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Eine (un-)endliche Geschichte

Streit zwischen Bremen und Berlin um Bernstem-Mosaik beigelegt Kunstraub

Von Friedrich Siekmeier, Bremen

In einer gemeinsamen Erklärung gaben Bundeskanzler Gerhard Schröder und Bremens Regierungschef Henning Scherf gestern bekannt, dass sich die Bundesregierung und der Bremer Senat auf eine Vorgehensweise im Konflikt um die Übergabe des 1997 wiederaufgefundenen Mosaiks aus dem Bernstein-Zimmer an Russland verständigt haben: Ber lin werde Moskau vorschlagen, dass das Mosaik nach der russischen Präsidentenwahl Ende März im Tausch gegen die 101 Bremer Bilder zurückgegeben wird.

Bis zu dieser »einvernehmlichen Regelung« hatten Kanzler und Außenamt in Berlin den zwischen Moskau und Bremen vereinbarten Transfer noch verhindert. Es sah so aus, als handele es sich um eine unendliche Geschichte. Professor Wolfgang Eichwede mochte gar nicht zitieren, mit welchen Worten Berlin seine »Politik des Rechthabens« gegenüber Moskau begründete. Der Direktor des Osteuropa-Instituts und Ver handlungsführer Bremens konnte nicht verstehen, so sagte er gegenüber ND, dass die »Enkel Willy Brandts«, die jetzt wieder im Kanzler und im Außenamt die Politik bestimmen können, lieber auf eine Vorgehensweise des »Alles oder Nichts, oder jedenfalls fast Nichts« setzten, anstatt sich an einer »Politik der kleinen Schritte« zu beteiligen. Aus dem Umfeld von Staatsminister Michael Naumann war dagegen völliges Unverständnis über die Eigenmächtigkeiten des Bremer Senats und von Wolfgang Eichwede zu vernehmen.

Worum ging›s? Wegen des im Mai 1997 in Bremen beschlagnahmten florentinischen Steinmosaiks aus dem Bernsteinzimmer läuft zur Zeit ein Prozess, in dem es bis vor kurzem als Beweisstück gebraucht wurde. Nachdem jedoch die Staatsanwälte das Bild freigegeben hatten, konnte es der Bremer Senat in Ver Währung nehmen. Der Präses der Bremer Handelskammer, Bernd Hockemeyer, hatte der Erbin des »Finders« laut »Spiegel« 200000 Mark gezahlt, die daraufhin auf möglicherweise vorhandene Rechte verzichtet hatte. Bei den 101 Bildern und Druckgrafiken unter anderem von Dürer, Goya, Manet, Delacroix und Toulouse- Lautrec handelt es sich um Werke mit einem Wert von, nach Auskunft von Fachleuten, mindestens fünf Millionen Mark, ursprünglich im Besitz der Bremer Kunsthaüe. Sie fallen nicht unter das 1999 ver abschiedete russische »Beutekunst«-Gesetz. Schon am 5. Oktober vergangenen Jahres verständigten sich Senat und das russische Kulturministerium auf »zeitgleiche Gesten« - die Bremer betonen, es gebe kein Junktim und es handele sich nicht um einen Austausch. Nach der Einigung informierte der Senat das Auswärtige Amt (AA), das den geschlossenen Vertrag als diplomatische Note in Moskau übergeben sollte. Doch statt der erbetenen Hilfe kam vom AA unter Androhung von Strafe ein Exportverbot, beklagte der Sprecher des Bremer Senats Klaus Schlösser.

Über die Gründe konnte der Senatssprecher nur spekulieren: Vielleicht habe das Außenamt zeigen wollen, wer »Herr im Hause« sei und dass es keine »Privatdiplomatie eines Bundeslandes« zulasse. Doch die zu betreiben sei auch gar nicht die Absicht des Landes gewesen, sagte Schlösser, sondern das Land habe nur ganz pragmatisch einen Weg finden wollen, Kunstwerke an ihre rechtmäßigen Besitzer zurückzuführen. Doch auch ver letzte Eitelkeit könne im Spiel sein, so der Senatssprecher- Immerhin habe Bremen beim Austausch der »Beutekunst« etwas erreicht, wohingegen sich in Berlin nichts bewege. Doch wenn Berlin glaube, das Steinmosaik quasi als Faustpfand gebrauchen zu können, »dann geht alles kaputt«. Darüber hinaus laufe Bremen bei weiterer Verzögerung der Übergabe Gefahr, »einen guten Ruf zu verlieren«, den es sich in den Kulturbeziehungen zu Russland erworben hat.

Da solle man doch gleich in Kulturfragen die Bundeshauptstadt nach Bremen verlegen, spottete ein Sprecher der Naumann-Behörde, der allerdings nicht namentlich genannt werden wollte. Die Bundesregierung habe schon am Tag nach Auffinden des Mosaiks gegenüber der russischen Regierung ihre Bereitschaft zu dessen Rückgabe erklärt, was der damalige Regierungssprecher Igor Schabdurasulow der Nachrichtenagentur ITAR-Tass bestätigt habe. Allein auf Grund der Zuständigkeit in den anhängigen Gerichtsverfahren sei das Mosaik zur Zeit in Bremen. Für dessen Rückgabe sei allein die Bundesregierung zuständig, und wenn der Bremer Senat meine, im Rahmen der Kulturhoheit der Länder zu handeln, möge er sich doch einmal den Grundgesetzartikel über die auswärtigen Beziehungen anschauen: Dort heiße es im dritten Absatz: »Soweit die Länder für die Gesetzgebung zuständig sind, können sie mit Zustimmung der Bundesregierung mit auswärtigen Staaten Verträge abschließen.«

Das Bremer Vorpreschen könne bei den anderen Ländern, mit denen der Bund in den zuständigen Fachgremien gut zusammenarbeite, nur »Kopfschütteln« hervorrufen, hieß es aus der Naumann- Behörde weiter. Die Bremer sollten doch einmal mit Ministerpräsident Manfred Stolpe sprechen, der sicherlich auch gern die Frankfurter Kirchenfenster zurück haben möchte. Im Übrigen befinde sich ja die Sammlung der 101 Bilder und Grafiken in der Moskauer Botschaft schon in deutscher Verfügungsgewalt. Da gebe es nichts zu tauschen..

Außerdem, war weiter aus Berlin zu hören, habe die Vergangenheit schon gezeigt, dass die Alleingänge Bremens und Professor Eichwedes nicht weiterführten: 1992 hätten Abgesandte des damaligen russischen Kulturministers Jewgeni Sidorow schriftlich im Bremer Rathaus erklärt, den in Russland befindlichen Besitz der Bremer Kunsthalle zurückführen zu wollen, doch genau dieser Minister habe bald darauf erklärt, gar nicht daran zu denken, der unterzeichneten Absichtserklärung nächkommen zu wollen. Trotzdem habe Wolfgang Eichwede auch danach mit alten »KGB-Agenten und Leuten der alten Nomenklatura« weiter verhandelt.

Im Bremer Rathaus zeigte man sich ratlos, wie es jetzt weitergehen könnte. Professor Eichwede plädierte weiterhin für »flexible Lösungen«. Gerade jetzt, da angesichts des Tschetschenien-Krieges das politische Verhältnis Deutschlands zu Russland abgekühlt sei, könne wenigstens über die Kulturpolitik Kontakt gehalten werden, meinte. Zwei Bilder allerdings hat nun die Bremer Kunsthalle am gestrigen Dienstag zurück erhalten: Bundeskanzler Gerhard Schröder hat eine Raffael zugeschriebene Madonnenzeichnung und einen männlichen Akt von Bemini an Bür germeister Scherf überreicht. Allerdings: Diese beiden Zeichnungen wurden nicht aus Russland zurückgeführt, sondern aus Aserbaidshan. Doch Ende gut, alles gut. Vorerst.

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