Einsatz der »Lehrerfeuerwehr«

Bildungsministerium will 10 Millionen Euro gegen Stundenausfall zur Verfügung stellen

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.
Die Landesregierung will den Unterrichtsausfall in den 800 Schulen in Brandenburg zurückschrauben. Schulleiter sollen ein eigenes Budget bekommen und nach Vertretungslehrern suchen.

Im Schnitt wird an jedem zweiten Schultag in Brandenburg vor jedem Schüler eine Unterrichtsstunde nicht planmäßig erteilt. Um wenigstens den ersatzlosen Ausfall von Unterricht zu verringern, sollen die Schulen jetzt unkonventionelle Wege gehen können. Bildungsministerin Martina Münch (SPD) stellt nach eigenen Worten zusätzlich insgesamt 10 Millionen Euro für die Vermeidung von Stundenausfall zur Verfügung, sagte sie gestern in Potsdam. Ein Teil davon soll dem Ersatz von langzeitkranken Lehrern dienen, mit einem anderen soll eine Art »Lehrerfeuerwehr« bezahlt werden. Denn »eine Schule kann nur dann als gut gelten, wenn Unterricht auch tatsächlich stattfindet.«

Das Problem: 8,4 Prozent aller Stunden werden nicht entsprechend dem regulären Stundenplan gehalten, 2,1 Prozent fallen gar völlig aus. Das betrifft dann jede zehnte Schulstunde, also - grob gerechnet - eine alle zwei Schultage. Dieser Zustand ist laut Ministerin in erster Linie auf die kurzfristige Erkrankung von Pädagogen zurückzuführen. Gerade in der Grippezeit könne die Lage für die Schulleitungen äußerst schwierig werden, vor allem gelte das für kleine Schulen mit wenig personellem Spielraum. Dennoch bewege sich Brandenburg im Deutschlandvergleich mit diesen Werten keineswegs im unteren Bereich, fügte sie hinzu. Hinzu kommt, dass die Zahl der langzeiterkrankten Lehrer von 350 auf 400 gestiegen ist. Mit dem Vorrecht von Beamten belegen diese Fachkräfte dennoch eine Lehrerstelle, sodass an ihrer statt niemand eingestellt werden kann. An drei Stichtagen im Jahr werden jene Lehrer erfasst, die mindestens sechs Wochen oder länger krank waren. Nach Sommerferien ist erfahrungsgemäß der Krankenstand am niedrigsten, er steigt danach an und ist gegen Ende des Schuljahres am höchsten.

Nun sollen pro Jahr fünf Millionen Euro in ein Vertretungsbudget fließen, mit dem die Schulämter 100 dauerkranke Lehrer ersetzen können. Weitere fünf Millionen erhalten die Schulen, »um schnell, selbstständig, und gezielt« kurz- und mittelfristigem Unterrichtsausfall begegnen zu können. Jede der 800 Schulen soll daher zwischen 3000 und 16 000 Euro erhalten, um geeignete Fachkräfte außerhalb der Schule für eine Art Bereitschaftsdienst zu gewinnen. Je nach Qualifikation der Vertretungskräfte würde das laut Ministerium für zwischen 70 und 700 zusätzliche Stunden reichen. Mit denen sollen Pläne ausgehandelt werden, denen zufolge sie bei Bedarf angerufen werden, um kurzfristig einspringen zu können. Schulleiter wüssten am ehesten, wer sich in der näheren Umgebung dafür eignet, begründete Münch ihre Entscheidung, das Problem dezentral und auf der Ebene der Schulen lösen zu lassen.

»Die Schulen könnten sich einen Pool mit infrage kommenden Personen aufbauen.« Dazu zählte Münch pensionierte Lehrer aber auch Studierende, Anwärter mit dem ersten Staatsexamen, Lehramtsstudierende, Referendare. Wichtig sei ihr, dass die Vertretung als »fachlich qualifiziert« gelten müsse. Bezahlt werden sollen diese Vertretungslehrkräfte stundenweise nach geltendem Tarif. Also etwa zwischen 22 und 45 Euro je gehaltene Vertretungsstunde. Daneben bleiben weiter die zwei Prozent Vertretungsreserve bestehen, die es ohnehin schon gebe. Die zu vergrößern, sei nicht ihr Ziel, unterstrich Münch. Bei den Vertretungslehrern handle es sich auch nicht um Pädagogen, »die im Lehrerzimmer sitzen, Kaffee trinken und auf ihren Einsatz waren.« Oft müssten jene Pädagogen einspringen, die eigentlich den Teilungsunterricht absichern sollten.

Neben Krankheit und Qualifizierung gibt es auch andere Gründe, die Lehrer am Unterrichten hindern. Zum Schuljahresbeginn tritt gelegentlich der Fall auf, dass ein Lehrer oder eine Lehrerin nicht antrete, mit denen man eigentlich gerechnet habe. Junge Lehrer sind nicht zwangsverpflichtet, irgendwo zu arbeiten. Inzwischen sind die Schulen angehalten, den Ausfallstand »transparent und realistisch« im Internetschulporträt darzustellen. Ministerin Münch verwies auf den Beschluss der rot-roten Landesregierung, den Lehrern eine Pflichtstunde pro Woche zu erlassen.

Wenn Lehrer über 60 Jahre auf 35 Jahre Berufstätigkeit zurückblicken könnten, dann wäre eine weitere Abmilderungsstunde für sie vorgesehen. Allein dieser Absenkung des Pflichtpensums wegen muss Brandenburg ab 2014 rund 300 zusätzliche Lehrer einstellen. »Damit kommen zusätzliche Nachwuchslehrkräfte an unsere Schulen, welche die Kollegien verjüngen und verstärken.«

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