Von Katja Herzberg
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Ein Dorf und seine Erinnerungswelten

Carlos Gamerro lädt ein, die Geschichte hinter einem Mord im Argentinien der 70er Jahre aufzudecken

3000 Einwohner, jeder kennt jeden, da sollte ein Mord allen Dorfeinwohnern nahe gehen. Und das Verschwinden von Darío Ezcurra tut dies in gewisser Weise auch. Alle in Malihuel haben etwas zu ihm und seinem Ableben zu sagen. Ob und wie er starb, weiß aber keiner von ihnen wahrhaftig zu berichten.

Was tatsächlich 1977 mit Ezcurra geschah, will nun, 20 Jahre später, Fefe, der Ich-Erzähler in Gamerros Roman, herausfinden. Was wie ein gewöhnlicher Krimi mit den Kapiteln Mord, Tathergang und Aufklärung klingt, hat aber weit mehr zu bieten. Fefe durchlebt in Malihuel eine Reise in seine eigene Vergangenheit - er selbst stammt aus der argentinischen Pampa, hat jeden Sommer in dem Dorf verbracht und kehrt nun zurück zu alten Freunden, in das Haus seiner Großmutter, an die Kneipen und Esstische, wo es fast immer eine andere Sorte Nudeln gibt.

Fefe erwartete, auf eine Mauer des Schweigens zu treffen, gab vor, einen Roman schreiben zu wollen über »so einen Typen«, der irgendwie einmal Ärger mit jemandem aus einem Nachbardorf hatte. Die Namen aller Handelnden und auch des Ortes würde er selbstverständlich ändern. Das Buch solle schließlich keine Dokumentation werden.

Die Vorsicht, mit der sich Fefe in seine Geschichte tastet und mit der Gamerro seine Leser in den Alltag der Militärdiktatur Argentiniens entführt, stellt sich rasch als angebracht, aber auch zweckmäßig heraus. Denn es geht nicht einfach um einen Mord, den er aufklären will. Wer den Todesschuss abgegeben hat, ist nach wenigen Gesprächen mit Dorfbewohnern klar. Doch wer trägt die Verantwortung?

Ezcurra ist schließlich nicht nur in einer Nacht-und-Nebel-Aktion beseitigt worden. Der Polizeichef von Malihuel hatte den Befehl erhalten, ihn verschwinden zu lassen. Und bevor er dem nachging, befragte er jeden Bewohner Malihuels zu seiner Meinung, so wie nun Fefe. Dabei heraus kommt ein Verwirrspiel der Erinnerungen. Arzt, Fleischer, Yachtklub-Besitzer, Friseur und Dorfheilerin - alle beschreiben Ezcurra anders, vom Frauenheld über den Investigativjournalisten bis hin zum dubiosen Geschäftemacher. So ergibt sich weniger ein Bild des Opfers als das dieses Dorfes. Hinzu fügt Gamerro »Zwischenspiele«, in denen die Leser noch einiges mehr über die Geschichte von Malihuel erfahren.

Die Beschreibungen und die Präzision, mit der der Autor sie vorgenommen hat, sollen den Eindruck einer wahren Begebenheit erwecken. Doch gleichzeitig bricht Gamerro die Illusion von Wahrhaftigkeit immer wieder auf. Es bleibt aber der Verdacht, dass sich die Geschichte von Ezcurra in einer der dem Roman ähnlich skizzierten Weise tatsächlich vollzogen hat.

Ob das der Fall ist, erfährt der Leser am Ende nicht. Aber er erhält eine Antwort auf Fefes Drängen, die Wahrheit über Ezcurra herauszufinden. Die hier zu verraten, würde jedoch eine spannende Spurensuche vorwegnehmen.

Carlos Gamerro:
Das offene Geheimnis. Roman. Übers. v. Tobias Wildner. Septime Verlag. 344 S., geb., 21,90 €

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