Wenn die Ochsen Milch trinken wollen

Amadou Hampâté Bâ erzählt »Geschichten aus der Savanne«

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Eine dieser Geschichten hat Amadou Hampâté Bâ 1969 vor dem Exekutivrat der UNESCO vorgetragen, für den er von 1962 bis 1970 tätig war. Es geht darin um die Sorgen eines Hundes, der während der Abwesenheit des Hausherrn seinen Wachposten nicht verlassen soll, aber aus dem Haus der kranken Mutter seltsame Geräusche hört. Zwei Eidechsen, die sich zanken, mehr nicht, doch er ist beunruhigt und bittet nacheinander den Hahn, den Bock, den Ochsen und das Pferd, Ordnung in die Sache zu bringen. Sie weigern sich, sind sich zu fein dafür. Und es geschieht Schreckliches, alle müssen darunter leiden, lassen sogar ihr Leben.

Gleichnishaft wollte der Schriftsteller aus Mali damals auf die potenziellen Gefahren des arabisch-israelischen Konflikts aufmerksam machen: »Bei uns lehren die Alten die Jungen: ›Wenn ihr bei einem Streit zugegen seid, so nebensächlich er auch scheinen mag, trennt die Streitenden und scheut keine Mühe, die beiden Parteien zu versöhnen. Denn allein Feuer und Streit sind dazu imstande, dass sie Kinder gebären, die gewaltiger sind als sie selbst: einen Flächenbrand oder einen Krieg.«

Der Autor hat als Ethnologe Überlieferungen afrikanischer Völker gesammelt, insbesondere der Fulbe, zu deren Stammesadel er zählte. Zugleich gehörte er einer spirituellen Bruderschaft des Islam an, den Tidjaiya ... Schade, dass der Verlag solche biografischen Hintergründe im Buch gänzlich ausspart. Mit schönen Illustrationen von Juliane Steinbach ist es eine liebevolle Edition geworden, der man ein informatives Nachwort durchaus hätte gönnen können.

Dass viele Geschichten eine »Moral« haben, erstaunt nicht. Wie die mündlichen Überlieferungen anderer Völker dienten sie dem Zusammenhalt der Menschen, vermittelten Lehren, spiegelten insgeheim auch Ernüchterndes. Da geht es immer wieder um Fressen und Gefressenwerden. In einem Märchen will Vater Hyäne aus Not sogar den Sohn verspeisen. Und ein Mann hat zu lernen, dass Wohltaten mitunter mit Bosheit vergolten werden.

»Man versucht nur etwas zu schnappen, solange man selbst nicht geschnappt wird!«, muss ein Kröterich erkennen, der sich von seinem Schicksal benachteiligt sah. Denn als ihm ein Storch begegnet, will er sich nur noch retten, sind all seine ehrgeizigen Wünsche dahin.

Es finden sich Ähnlichkeiten zu deutschen Märchen, Weisheiten, die erstaunen. Ein Text handelt zum Beispiel von einem Phänomen, das man heute »Schwarmdummheit« nennt. Eine Hyäne setzt eine Lüge in die Welt, der aus Gier das ganze Rudel folgt. Und plötzlich glaubt sie selbst daran; die Macht der Masse hat sie erfasst.

»Manchmal braucht man einen Narren, um einen Despoten zu bekehren«, aber wenn sich die Ochsen gegen den Hirten erheben, weil sie sich nicht länger von Gras, sondern wie dieser von Milch ernähren wollen, reicht das nicht für alle, und die männliche Herde wäre beinahe Hungers gestorben. Moral: »Der Chef ist keine Milchkuh, sondern ein Hirte, der wissen sollte, wie er die Milchkühe auf die Weide führt. Wenn die Untertanen einen weisen König wünschen, sollten sie wissen, worum sie ihn bitten können ...«

Immer wieder geht es um die Macht der Wahrheit. Ein Kranker gesundet, als alle um ihn herum auszusprechen wagen, was sie aus Furcht vor den Folgen in sich verbergen. Und immer wieder wird sich der Leser an Verschmitztheit erfreuen, zum Beispiel in der Legende »Warum Ehepaare so sind, wie sie sind«.

Amadou Hampâte Bâ: Die Kröte, der Marabut und der Storch und andere Geschichten aus der Savanne. Aus dem Französischen von Gudrun und Otto Honke. Mit Illustrationen von Juliane Steinbach. Peter Hammer Verlag. 127 S., geb., 19,90 €

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