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  • Politik
  • »Körper« - Ein Manifest: Die Eröffnungspremiere an der Berliner Schaubühne

Die Welt - ein cliäbtiseher: Raum

Vor dem Theatereingang bietet ein obdachloser Mann hoffnungsvoll, aber wenig erfolgreich, die »Motz« feil. Hinein gelangt er an diesem Abend eh nicht. Dabei betont doch die Crew um Ostermeier und Waltz politisches Sendungsbewusstsein, mit dem sie das Theater in Deutschland zu erneuern gedenken, ebenso wie Publikumsverbundenheit und Lebensnähe.

Am vergangenen Samstag wurde in Berlin das traditionsbelastete Haus am Lehniner Platz neu eingeweiht. Peter Stein hat hier mit seiner Truppe europäische Theatergeschichte geschrieben. Will das Ensemble um Ostermeier und Waltz direkt daran anknüpfen? Viel ist in Bewegung gekommen durch die Entscheidung des ehemaligen Kultursenators Radunski, das renommierte Haus in die Hände eines Regie- und eines Dramaturgieanfängers sowie einer Tanztruppe aus der Off-Szene zu legen. Allerorten wird das Prädikat »jung« zum wichtigen Qualitätsmerkmal von Autoren und Regisseuren erhoben. Das Theater als Institution und als Kunst ist plötzlich wieder zum Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzung geworden. So unvermutet wie erfreulich diese rückgewonnene Aufmerksamkeit auch ist - das Ensemble der Schaubühne hat sich selbst unter Turbo-Erfolgsdruck gestellt, und man mag ihm wünschen, dass Zeit und Energie für das Eigentliche bleiben.

Die Choreografin Sasha Waltz eröffnete mit der Tanztheateraufführung »Körper« die Premierenserie. Dieser Start markiert programmatisch den Stellenwert der Tanzkunst als einen gleichwertigen gegenüber dem Schauspiel. Die Verbindung beider so genannter Sparten an einem Haus in Hoffnung auf gegenseitige Befruchtung ist nicht neu. Erstmalig aller dings fungiert eine Choreografin als gleichberechtigtes Leitungsmitglied, kann also ästhetisch und inhaltlich Einfluss auf das Gesamtkonzept ausüben, und dieses Experiment birgt wirklich die Möglichkeit zu neuen Ufern in sich.

Mit »Körper« erweist sich Sasha Waltz einmal mehr als Meisterin des magischen Formgefühls und der exzellenten Beherr schung von Verfremdungstechniken. Sie zeigt uns die Welt als einen chaotischen Raum, in dem Ordnungsprinzipien willkürlich, partiell und disparat entstehen und einander ablösen. Menschliche Kör per erscheinen als fleischfarbene movens; gleichermaßen verloren im weiten hohen Raum aus Betonwänden, wie auch als sein energetischer Kern. Körper geben Signale. Körper haben ein Eigenleben und genügen sich selbst. Körper suchen andere Körper. Körper funktionieren - als Bedeutungsträger; in Masse; nach ihren eigenen Gesetzen. Körper sind teilbar, ver wertbar, Ware. Körper erzeugen Abscheu oder Bewunderung, Zerstörung, Erstaunen, Gefühl, Körper, entblößt, berühren. Körper werden versteckt, benutzt, ver wandelt...

Die Bildausschnitte, die Tänzer und Choreografin zeigen, sind wechselnd poetisch oder plakativ biografisch, sozialkritisch oder witzig - verspielt. Was böswillig wie ein Gemischtwarenladen interpretiert werden könnte, ist die Einladung zu einer Entdeckungsreise, zu einer Rück-Besinnung. Vierzehn hervorragende Tänzer lassen uns wieder sehen, welcher lebendige Reichtum jedem Menschen mit seinem Körper gegeben ist. Sie gestalten dies mit physischer und artifizieller Hochleistung, souverän und schonungslos thematisieren sie ihre eigene Körperlichkeit. Im Organischen,. Fließenden der Aufführung spiegelt sich die Übereinstimmung inner halb dieses »Ensemblekörpers«. Die stärksten Momente des Abends entfalten sich in der Auseinandersetzung der Kör pergruppe mit der Architektur. Leiber stapeln sich zu Mauern, wie Steinblöcke; sie legen sich gleich Vermessungslatten entlang der Wände; sie bilden den Zaun um eine Fläche. In der zugespitzten Objektivierung des Leibes zum Raum wird die Dialektik zwischen der Begrenzung und dem Reichtum des Körpers am eindrucksvollsten erlebbar. Der Wahrheit dieser Such-Bilder kann sich niemand entziehen. Hier wird es ganz still im Saal.

Hans Peter Kuhn erweitert mit einer Landschaft aus Klängen die Assoziationsfelder der Szenen. Die Bühne von Thomas Schenk und Heike Schuppelius setzt eine große schwarze Wand mit Guckkasten in den leeren Raum.

Nicht als geschlossenes Kunstwerk, logisch - systematisch und definierbar, präsentiert sich diese Tanzaufführung »Kör per«. Es ist ein Stück, an dem Phantasie und Wirklichkeit immer weiter schreiben.

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