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Mit der Seele bei Öcalan

PKK: Keine Dissidenten unter Verschluss Kurden Von Jan Keetman, Istanbul

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Als die PKK 1978 gegründet wurde, verdiente sie wohl am ehesten das Etikett maoistisch. Vor allem aber war sie eine Organisation, die nachbetete, was ihr Führer Abdullah Öcalan auch immer zum Besten gab. Ob er den wissenschaftlichen Sozialismus verkündete oder davon sprach, dass die fundamentalistischen religiösen Bewegungen im Nahen Osten durch den Kampf der PKK belebt würden, ob er den Propheten Mohammed lobte oder sich mit Christus verglich, über seine Worte wurde nie debattiert.

Eine unkritische europäische Besucherin schilderte die Schulungen, die Öcalan seinen Kadern in Libanon erteilte: «Ohne eine Pause und ohne Notizen spricht Abdullah Öcalan mindestens vier, oft jedoch bis zu sechs oder sieben Stunden, ohne sich auszuruhen und zu setzen. Manchmal hält er inne, Stille, das Summen einer Biene wird laut, seine zusammengekniffenen Augen ziehen Falten, er nimmt den Faden wieder auf...» Der devot gelauschte Wortschwall wurde auf Band aufgenommen, abgeschrieben und jeden Monat entstand daraus ein neues Buch Öcalans. Eine andere Besucherin eines Frauenlagers der PKK schilderte, wie die Frauen sich allen Ernstes darin übten, Öcalans sagenhafte Fähigkeit nachzuahmen, gleichzeitig in mehreren Zeitungen zu lesen und verschiedene Radioprogramme zu hören. Natürlich erreichte keine den Meister ganz. Die Parole der PKK war nicht etwa «Freiheit, Frieden, Brot» oder «Freiheit für Kurdistan», sondern: «Bi can bi xwin em biterene ey serok!» (Mit Seele und Blut sind wir bei dir, oh Führer!).

In einer solchen «Partei» war natürlich kein Platz für eine offene Diskussion, und Abweichler wurden nicht selten liquidiert. Abdullah Öcalan hat selbst vor Gericht eingeräumt, dass ein PKK-Mitglied namens Mehmet Sener auf Grund eines Todesurteils der Partei hingerichtet wurde. Natürlich haben er und der Umstand, dass ihm Sener widersprochen habe, nichts damit zu tun gehabt. Ebenso bestätigte er das nicht ausgeführte Todesurteil gegen seine eigene Frau. Als unverdächtiger Zeuge kann wohl auch Günter Wallraff angesehen werden, dem er nach einem Interview sagte, dass er (Öcalan) nichts dafür könne, wenn dem Öcalan-Kritiker Selim Cürükkaya ein «Unfall» geschehe.

Solche Beispiele für die Liquidierung von Kritikern in den eigenen Reihen ließen sich fortsetzen und sie können nicht alle als reine Gräuelpropaganda abgetan werden. Offen ist bislang, was es mit den gegenwärtigen Beschuldigungen auf sich hat, 30 Abweichler würden gefangen gehalten und seien mit dem Tode bedroht. Nun da Öcalan auf der Gefängnisinsel Imrali einsitzt, ist die Frage, ob seine Anhänger noch immer mit «Seele und Blut» bei ihm sind. Fast scheint es so. Im PKK-Par teiorgan «Serxwebun» wurde unter Bezug auf Öcalan von Verrat und Liquidation gesprochen.

Eines steht allerdings fest: Auf Befehl ihres gefangenen Führers hat sich die Streitmacht der PKK nach Nordirak zurückgezogen, wo sie ohnehin seit langem Basen hat. Die türkische Armee schätzt, dass sich 90 Prozent der etwa 5000 Per sonen zählenden Streitmacht der PKK im Ausland befinden. Es kommt zwar noch in geringem Umfang zu Kampfhandlungen mit kurdischen Guerilja-Einheiten, aber es ist unklar, ob es sich dabei um Befehlsverweigerer der PKK, um Kämpfer kleinerer anderer Organisationen oder tatsächlich um Öcalans Nachhut handelt. Auf Öcalans Geheiß haben sich zwei Gruppen von je acht PKK-Kämpfern ergeben. In verschiedenen Prozessen sollen sie nun zu Gefängnisstrafen zwischen 15 und 22,5 Jahren verurteilt werden.

Dass sich der türkische Staat durch den Rückzug der PKK alsbald zu einem anderen Umgang mit dem Kurdenproblem bewegen lassen wird, ist nicht zu erkennen. Die offizielle Sicht war ohnehin immer, dass es kein Kurdenproblem, sondern nur ein Terrorismusproblem gebe und dieses sei nun bis zu einem gewissen Grad gelöst.

Unter der Hand ist zu erfahren, dass bei vielen Kurden Unmut über Öcalans Kurs besteht. Der ehemalige Bürgermeister von Yüksekova, der schon 1998 als Abgeordneter des stark unter PKK-Einfluss stehenden Kurdischen Exilparlaments zurücktrat, weil Öcalan ohne Rücksprache Erklärungen in dessen Namen abgegeben hatte, kritisiert Öcalans Kurs hart. In einem Gespräch mit der Monatszeitung «ak» sagt er unter anderem: «Das Neue ist nur, dass das, was der türkische Staat seit 70 Jahren wiederholt, nun von kurdischer Seite ertönt aus dem Mund Öcalans.»

Doch nach wie vor ist Öcalan für viele Kurden noch immer so etwas wie ein Gott und nach wie vor hat er die Medien der Partei hinter sich.

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