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Es gibt Demenzen, die sind gar keine

Dr. Thomas Giese von der BARMER/GEK zu einer Krankheit, über die nicht gerne gesprochen wird

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Die Einführung des Pflege-Neuausrichtungsgesetzes zum 1. Januar 2013 war eine Reaktion auf die Erkenntnis, dass der demografische Wandel der Gesellschaft einen relativen Zuwachs bei der Zahl von mit Demenz Betroffenen geben wird, eine Krankheit die meist, aber nicht immer, erst im Alter auftritt. Dr. Thomas Giese ist Facharzt für Neurologie und Gesundheitsökonom. Er ist langjährig im Kompetenzzentrum Medizin/Versorgungsforschung der BARMER GEK tätig und berät die Leitungsebene in medizinischen und gesundheitsökonomischen Fragen. Martin Hardt sprach mit ihm für »nd extra«.

nd: Herr Dr. Giese, ein schwererer Gang zum Hausarzt als mit dem Verdacht, dass etwas im Kopf nicht stimmt, ist kaum vorstellbar. Auf welche Weise finden die Menschen, die sich für diesen Gang entscheiden, den Weg in die Praxis?
Giese,: Meist sind es die Angehörigen, die einen Patienten oder eine Patientin auffordern, zum Arzt zu gehen, weil ihnen seieine zunehmende Vergesslichkeit, das Verlegen von Dingen und Ähnliches auffällt. Dann ist der Hausarzt die richtige Adresse. Sie müssen wissen, dass Demenz oft sehr unterschiedliche Ausformungen und Ursachen haben kann. Es ist keine Exotenkrankheit und manches Krankheitsbild, das wie eine Demenz aussieht, ist keine und gut therapierbar. Im Frühstadium einer klassischen Alzheimer-Demenz können Geistesabwesenheit, Abgeschlagenheit, Schwierigkeiten mit der Sprache oder Neues zu lernen, Zeichen sein. Der Hausarzt kennt den körperlichen und geistigen Zustand des Patienten und sollte solche Symptome am besten einordnen können und ihn bei Verdacht an Fachärzte überweisen. Sie haben Standardverfahren, von der neurologischen Untersuchung, der Blutuntersuchung, bis zur Radiologie oder auch psycho-pathologische Tests, um zu einer Diagnose zu kommen. Auch die Befragung von Angehörigen und anderen Vertrauten aus dem Umfeld des Patienten können dazu zählen.

Und wenn die Diagnose »Alzheimer« lautet?
Die Alzheimer-Demenz betrifft etwa 60 Prozent aller Patienten mit Demenz. Daneben gibt es die vaskulären Demenzen, die man sich wie eine Folge von kleinen Schlaganfällen vorstellen kann. Sie machen bis zu 20 Prozent aller Fälle aus. Der Rest kann viele andere Ursachen bis zu Unfällen haben. Für Demenzen vom Alzheimer-Typ steht keine Therapie zur Verfügung, die die dementielle Entwicklung rückgängig machen kann, oder dauerhaft das Fortschreiten stoppt, allenfalls Medikamente, die den fortschreitenden geistigen Verfall verlangsamen können. In diesen Fällen müssen wir als Ärzte die Patienten und ihre Angehörigen auf das Leben mit der Krankheit einstimmen. Es geht zunächst darum, dass der Patient solange wie möglich ein selbstbestimmtes Leben in der ihm vertrauten Umgebung leben kann. Für das Finanzielle ist die Hotline der Pflegekassen die richtige Adresse. Die Alzheimer-Gesellschaften, Selbsthilfegruppen sind gute Ansprechpartner, wenn es um praktische Dinge wie den Wohnungsumbau geht, der im Übrigen von den Pflegekassen bezahlt wird. Ein sehr weites Feld, zu dem es aber viele Möglichkeiten gibt, Hilfe zu bekommen.

Sie sprachen aber auch von Krankheitsbildern, die nur wie eine Demenz aussehen.
Um nur vier zu nennen. Da wären Formen der Depression zu nennen, die als Demenzen fehlgedeutet werden können. Ein anderes bekanntes Beispiel ist eine Art Überdruck von Nervenwasser im Gehirn und im Rückenmark, der mit dem Einbau einer Art Ventil geregelt werden kann. Ein Mangel an dem Vitamin B 12 kann zu Symptomen wie bei einer Demenz führen oder auch Erkrankungen der Schilddrüse, Hirnblutungen, Vergiftungen oder Infektionen. Einmal diagnostiziert sind diese Krankheiten oft gut zu behandeln.

Wenn die Anzahl von mit Demenz lebenden Menschen in diesem Land zunimmt, sollte eine Krankenkasse eine Vorstellung haben, wie die Gesellschaft sich darauf einstellen muss.
Die gesamte Gesellschaft ist gefragt. Die Politik muss weitere Gesetze auf den Weg bringen, um Entlastung für die Betroffenen und ihre Angehörigen zu schaffen. Wir müssen Menschen, die in der Pflege tätig sind, finanziell und moralisch stärker unterstützen. Wir benötigen geeigneten Wohnraum, der den Mietern erlaubt, auch nach der Diagnose einer Demenz zu Hause bleiben zu können. Die Bauträger sollten bei ihren Planungen auf solche Dinge verstärkt achten. Solche und andere Investitionen müssen rentabel sein, damit wir rasch den notwendigen Bedarf decken können. Der Wille, hier etwas zu tun, ist bei allen Beteiligten vorhanden, wir müssen aber gemeinsam diskutieren, wie viel wir dafür investieren wollen.

Wir müssen Gesundheit weiter denken!

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