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Der Spieler, der Texte tanzen konnte

Eine Legende des Deutschen Theaters Berlin: Fred Düren wird 85 - in Jerusalem

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Ahnungsvoll, von heute aus gesehen: Mehr und mehr hatte in Fred Dürens Spiel, in den achtziger Jahren, eine konzentrierte Strenge obsiegt, ein Wirken ganz ohne Ausschwünge und Arabesken. Als schlüge da einer mählich einen meditativen, abschiedsbereiten Bannkreis um sich. Eines Tages trat der Komödiant dann ganz aus seiner Kunst heraus, ging aus der Scheinwerferhelle, führte sich selber hinters künstliche Licht und sah in einer anderen Welt einen anderen Auftrag leuchten. Er, der heute 85 wird, lebt seit Jahren als Rabbi in Jerusalem.

Schauspielers Werk ist ja, wenn es beseelt getan wird, eine Art Nächstenliebe: Es nimmt sich erdichterer Schicksale an, damit wir sie uns - für unser eigenes - Leben zu eigen machen. Bei der Nächstenliebe blieb Düren; Gottesliebe ist deren Hochrechnung.

Dieser Künstler, 1928 geboren, kam 1953 ans Berliner Ensemble Brechts und fünf Jahre später ans Deutsche Theater Wolfgang Langhoffs. Düren betrieb textgebundene Tanzkunst. Flirren, Zittern - seine schmalen Hände: ein fahriges Lodern der Finger wie Feuerzungen. Er war der Verkörperer nervöser Angespanntheit, als Schauspieler stets auch Pantomime. Spielmomente luden sich gern auf ins Exzentrische. Dazu diese spröde singende, etwas brüchig anmutende Stimme.

Unvergesslich sein Faust in der Inszenierung von Adolf Dresen und Wolfgang Heinz am Deutschen Theater: ein geschnürter, eingezwängter Grübler in einer funktionärseifrig attackierten Aufführung - die sich einem faustdick gewünschten sozialistischen Realismus verweigerte. Wahrheit sucht dieser Gelehrte auf einzig geistvolle Weise: Sobald er glaubt, Herr einer Gewissheit zu sein, interessiert ihn nicht das Argument, das sie bestätigt, sondern jenes, das sie widerlegt.

Düren, nach starker Zeit im springteuflischen, lebensfarbensatten Besson-Hacks-Theaterzirkus, gab plötzlich einen düsteren, graumüden Intellektuellen, dem nichts mehr auf die Sprünge hilft, schon gar nicht, was sich Freiheit und Luxus der Optionen nennt. Es geht diesem Faust nicht mehr darum, die Probleme zu lösen, sondern sie auszuhalten - wahrlich auf Teufel komm raus! Eine geistige Novität in der ostdeutschen Rezeption des Goethe-Klassikers.

Man denkt heute an diesen Theatergroßen (Trygaios, Tartüff, Paris, Lear, Shylock), denkt an den Filmschauspieler (»Sie nannten ihn Amigo«, »Der verlorene Engel«, »Goya«) und weiß um den schmerzlichen Widerspruch zwischen künstlerischer Größe und deren Zeitwert. In Wim Wenders’ Film »Palermo Shooting« gibt der Tod höchstpersönlich die Definition der Fotografie: Sie sei eingefangenes, gefrorenes Leben und zeige also ihn, den Tod, bei der Arbeit. Dies trifft auch auf die Arbeit des Komödianten zu, dessen Bühnenschöpfung just in dem Moment das Leben verlässt, in dem sie entsteht.

Aber die Erinnerung an hochkunstschöne Spieljahre des Fred Düren bleibt; mag der Tod noch so sehr an der Verwitterung arbeiten - das Gedächtnis tut seine Arbeit auch und baut an den Unvergänglichkeiten, die uns erbaulich begleiten.

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