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Geschichte, die noch qualmt

Kurt Pätzold diskutiert die Kontroversen um Deutschlands »dunkle Jahre«

Vor allem jüngere Zeitgenossen, im Geschichtsunterricht in der Regel eher sparsam belehrt über den Verlauf der Geschichte in den Jahren zwischen 1933 und 1945, einschließlich der Vor- und Nachgeschichte, finden hier fundierte Antworten. Aber auch jenen, die glauben, über Deutschlands »dunkle Jahre« bereits alles zu wissen, wird die Lektüre den Blick schärfen. Insbesondere angesichts nicht enden wollender Bemühungen, die Jahre der faschistischen Herrschaft umzudeuten oder - wenn da nur nicht »die Sache mit den Juden« gewesen wäre - zu bagatellisieren, ist das neue Buch von Kurt Pätzold eine wahre Fundgrube.

Es ist in fünf Abschnitte gegliedert: »Vorspiel«, »Faschismus an der Macht«, »Auf dem Weg in den Krieg«, »Krieg« und »Nachspiel«. Ein »Geschichtslesebuch« ganz eigener Art, passend in unserer Zeit, in der buchstäblich »Geschichte noch qualmt«. Es wird hier, wie der renommierte Faschismusforscher seinen Texten vorausschickt, »nicht ein Streit um des Führers mickrigen Bart geschildert oder ausgefochten und es wird nicht Zweit- oder Drittrangiges ausgebreitet werden«.

Der Bogen wird weit geschlagen - beginnend mit der Industriellen-Eingabe von 1932 an Paul von Hindenburg, Hitler zum Reichskanzler zu ernennen, über die zunehmende Verdrehung der Opfer- und Täterrolle bis hin zum Nürnberger »Jahrhundertprozess« 1945/46, in dem es nach den Worten des US-amerikanischen Hauptanklägers Robert H. Jackson darum ging, »unglaubhafte Tatsachen durch glaubhafte Beweise zu fundieren«.

Es sind »Fragen von Gewicht«, auf die »bis heute bei allen Forschungsfortschritten verschiedene, mitunter gegensätzliche Antworten gegeben werden, über die zu Zeiten auch ein hell auflodernder Streit entflammte«. Exemplarisch steht dafür der von Ernst Nolte 1986 entfachte »Historikerstreit«. Jener hatte den faschistischen Ausrottungsfeldzug gegen das »Weltjudentum« als Reaktion auf Stalins Gulag dargestellt.

Zu den jüngsten Beispielen zur Relativierung des Faschismus zählen die Legende »vom üppigen Leben der Volksgenossen«, vom »nationalen Sozialismus« oder von der »sozialen Aufwärtsmobilisierung«, die der einst klarsichtige Historiker Götz Aly in seinem Buch »Hitlers Volksstaat« ausbreitete. Pätzold stellt diesem Bild den bei Aly nicht vorkommenden Lebensalltag von Millionen auch unterm Hakenkreuz ausgebeuteten Arbeiter und Arbeiterinnen, Arbeitshetze und Arbeitszwang sowie die wachsende Zahl von Betriebsunfällen entgegen. Und er ergänzt die bei Aly fehlenden Angaben über Profit und Gewinne der Kapitalisten gerade in der NS-Zeit.

Dass Alys Interpretation - von Pätzold eine »Frechheit« und »Unverfrorenheit« genannt - nicht allgemein mit Kopfschütteln und Hohngelächter abgetan wurde, entlarvt das Niveau der Vergangenheitsbewältigung und zugleich »das ungestillte Interesse gesellschaftlicher Kreise hierzulande, das Wesen der faschistischen Herrschaft zu verzeichnen und zu fälschen«. Dieses ungestillte Interesse wird vom Autor im Folgenden ausführlich betrachtet.

In den abschließenden 18 »Thesen zur Analyse des historischen Faschismus« verweist Pätzold darauf, dass der Begriff »Faschismus«, der von der zuerst in Italien entstandenen Bewegung genutzt wurde, in Publizistik, Politik und Gesellschaftswissenschaft international für diese neuartige Erscheinung gebräuchlich war und ist. Nur in Deutschland wurde und wird nach wie vor die demagogische Selbstetikettierung der Nazis übernommen. Auch dies ist freilich interessengeleitet.

Kurt Pätzold:
Kein Streit um des Führers Bart. PapyRossa. 425 S., geb., 24,90 €

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