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MainzerMedienDisput: TV im Erzählnotstand

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Nicht nur im Erzähl-, sondern vor allem in einem Rechtfertigungsnotstand befindet sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Diesen Eindruck hinterließ der MainzerMedienDisput am Montagabend in Berlin in der Landesvertretung Rheinland-Pfalz. Moderiert von Thomas Leif widmete sich ein vielköpfiges Podium der auch in ARD und ZDF um sich greifenden Seuche von Pseudo-Dokumentationen und seichten Serien. Die geballte Medienkompetenz war sich schon bei der Frage uneinig, ob dies ein Niveau(ver)fall des gebührenfinanzierten Fernsehen darstelle. Zu unterschiedlich, ja gegensätzlich sind die Interessen von Autoren, Filmmachern, Redakteuren und der, fast möchte man sagen, »Politverwaltung« des Fernsehens. Nach einem langen Tag wolle sie auch einfach mal entspannen, meinte Medienkritikerin Klaudia Wick, Jurorin des Deutschen Fernsehpreises. Für sie sei Fernsehen ein »riesiger Zauberkasten« und ihr reiche es aus, wenn alle 14 Tage ein filmisches Highlight im Programm zu finden sei.

Viel mehr erzählerisch Vorzeigbares wird offenbar auch nicht mit den Gebühren- und Werbegeldern produziert. Produzent Lutz Hachmeister gab – bestätigt von der versammelten Autorengilde – an, dass die ARD-Anstalten gegenwärtig pro Jahr gerade einmal 10 hochwertige dokumentarische Filme, die länger als 60 Minuten sind, (teil)finanzierten. Das ZDF sei aus der Förderung derartiger Filme ganz ausgestiegen.

Für Hachmeister sind die Öffentlich-Rechtlichen bürokratische Großorganisationen, die sich zu 80 bis 90 Prozent mit sich selber beschäftigten. Lothar Mikos von der HFF Potsdam goss dagegen eine eher schlichte These auf: Fernsehen sei Massenkommunikation, also müsse das Programm auch massenkompatibel sein. Allerdings gebe es auch keinen wirklichen Widerspruch zwischen allseits geforderter Qualität und Massengeschmack, räumte Mikos im gleichen Atemzug ein. Bleibt also wieder die Frage, warum sich ARD und ZDF immer mehr den schlechten gemeinsamen Nennern des Privatfernsehens annäherten. Denn dass die Methoden ihrer (Billig)Formate, insbesondere das vorgetäuschte Realitätsfernsehen namens Scripted Reality schleichend auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Einzug halten – das stellte niemand auf dem Podium in Abrede. In den 1990er Jahren habe er eine Dokumentation mit einer Seite Expose und einer Seite Finanzierung zum Laufen bringen können, heute verlangten die Anstalten fünfzehn Seiten, bei denen schon drinstehen soll, was in der 60. Filmminute passiere, geißelte Hachmeister das vorgefasste Denken.

Das Reizwort Scripted Reality versucht man im öffentlich-rechtlichen Bereich allerdings zu umschiffen. So hatte die Jury des Deutschen Fernsehpreises es vor kurzem für angebracht gehalten, die umstrittene ZDF-Pseudo-Dokumentation »Auf der Flucht« auszuzeichnen. Das sei doch aber in der Kategorie »Docutainment« gewesen, rechtfertigte Jurorin Wick auch am Montag die anhaltende Kritik an der Ehrung. Carl Bergengruen, künftiger Geschäftsführer der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg, erklärte allen Ernstes, Serien wie »Auf der Flucht« seien keine Scripted Reality, sondern »Factuel Entertainment«, also Unterhaltung, angereichert mit informativen Elementen. Worin die »Information« bestehen soll, das fragte dann schon keiner mehr.

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