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  • Politik
  • Hermann Beil ist der Gemütsgegenpol von Claus Peymann am Berliner Ensemble und behauptet:

Theaternarren leben wirklich länger

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Von Hans-Dieter Schutt

Die Intrige, so Heiner Müller, sei die Hauptaufgabe der Dramaturgie. Was immer der Satz konkret bedeuten möge: Er ist gekonnt mystisch und verweist trotz aller Unbestimmtheit doch ziemlich trefflich aufs halbseidene Geheimnis des Theaters - dieses altmodischen Geselligkeitsmediums, das sich bei näherem Augenschein als unentwegter Tummelplatz der modernsten, harschesten, raffiniertesten, hinterhältigsten, maskentollsten Selbstbezogenheiten er weist. Wenn man von Äußerlichkeiten ausgeht, so scheint allerdings kein Mensch weniger in das tolldreiste Gewer be hineinzupassen als - Hermann Beil.

Der 1941 in Wien geborene Dramaturg, derzeit am Berliner Ensemble, 1986 bis 1999 Claus Peymanns Co-Direktor am Burgtheater, ist ein lockenköpfiger Sanftgeist, der am besten durch jenen Satz charakterisiert wird, den er im vorliegenden Buch notierte, und den wohl jeder Rezensent herauspicken muss. Als ein «angemaßter Wiener Theaterpapst» ihn nach einer «Sturm» Vorstellung zum 100. Geburtstag des Burgtheaters beschimpft, schildert Beil seine Reaktion so: «Ich antworte ihm nicht. Ich lächle ihn aus.» Da haben wir den ganzen Mann, diesen frappierenden Verschoner, der ausgerechnet - Beil heißt.

Eine Zeit lang habe ich den Dramatur gen als unglücklichste Gestalt des Theaterbetriebes gesehen: nicht Regisseur oder Autor, nicht Intendant oder Schauspieler - also: nicht Fisch noch Fleisch; begabt einzig mit der Fähigkeit, seiner allumfassenden Unbegabung den wissenschaftlich-analytischen Anstrich einer Ungewissen, aber irgendwie trotzdem ver mutbaren Bedeutung zu geben. An die aber das Dramatürgehen auch nur selber glaubt, um am Ende doch wegen mangelnder Selbstbewusstseinsbildung in die Mickrigkeit abzutauchen. Ich weiß, von welchem Unglück ich rede: Ich bin «gelernter» Dramaturg - der jedoch das Wagnis des trüben Diffusen und einer sehr grauen Art, sein Berufsleben zu verbringen, erst gar nicht einging.

Inzwischen denke ich anders über die Möglichkeiten dieser Hintergrundprofession. Namen fallen mir ein: in der DDR Armin Stolper, Heiner Maaß, Bärbel Jaksch, Alexander Weigel, Ilse Galfert. Im Westen vor allem Dieter Sturm von der Westberliner Schaubühne, den der Dichter Botho Strauß, selbst eine Zeit lang Dramaturg an Peter Steins Theater, als einen «späten Abkömmling aus der Gattung des pflichtlosen Philosophen» bezeichnete. So einer ist wohl auch Beil. Bedenker, lesebesessener Planer, Niveauanmahner, Legitimationstheoretiker, und eben Theaterlächler, wo doch rundherum alles vibriert, knirscht, verkantet. Gerade jetzt, in dieser Zeit der Dingfestmachung alles Lebendigen auf Abrechenbarkeit, auf Nutzeffekt und rationalste Logistik (auch geistig-künstlerischer Prozesse!) verkör pert einer wie er den unerhörten Luxus des produktionsfreien hellichten Denkens, des verschlungenen, traumförmigen, unbekümmert ausschwingenden Gedächtnisses, das sich ein Kunstbetrieb leisten muss. Zumal wenn dem Primus namens Peymann permanent die Wangen glühen vor akuter Geschäftigkeit und zweckdienlicher Funktionalität.

Seit Jahrzehnten, von Stuttgart über Basel und Wien bis nach Berlin, bilden Beil und Peymann ein ungleiches Paar. Peymann dampfend, kochend, liebend gern aufgebracht und pulvrig Beil begradigend und verständig; der Mann wirkt verdächtig oft beglückt, er ist ein Anachronismus an leiser, selbstverständlicher Lust auf Leben und Kunst. Wo Peymann in Konfliktsituationen zur Tortur wird, kommt Beil tatsächlich mit einer Torte. Süße Schlichtungsmasse. Drei Rezepte bietet das Buch, den Eisbrecher, die Sportstücktorte, die Tabori-Torte. Zur Rezeptur der letzteren gibt es sogar noch ein Proust-Zitat.

Dieses Buch erzählt «Hundert und drei Geschichten aus dem Burgtheater», die nur in wenigen Fällen länger als zwei Seiten sind. Vom Skandal um Thomas Bernhards «Heldenplatz». Vom neuen roten Vorhang, bei dessen verzögertem oder raschem Fall sich trefflich über Brecht nachdenken lässt. Von Taboris Hundegesprächen auf Ungarisch. Von Schillers Teil und einem vorgezogenen Mauerfall. Von kassandrischen Gedanken Peter Handkes. Von einem Stöckelschuh des Zuschauer zorns, der auf die Bühne fliegt. Von Gert Voss und Ignaz Kirchner (naturgemäß! würde Thomas Bernhard sagen). Von tiefer Demut beim Hochkönig Strehler. Von Peter Turrini, der angeheitert zum Bühnenstar seines eigenen Stückes wird. Von einer gütigen Dame, die den Beil fürs ganze Burgtheater hält (wie schrecklich!). Vom Niederholen der weißen Peymann- Fahne, das ein Zuschauer mit den Worten kommentiert: «Österreich ist wieder frei.»

Indem Beil Bühnenmomente einfängt, wächst er zu spezieller Souveränität: Er, der Diener am fremden Kunstwerk, trumpft geradezu beiläufig damit auf, dass ja sein eigenes Theaterempfinden ebenfalls ein kleines Kunstwerk sei. Dieser Mensch hat nämlich eine Wahl getroffen, wie er leben möchte (die meisten Menschen leben, wie sie leben müssen, und das sieht man ihnen leider an); Lebenskunst eröffnet sich bei ihm erstens als Verfügung über ein Potenzial und zweitens als dessen gekonnte Umsetzung. So ist dieses Buch, das von den Arbeits- und Lebensbeobachtungen eines dramaturgischen Menschen erzählt (wo das Theater doch angeblich in der Krise ist), scheinbar unangemessen heiter. Es ist, wo dreizehn Jahre Peymann-Theater in Wien doch ein aufwühlendes Stück waren, scheinbar unangebracht undramatisch. Es ist, wo die Zeit doch rauh und ungeschlacht und kulturlos ist, scheinbar unbotmäßig aufgeräumt.

Unsereins, der Mensch, ist ja eine wandelnde Sanduhr - erst waren die Füße leicht, und der Kopf war voll von Ideen; dann werden die Beine schwer, und langsam leert sich der Kopf. Dieses wunderbar leichte, romantische, uneitle Buch der anhaltenden Einträchtigkeit von Mensch und Beruf, Persönlichkeit und Berufung wirkt wie ein Aufhalten des Sandes, der unbarmherzig herabrinnen möchte. Während der Lektüre erinnerte ich mich an einen der bemerkenswerten Fernsehfilme von Gabriele Conrad über das BE des Claus Peymann, da sitzt Beil auf der Noch- Baustelle, die Kamera ist auf ihn gerichtet, er wird interviewt, plötzlich schweift sein Blick etwas abwärts, er sieht George Tabori und ruft beseelt, da gehe ein Dichter! Was braucht man mehr zum Wohlgefühl: Die Augen erblicken einen Dichter. Nochmal: Da hat man den ganzen Beil.

Das Kleingeschichtenbuch bringt komplizierte künstlerische Prozesse und Er fahrungen mit Kulturpolitik im merkwür digen Gesellschaftsraum Österreich auf den, so scheint es zunächst, einfachen Punkt. Was Beil auslächelt, das kündet - im Gegensatz zu modisch gewordenem Zynismus - von von einer Humanität, die die notorischen Widersprüche des Menschen kennt, ohne ihn deswegen zu ver achten. Beils Theaterreflexionen sind Zeugnisse einer Da-Seinsart, die aber bei aller Bejahung und Ironiefreude doch ihre eigene Abgründigkeit nicht negiert. Es schimmert also auch jenes tragische Bewusstsein durch, das, um tiefer zu gründen, nicht auf Melancholie verzichten kann. «Das Trompetensignal aus dem >Fidelio< ertönt in der Realität nicht, jedenfalls nie rechtzeitig.»

Vielleicht kann ein Individuum, das ironisch und zugleich melancholisch ist, nicht wirklich optimistisch sein, aber immerhin blickt es mit nachsichtigem Wohlwollen aufs Theater des Lebens. Dessen Hauptaufgabe ja nun wirklich, wie man täglich erfährt - die Intrige ist. Die gibt dem Leben dieses Hecheln. Wo doch also Lächeln besser wäre. Auslächeln.

Hermann Beil: Theaternarren leben länger. Hundert und drei Geschichten aus dem Burgtheater. Paul Zsolnay Verlag Wien. 181 S., geb.

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