur herum.

Trainer der TSG bei diesem Spiel war der gerade vom 1. FC Union gewechselte Lothar Hamann, generell ist die Verbindung nach Berlin sehr stark: Auch heute stehen mit Christoph Haker, Ingo Wunderlich und Salvatore Rogoli drei Spieler im Kader der TSG, die schon einmal für die Wuhlheider die Fußballschuhe geschnürt haben. Und einer der Hauptarbeitsorte der Haustechnikfirmen des Präsidenten Runge ist die bau- und sanierungswütige Hauptstadt.

Verbindungen nach Rostock dagegen? Kaum zu entdecken, spätestens seit dem 29. Mai 2013 nicht mehr. Für die TSG ein Festtag, für die Blau-Weißen von der Ostseeküste ein Desaster historischen Ausmaßes: Mit 3:0 siegt Neustrelitz im Landespokalfinale im heimischen Parkstadion gegen Hansa, die damit zum ersten Mal seit Vereinsgründung 1965 nicht für den nationalen Pokal qualifiziert sind. Einige Rostocker Anhänger stürmen den Platz, zwingen die eigenen Spieler die Trikots ihres Klubs auszuziehen. Für den F.C. Hansa und seine Anhänger ist Mecklenburg bis zu diesem Tag natürliches Hinterland, aus dem Fans oder im besten Fall sogar Spieler für den Verein erwachsen. Andere Klubs im Bundesland wie die Neustrelitz oder Anker Wismar gelten als Zulieferer, nicht aber als ernsthafte Konkurrenz. Schwerer als der Schock über die Ereignisse am Finaltag wiegt die Erkenntnis, nicht mehr der unbestrittene Platzhirsch im Land zu sein.

Für Gedanken ans Rostocker Wundenlecken hat in Neustrelitz keiner Zeit, da mit der Qualifikation für den DFB-Pokal schon der nächste Festtag ins Haus steht: Heimspiel in der ersten Pokalrunde. Auch wenn Ex-Nationalspielerin Nia Künzer Mitte Juni den Neustrelitzern mit dem SC Freiburg nicht gerade ein Traumlos aus der Trommel zieht: Mit den Einnahmen aus dem Spiel, vor allem durch die Liveübertragung im Fernsehen, kann die TSG mit einem Schlag ein Viertel des Saisonetats bestreiten, der im mittleren sechsstelligen Bereich liegt. Vor knapp 4500 Zuschauern zwingt die TSG den SC Freiburg in die Verlängerung, erst ein Doppelschlag kurz vor dem sicher erscheinenden Elfmeterschießen rettet den Euroleague-Teilnehmer vor der Blamage.

»Wir wollen auf lange Sicht die Nummer eins in Mecklenburg-Vorpommern sein.« Die Kampfansage an die Küste vom Sportlichen Leiter Oliver Bornemann in einem Interview für »Ostfussball.com« ist eindeutig. Kontinuierlich und in kleinen Schritten wachsen - das Vorbild Erzgebirge Aue drängt sich auf. Präsident Runge ist es nur recht. Die Stadt Aue ist ähnlich klein wie Neustrelitz, der FC Erzgebirge hat sich unter dem Radar zur fußballerischen Nummer eins in Sachsen hochgearbeitet. Das Stadion in kleinen Schritten ausbauen, demnächst soll für 500 000 Euro eine Flutlichtanlage entstehen, finanziert von Verein, Kommune und Land. Andreas Kavelmann von der Geschäftsstelle der TSG erläutert den Stand der Dinge: »Wir sind froher Erwartung, dass wir diesen Monat noch den positiven Fördermittelbescheid vom Land bekommen. Dann könnten wir noch in diesem Jahr mit den Arbeiten beginnen, zum Beispiel die Fundamente gießen.« Drittligafußball in Neustrelitz? Zumindest an der Infrastruktur wird bereits kräftig gefeilt, vor dem Pokalspiel gegen Freiburg wurden im Parkstadion bereits 600 Sitzplätze neu geschaffen.

Um die favorisierten Regionalligamannschaften aus Jena, Magdeburg oder Berlin auch über die ganze Saison hinter sich zu lassen, muss die junge Mannschaft unter Thomas Brdaric aber ihre momentane Form auch über die gesamte Saison konservieren. Und dann wäre da noch das Nadelöhr der Relegation, in dem den Sportfreunden Lotte im Sommer 2013 selbst unglaubliche 86 Punkte aus der Liga am Ende nicht für den Aufstieg reichten. Bis dahin ist es noch weit und man erfreut sich in Neustrelitz vorerst an den Festtagssiegen - über alte Platzhirsche und Europapokalsieger. Neustrelitz gewöhnt sich ans Gewinnen.

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