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Freibrief für Gewalt

Nur eine sachliche Aufklärung der Vorfälle beim Spiel des 1. FC Union Berlin in Kaiserslautern verbessert das Klima zwischen Fans und Polizei

  • Von Alexander Ludewig
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der 1. FC Union Berlin prüft nach dem Polizeieinsatz gegen seine Fans in Kaiserslautern derzeit juristische Schritte. Unions Fanbeauftragter Lars Schnell hat bereits Anzeige erstattet.

Lars Schnell musste nicht lange überlegen. Am Dienstag machte sich der Fanbeauftragte des 1. FC Union Berlin auf den Weg zum Tempelhofer Damm. Dort erstattete er beim Landeskriminalamt 712 Anzeige gegen Unbekannt. Beim Polizeieinsatz am Sonnabend auf dem Hauptbahnhof von Kaiserslautern nach dem Zweitligaspiel beim FCK wurde er von Beamten mit Pfefferspray attackiert - obwohl er sich als Fanbeauftrager des Berliner Klubs ausgewiesen hatte. Als Beweis dienen Schnell auch Videoaufnahmen: Die Situation am Aufgang zum Bahnsteig ist entgegen der Darstellungen verschiedener Polizeidienststellen beruhigt, und Schnell ist im Gespräch mit einem Polizisten als ihn das Pfefferspray im Gesicht trifft.

Dass Schnell zwei Tage zuvor eine Augenoperation hatte, konnten die Beamten natürlich nicht ahnen. Dass ihm, nachdem er die Einsatzkräfte darüber informiert hatte, die erste medizinische Hilfe vor Ort dennoch verweigert wurde, rückt das insgesamt schon sehr fragwürdige Vorgehen der Polizei in Kaiserslautern in ein noch hässlicheres Licht. »Die ganze Bindehaut ist kaputt«, sagt Schnell, der nun alle zwei Tage behandelt werden muss.

Das Auge wird schon wieder. Andere Folgen des Polizeieinsatzes bereiten ihm mehr Sorgen. »Wir werden uns nicht vor Straftäter unter unseren Fans stellen«, macht Schnell klar. Diese gibt es vereinzelt auch beim 1. FC Union. Nach den Erlebnissen von Kaiserslautern befürchtet Schnell vielmehr einen weiteren Vertrauensverlust in die Sicherheitskräfte bei einem Großteil der friedlichen Fans. Von der Heimfahrt aus Kaiserslautern mit dem Sonderzug, in dem auch nach Polizeiinformationen nur Fans der Kategorie A saßen, also keine gewaltbereiten oder gewaltsuchenden, berichtet Schnell von »heißen Diskussionen«. Nicht nur unter den rund 30 verletzten Berlinern, die übrigens in keiner der etlichen offiziellen Stellungnahmen der Polizei aufgetaucht sind. Diskutiert wurde das grundlos gewalttätige Vorgehen der Beamten mit Schlagstöcken und Pfefferspray, das letztlich auf dem Bahnsteig eine Panik ausgelöst hatte als ein ICE mit hoher Geschwindigkeit durchgefahren ist. »Bei ganz vielen wird die Angst vor Polizeibeamten immer größer«, sorgt sich Schnell.

Vor gut einem Jahr keimte im Zuge der Diskussionen um das Konzeptpapier der Deutschen Fußball Liga »Sicheres Stadionerlebnis« die Hoffnung, dass Fußballfans nicht mehr nur als rechtlose Masse behandelt werden. Dialogbereitschaft statt Populismus versprachen Fußballverbände, Politiker und Sicherheitsbehörden. An der generellen Einstellung gegenüber Fußballfans hat sich jedoch kaum etwas geändert.

»Die wollen doch alle immer nur Bengalos«, pauschalisiert Rainer Wendt auch nach den Vorfällen von Kaiserslautern hemmungslos. Zugegebenermaßen ist es leicht, den Bundesvorsitzenden der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) anzurufen, um die Ablehnung gegenüber Fußballfans zitierfähig darzustellen. Interessant und erschreckend wird das Gespräch mit Wendt über die aktuellen Vorfälle in Kaiserslautern. »Die Polizei hat richtig und verhältnismäßig gehandelt«, sagt er. Und die Pfeffersprayattacke auf den Berliner Fanbeauftragten Lars Schnell? »Wenn die Lage eskaliert, ist Herr Schnell überflüssig und hat keinen Sonderstatus. Auch nicht, wenn er noch so sehr mit seinem Ausweis rumwedelt.« »Und wenn Herr Schnell mit seinem frisch operierten Augen nach Kaiserslautern fährt, kann es ja so schlimm nicht gewesen sein.«

All diese Aussagen rechtfertigt Rainer Wendt damit, dass er sich schützend vor seine Kollegen stellen müsse. Mit dieser undifferenzierten Sicht schützt er die jeweiligen Einsatzkräfte nicht, sondern erteilt ihnen als ihr Bundesvorsitzender der DPolG einen Freibrief für Gewalt und schürt ein gefährliches Klima.

Der 1. FC Union schreibt in seiner Stellungnahme zum Spiel in Kaiserslautern von »gewaltsuchenden Polizisten, die die Lage zur Eskalation gebracht haben«. Der Verein prüft derzeit ein strafrechtliches Vorgehen gegen den Polizeieinsatz in Kaiserslautern. Helfen können ihm dabei einerseits weitere Videoaufnahmen, die dem Klub vorliegen. Andererseits auch wissentliche Falschdarstellungen wie beispielsweise in der Pressemitteilung der Bundespolizei. Diese nutze sie »zur Rechtfertigung dieser Maßnahmen«, kritisiert der Klub. Aus Polizeikreisen erfuhr das »nd«, dass sich die Ereignisse in Kaiserslautern anders dargestellt hätten. Eine Aufklärung täte dem Klima im Fußball gut.

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