Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Bahnhof verstehen

Klaus-Dieter Zentgraf erforscht gesellschaftliche Dimensionen der Verkehrspolitik

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.
Eine Fotoausstellung zeigt Aufnahmen aufgegebener Bahnhöfe. Eine Konferenz in Potsdam-Pirschheide gab den Auftakt für eine Bürgerbewegung »BB 21«.

An einer Wand steht noch Potsdam Hbf, wobei anderthalb Buchstaben fehlen. Das einstmals modern konstruierte Ensemble ist weitgehend verrammelt und abgesperrt. Nur eins von vier Gleisen wird noch benutzt. Doch die Züge halten auch dort nur, wenn jemand auf dem Bahnsteig wartet oder ein Fahrgast wie bei einem Bus oder einer Straßenbahn per Knopfdruck darum bittet. Selbstverständlich handelt es sich nicht mehr um den Hauptbahnhof von Potsdam. Der liegt ganz woanders. Als Hauptbahnhof diente die Station Pirschheide lediglich in der Zeit der deutschen Teilung, als das eingemauerte Westberlin umfahren werden musste.

Verwaiste Bahnhöfe mit zugewucherten zugewucherten Gleise sind in Brandenburg keine Seltenheit. Eine Konferenz zur gesellschaftlichen Dimension dieses Zustands gab es am Wochenende in einer Gaststätte am Bahnhof Pirschheide. Heute und morgen sind auf der Potsdamer Langen Brücke großformatige Fotos von solchen Bahnhöfen ausgestellt. Bei der Ausstellung dreht es sich weder um Kunst, noch soll Sentimentalität verbreitet werden. »Es ist eine politische Ausstellung«, betont der Macher.

Hinter der Konferenz, an der sich Verkehrsexperten, Aktivisten und Politiker beteiligten, und hinter der Ausstellung steht Klaus-Dieter Zentgraf. Der 62-Jährige ist nach einer Krankheit halbseitig gelähmt. Ein Auto kann er nicht mehr steuern. Bei einer Bahnfahrt vor zwei Jahren fiel ihm auf: »Da ist ein Bahnhofsgebäude geschlossen und noch eins und noch eins.« Sein Interesse war geweckt. Seit anderthalb Jahren treibt Zentgraf Feldforschung. Er hat 15 000 Fotos von Bahnhöfen geschossen, 500 alte Fahrpläne aufgetrieben, Leute befragt und einen Berg von Informationen gesammelt.

Zentgraf gehört jedoch nicht zu den unzähligen Eisenbahnfreunden, die sich für die Technik begeistern. Eine alte Lok versetzt ihn keineswegs in Hochstimmung. »Ich bin kein Pufferküsser. Ich komme aus der Zeitgeschichte, aus der soziologischen und philosophischen Richtung.«

In Schuhkartons im Keller seines Hauses in Wilhelmshorst verwahrt Klaus-Dieter Zentgraf Ziegel und andere kleine Steine. Er hat sie von 100 verschiedenen märkischen Bahnhöfen mitgenommen. Sie waren lose. Wofür er Steine und andere Zeugnisse der Bahnhöfe braucht, muss sich noch zeigen. Er ist sich aber sicher, dass ihm all diese Dinge noch nützen werden. Mit sozialwissenschaftlicher Akribie erforscht der 62-Jährige den märkischen »Bahnhof als System«. Dazu gehören Stichworte wie Architektur, Recht und Gesetz, das Verhältnis von Mensch und Maschine oder außerparlamentarische Bewegung. Eine solche Bewegung schwebt Zentgraf auch vor. Die Konferenz soll den Anstoß dazu geben. Einen Namen hat sich der Wilhelmshorster schon ausgedacht. Angelehnt an »Stuttgart 21« - das für den umstrittenen Umbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs und die Proteste dagegen steht - soll die Initiative in Brandenburg »BB 21« heißen.

Die Geschichte der Eisenbahn begann in Brandenburg vor 175 Jahren mit der Eröffnung der Strecke von Berlin nach Potsdam. Seitdem sind 1000 Bahnhöfe aufgegeben worden, die meisten davon seit der Wende, rechnet Zentgraf vor. Manchmal wird ihm entgegnet, so viele Bahnhöfe habe es gar nicht gegeben. Doch dabei werde der Fehler gemacht, Güter- und Betriebsbahnhöfe zu vergessen. Fünf Jahre werde die wissenschaftliche Untersuchung des Themas dauern, wenn nicht länger, erwartet Zentgraf. Gegenwärtig befinde ich sich noch in der Phase »Wiegen, Messen, Zählen«. Der 62-Jährige möchte feststellen, ob die Politik Fehler macht - und wenn ja, welche Alternativen es gibt. Kann er schon Ergebnisse vorlegen? »Nein.«

Aber einige Kuriositäten vermag der Forscher vorzuweisen, darunter die Hausordnung des aktuellen Potsdamer Hauptbahnhofs, deren Formulierungen an die Zeit des Absolutismus erinnern. Betteln, Hausieren und Herumlungern ist untersagt. Nicht einmal das Sitzen auf dem Boden ist gestattet. Das veranlasste Zentgraf, bei der Deutschen Bahn und Menschenrechtsorganisation »Amnesty International« nachzufragen. Drei Tage hat er sich allein damit beschäftigt. Später will er das wieder aufgreifen. Für ihn steht aber schon fest: »Wir brauchen eine Diskussion über die Nutzung öffentlicher Räume.« Ein Bahnhof dient nicht allein dem Personenverkehr. Er ist auch eine soziale Einrichtung, wo es Fahrkarten, Informationen und vielleicht eine Bockwurst gibt. »Ich könnte 100 Bedürfnisse aufzählen, für die ein Bahnhof wichtig ist.«

www.bb21.eu

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln