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Wo die Fans das Sagen haben

In Italien, wo morgen die DFB-Elf antritt, wird Fußball zwischen Skandalisierung und Grenzüberschreitung zerrieben

Der Einfluss der italienischen Fans auf die Fußballvereine ist immens. Spieler werden eingeschüchtert. Nun gab es in der dritten Liga einen in der Geschichte des Fußballs einzigartigen Spielabbruch.

Um berüchtigt zu werden, braucht es wenig. Dies demonstrierten am Wochenende etwa 200 Anhänger des italienischen Drittligavereins Nocerina, als sie die Spieler ihrer Mannschaft zu einem in der Geschichte des Fußballs einzigartigen Spielabbruch trieben. Sie waren zuvor vom Polizeipräfekten der Nachbarstadt Salerno vom Derby zwischen Salernitana und Nocerina ausgeschlossen worden. »Wenn wir nicht ins Stadion dürfen, dann sollt ihr auch nicht gehen«, forderten sie die Spieler auf.

Die fühlten sich so unter Druck gesetzt, dass sie erst um eine Absage des Derbys baten und dann, als die Bitte nicht erhört wurde, innerhalb der ersten 50 Sekunden nach Spielanpfiff alle drei erlaubten Auswechslungen vornahmen und auf dem Rasen schließlich seltsame Sturzpirouetten aufführten. Mal blieben sie nach einer Ballberührung oder nach Kontakt mit einem Gegenspieler liegen. Manch ein Nocerina-Spieler fiel aber auch wie vom Blitz getroffen ganz von allein um. »Die Spieler haben sich vorher nicht warm gemacht und hatten muskuläre Probleme«, gab Sportdirektor Gigi Pavarese in einer ganz eigenen Interpretation der Münchhausen-Rolle später zum Besten.

Nach 20 Minuten hatten sich so viele Nocerina-Spieler verletzt, dass die geforderte Mannschaftsstärke unterschritten war und dem Schiedsrichter nichts anderes als ein Spielabbruch übrig blieb. Die Fans, die zuvor noch über dem Stadion ein Flugzeug kreisen ließen, das im Schlepptau »Respekt für die Ultras« gefordert hatte, feierten den Abbruch wie einen Sieg im Derby. Außerhalb der Kleinstadt wurde das Ereignis freilich anders bewertet. Vom »Derby der Schande« sprach die »Gazzetta dello Sport«. »Der Fußball in Nocera ist tot, umgebracht von den eigenen Tifosi«, meinte Neapels Zeitung »Il Mattino«. Und allenthalben werden Verbindungen der Fans zur organisierten Kriminalität vermutet. Fakt ist, dass in diesem Jahr der langjährige Vereinspräsident Giovanni Citarella zurücktrat, nachdem ihn die Polizei wegen Betrugsversuchen und Korruption bei öffentlichen Bauaufträgen verhaftet hatte. Citarella galt als »König des Zements« in Salerno - ein Ehrentitel, der in der korrupten Bauwirtschaft Kampaniens für sich spricht.

Ob die Tifosi davon beeinflusst sind, ist Spekulation. Immerhin kann man als »mafiöse Einschüchterung« bezeichnen, was sie mit den Spielern taten. Sie sollen ihnen und nach Auskunft lokaler Journalisten auch Familienangehörigen mit Repressalien gedroht haben, sollte das Spiel stattfinden.

Freilich haben auch Polizei und Medien ihren Anteil an der Eskalation. Der Präfekt schloss Fans von einem Derby aus, das zum letzten Mal vor 25 Jahren stattgefunden hat! Und bereits vorab tönten lokale wie auch überregionale Medien von einem »traditionell heißen Derby«, das in den letzten 100 Jahren inklusive Pokalspiele ganze 23 Mal stattgefunden hatte, und an dessen Hochzeiten allenfalls die Väter oder Großväter der jetzigen Fangeneration noch lebendige Erinnerungen gehabt haben dürften. Empirische Erkenntnisse über das Gewaltpotenzial ausgerechnet dieses Spiels konnte man daraus nicht entnehmen. Die Fans, die durch den seit einigen Jahren obligatorischen Fanausweis ja individuell identifizierbar sind, beschwerten sich mit einigem Recht darüber, dass ihnen die Gegenleistung für diese Datenabgabe - eben der Zugang zu Fußballspielen - verwehrt blieb. Sie artikulierten sich - zumindest, was das Flugzeug betraf - auch ziemlich originell.

Allerdings ordnet sich ihr Protest in eine Tradition der Einflussnahme auf Vereine ein, der wohl nur in Italien so ausgeprägt ist. In Genua forderten im letzten Jahr Ultras die Spieler beim Rückstand von 0:4 während eines Serie A-Spiels zur Hergabe ihrer Trikots auf. Eingeschüchtert kamen die Spieler dieser Aufforderung nach.

In Mailand wurde AC-Vizepräsident Adriano Galliani vor vier Jahren unter Polizeischutz gestellt, weil der Ultra-Anführer Giancarlo Lombardi, genannt »Sandokan« Gratistickets für den Weiterkauf erpresste. Lombardi wurde später wegen Geldwäsche und Erpressung verurteilt. Aus den Einnahmen aus dem illegalen Ticketverkauf soll er der Staatsanwaltschaft zufolge auch den Film »L’Ultimo Ultras« finanziert haben. Der verherrlicht - in ziemlich beeindruckenden Bildern - Kämpfe zwischen Hooligans und wurde vom bekennenden Lazio-Ultra Stefano Calvagna gedreht. Calvagna galt eine Zeit lang als der »italienische Tarantino«.

Das reflexartige Spiel zwischen stolzer Unabhängigkeit gegenüber Institutionen und Neigung zur Gewalt auf der einen und dem Hang von Medien und Polizei zur Skandalisierung und Überzeichnung der Gewalt auf der anderen Seite steigert sich auf immer neue Höhen.

Ins Hintertreffen geraten dabei die normalen Fans und der Fußball selbst. Profiteure sind neben einigen Selbstdarstellern im Fanlager auch jene Vereins- und Verbandsfunktionäre, die bei einer Modernisierung des Fußballs ihren Einfluss verlieren würden und nur als doppelzüngige Moderatoren zwischen den Fronten ihre Existenzberechtigung haben. »Kaum hatte Galliani seine Personenschützer, ist er zu uns auf eine Weihnachtsfeier gekommen - zu uns, die wir ihn angeblich bedrohen«, amüsierte sich Giancarlo Capelli, einst dicker Kumpel von »Sandokan«, gegenüber »nd« über den Milanboss.

Nicht auszuschließen, dass es auch am Freitag, wenn die deutsche Nationalmannschaft auf Italien trifft, um mehr geht als nur Fußball.

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