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Krise steckt in der Lebensqualität

OECD-Studie über Auswirkungen der Rezession auf Wohlbefinden der Menschen

Durch die Finanzkrise sind viele Menschen in der Eurozone arbeitslos geworden. Das hat auch Folgen für ihr Gemüt.

Ob Arbeit, Einkommen oder Gesundheit - die Finanzkrise wirkt sich nicht nur auf die Bilanzen maroder Banken aus. Sie hat vor allem gravierende Folgen für die Lebensqualität der Menschen. Das geht aus einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor, die am Dienstag unter dem Titel »How’s life?« veröffentlicht wurde. Lediglich Länder wie Deutschland und die Schweiz konnten sich dank ihrer guten Wirtschaftssituation gegen den europäischen Trend stemmen.

In der Studie versuchte die OECD die Lebensqualität und die materiellen Lebensbedingungen der Bevölkerung in ihren 34 Mitgliedsländern plus Russland und Brasilien zu erfassen. Dabei zog sie nicht nur die Einkommen heran. Auch Faktoren wie die Situation am Arbeitsplatz, die Gesundheitsversorgung, Geschlechtergerechtigkeit oder das Vertrauen in die jeweiligen Regierungen spielten dabei eine Rolle.

»Die Fakten, die dieser Bericht präsentiert, sind ein Weckruf für uns alle«, fasste OECD-Generaldirektor Ángel Gurría die Resultate zusammen. Sie erinnerten daran, dass es die vornehmliche Aufgabe von Wirtschaftspolitik sei, »das Leben der Menschen zu verbessern«. Denn die beschriebenen Entwicklungen sind besonders in den südlichen Ländern der Eurozone verheerend: So sank die Zufriedenheit der Menschen zwischen 2007 und 2012 in Griechenland um 25 Prozent. In Italien und Spanien waren es im selben Zeitraum 16 beziehungsweise 14 Prozent.

Besonders die hohe Arbeitslosigkeit macht den Menschen in diesen Ländern schwer zu schaffen. Denn der Verlust des Arbeitsplatzes »hat einen negativen Effekt auf die Lebenszufriedenheit«, erklärt der OECD-Statistiker Paul Schreyer. Damit verbunden sind schließlich erhebliche Einbußen beim verfügbaren Einkommen. In Griechenland, Italien und Irland etwa betrugen diese im Durchschnitt fünf Prozent.

Dabei wird die derzeit extrem hohe Arbeitslosigkeit auch nach der Überwindung der Krise Folgen haben. Es ist nämlich »durchgehend der Fall, dass sich die Chance für Jugendliche, Arbeit zu finden, negativ entwickelt hat«, so Schreyer. Und diese frühe Arbeitslosigkeit, die in Ländern wie Griechenland und Spanien bis zu 60 Prozent beträgt, wird auch das weitere Erwerbsleben der jungen Menschen beeinflussen.

Diese negativen Entwicklungen betreffen zunehmend das Vertrauen der Menschen in den Staat und seine Institutionen. So glaubt nur noch weniger als die Hälfte der Menschen in der Eurozone an ihre Regierung. Das ist der schlechteste Wert seit 2006. In den Ländern, die besonders stark von der Eurokrise betroffen sind, sank der Wert um rund zehn Prozent.

Für Deutschland jedoch trifft dieser Trend laut der OECD-Studie nicht zu. Dort wuchs das Vertrauen in den Staat bis 2011 um sieben Prozent und lag mit 42 Prozent zuletzt höher als im OECD-Durchschnitt. Gleichzeitig stellten die Forscher fest, dass die Lebensqualität aufgrund der guten wirtschaftlichen Situation entgegen der Entwicklung der Nachbarländer in Deutschland nicht abnahm: Stattdessen stieg das verfügbare Einkommen von 2007 bis 2012 sogar um vier Prozent. Auch die soziale Ungleichheit verschärfte sich nicht.

Jedoch ist dies nicht nur eine Folge der relativ guten Arbeitsmarktlage, die seit kurzer Zeit wieder zu steigenden Löhnen führt. Vor allem hat die Krise im europäischen Wirtschaftsraum einen Dämpfer bei den Kapitalerträgen verursacht, so dass die Einkommen der Reichen weniger schnell steigen. Zudem ist dies eine recht neue Entwicklung. Ältere Studien der OECD zeigten, dass die Schere zwischen Arm und Reich in der Bundesrepublik seit Mitte der 1990er Jahre immer weiter aufgegangen ist.

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