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Der Ex-Verwalter des Händedrucks

Ab heute steht Christian Wulff vor Gericht

  • Von Velten Schäfer
  • Lesedauer: 5 Min.

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Christian Wulff muss sich als erster gewesener Bundespräsident vor Gericht verantworten. Rechtlich geht es um den Verdacht der Vorteilsannahme. Doch hat der Fall auch politische Dimensionen.

Wer war Christian Wulff, als Politiker, als Bundespräsident, als Mensch hinter dem Amt? Man wird seiner politischen Persönlichkeit am ehesten gerecht im direkten Vergleich mit seinem Nachfolger. Farblos versus intellektuell, Amtsleiter versus Salonentertainer, Provinzialität versus große Geste - eine gefühlte oder tatsächliche Mehrheit hat ihr Urteil längst gefällt. Und tatsächlich hätte der Kontrast kaum größer sein können als zwischen Wulff und Joachim Gauck.

Christian Wulff war einer, der das Amt des Bundespräsidenten im bundesrepublikanisch-klassischen, also etwas langweiligen Sinn verstand. Er wollte gewissermaßen jedermanns guter Onkel sein - auch der deutschen Muslime, die uneingeschränkt dazugehören sollten, nicht wie bei Gauck nur irgendwie ohne den Islam. Wulff war ein harmloser Verwalter des Händedrucks und entgegen seinem Image kein »parteipolitischer« Präsident.

Gauck dagegen, der aufgrund parteitaktischer Spielchen - SPD und Grüne wollten nach dem überraschenden Rücktritt Horst Köhlers Angela Merkel vorführen - überhaupt Kandidat wurde, ist einer, der Feinde braucht. Er kann, denselben gar nicht unähnlich, nur dann eine gute Rede halten, wenn diese sich gegen jemanden richtet. Wohl deshalb ist es zuletzt so ruhig um ihn.

Das von den Verfassungsvätern so sorgfältig entkernte Präsidentenamt verbietet nämlich das Polarisieren und Zuspitzen; es ruft per se eher nach einem Wulff als einem Gauck. Wohl deshalb geht dem jetzigen Präsidenten die große soziale Rede, die er halten müsste in einer Gesellschaft, die im Begriff ist, ihr unteres Drittel einfach abzuschreiben, nicht über die Lippen. Es sind schließlich nicht seine Feinde, denen in dieser Sache dringend jemand Bescheid sagen müsste. Also schweigt der Protestant. Sein katholischer Vorgänger hätte paradoxerweise vielleicht weniger mit diesem Themenbereich gefremdelt - trotz der zu engen Unternehmerkontakte, über die er am Ende gestolpert ist.

Auch dieser Sturz selbst, über den ab heute vor dem Landgericht Hannover verhandelt wird, passt in dieses Schema von »provinziell« und »mondän«. Denn letztlich den Kopf gekostet hat Wulff nicht etwa - wie seinen Vorgänger Horst Köhler - ein weltmännisch-narzisstischer Hang zum Patzigen, sondern der Betrieb einer (west)deutschen Bürger- und Beamtenfamilie jenseits des Normalzustands. Und da sich Wulff geweigert hat, eine Einstellung des Verfahrens gegen Geldauflage zu akzeptieren, muss er sich nun gefallen lassen, dass dieses Leben noch einmal durch die Mangel gedreht wird. Etwa in der ARD, die am Dienstag erst die Dokumentation »Absturz - die Akte Christian Wulff« zeigte und die Causa dann auch noch bei »Maischberger« bequatschen ließ, was an sich wohl als Höchststrafe anzusehen ist. Selbst wenn Wulff in der Sendung nicht nur attackiert, sondern von einer merkwürdigen Allianz aus dem in vielen Farben schillernden PR-Berater Moritz Hunzinger und dem niedersächsischen LINKE-Politiker Diether Dehm auch verteidigt wurde.

Dem in der ARD-Dokumentation Kolportierten zufolge begannen Wulffs Probleme mit einem Phänomen, das viele Bürger kennen: Das Geld reichte nicht bis zum Ende des Monats. Besonders in der Zeit zwischen 2007 und 2011, tröten nun frühere Vertrauenspersonen in aller Öffentlichkeit, habe der Minister- und dann Bundespräsident sein privates Konto um mehrere Zehntausend Euro überzogen. Das war genau die Zeit, in der Christian Wulff seine zweite Frau Bettina kennenlernte und sich von seiner ersten Familie trennte. Derlei kann, bei freilich gehobenen Konsumgewohnheiten und vor allem nach einer Scheidung, bei der sich der Mann offenbar nicht lumpen lassen wollte, schon einmal vorkommen, auch bei einem guten deutschen Ministerpräsidentengehalt.

Der politmoralisch zwar fragwürdige, aber formal nicht anstößige Kredit für das Haus in Großburgwedel, der den Anfang vom Ende Wulffs markierte, die »Affäre« um eine kostenlose Hochstufung bei einem Urlaubsflug, der Besuch in der Floridavilla des »väterlichen Freunds« und Privatkreditgebers Egon Geerkens, der Urlaub auf Sylt, für den wohl Filmunternehmer David Groenewold aufkam (dem Wulff das Geld später zurückgegeben haben will): All das sind Dinge, die einem konservativen Mann passieren können, der glaubt, einer ehrgeizigen jüngeren Frau »etwas bieten« zu müssen, der aber das Geld dazu ganz einfach nicht hat. Und der diese Frau wohl auch nicht bremste, wo sie womöglich selbst - mit mutmaßlich unzureichendem Problembewusstsein - etwas für die Familie »aushandelte«.

Konkret übrig geblieben für eine Anklage ist von den über ein Dutzend Punkten, in denen gegen Wulff seitens der Medien oder der Staatsanwälte »ermittelt« wurde, allerdings nur ein wohl von Groenewold bezahlter Besuch auf dem Münchner Oktoberfest.

Natürlich ist Wulff nicht »den Medien« zum Opfer gefallen. Es war sein unsouveräner Umgang mit den Vorwürfen, der ihn ins Abseits stellte. Dennoch geht es auch um Springer-Politik. Genüsslich textete die »Welt« schon Tage vor Prozessbeginn, Wulff habe »Angst« vor dem Termin. Wann und warum im moralischsten Verlag der Republik beschlossen wurde, die Wulffs vom »Glamour-« in das Böse-böse-Fach zu versetzen, ist von außen natürlich nur schwer nachvollziehbar. Bettina Wulff gibt in ihrem Buch »Jenseits des Protokolls« aber einen Hinweis: Im September 2010, nicht lange vor der Rede, in der Wulff den Islam zu Deutschland gehören ließ, habe es ein gemeinsames Frühstück des Präsidenten und des »Bild«-Chefs gegeben. Wulff und Kai Dieckmann hätten sich engagiert über den Satz mit dem Islam unterhalten. Und im weiteren Verlauf habe Dieckmann seine Gäste dann plötzlich mit jenen schmierigen Gerüchten über Bettinas angebliches »Vorleben« konfrontiert, die aus der Ehrenmännerpartei CDU zu triefen begannen.

Wulffs berühmte »Kriegs«-Drohung auf Dieckmanns Mailbox erfolgte ein Jahr später, als sich »Bild« für Wulffs Finanzen zu interessieren begann. Damit waren die beiden erledigt. Der Anruf ist als Einschüchterung der Presse kritisiert worden. Dabei sollten mahnende Telefonate mit »Bild« zur Aufgabenbeschreibung eines Bundespräsidenten gehören.

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