Entgleisungen im ganzen Land

Vier Menschen sterben bei einem Zugunglück in New York, das gesamte US-Schienennetz ist marode

  • Von Sebastian Moll, New York
  • Lesedauer: 3 Min.
Bei einem Zugunglück in New York kommen vier Menschen ums Leben. Unfälle im Schienenverkehr häufen sich. Das Land vernachlässigt Investitionen, Experten warnen vor noch größeren Unglücken.

Die Betroffenheit war groß in New York am Montagmorgen. Offizielle und Politiker hatten zur ersten Pressekonferenz nach dem schrecklichen Zugunglück vom Sonntag geladen. Man werde die Sache in aller Gründlichkeit untersuchen, versprach Earl Wheeler, Direktor der Nahverkehrssicherheit in der Stadt, schließlich müsse man verstehen, warum bei der Entgleisung in der Bronx vier Menschen umgekommen waren. Sicherheit, fügte Gouverneur Andrew Cuomo an, sei schließlich oberstes Gebot.

Bislang sind die Ursachen der Katastrophe auf einer der am meisten genutzten Pendlerstrecken der USA noch unklar. Fest steht allein, dass sich der Unfall an einer heiklen Stelle zutrug. Kurz bevor der Zug auf eine schmale Brücke über die Mündung des Harlem River einbiegt, muss der Zug rasch von 120 auf 50 Stundenkilometer abbremsen.

Was immer es auch gewesen ist, das den Pendlerzug aus der Spur warf, Tatsache ist, dass sich in der jüngsten Vergangenheit die Zwischenfälle bei der Betreibergesellschaft der Linie, den New Yorker Verkehrsbetrieben MTA häufen. Im September legte ein Stromausfall die Züge in den Vorort Mount Vernon, nicht weit von der Unfallstelle vom Sonntag entfernt, tagelang lahm. Im Mai 2013 waren nahe des Ortes Fairfield zwei Züge kollidiert und 70 Passagiere verletzt worden. Einer der Züge war entgleist. Im Juli entgleiste auf dem Stadtgebiet ein Güterzug, der Müll geladen hatte.

Beobachter des New Yorker Nahverkehrsnetzes glauben, dass diese Häufung an Zwischenfällen kein Zufall ist. Die Nahverkehrsgesellschaft MTA leidet unter chronischen Geldproblemen, Sicherheitsmaßnahmen und Wartung bleiben zunehmend auf der Strecke.

Das Budget der MTA - des größten Nahverkehrsbetriebs in den USA mit täglich 8,5 Millionen Passagieren - wird seit 2010 jährlich zurückgefahren. Bis 2017 sollen eine Milliarde Dollar (0,7 Milliarden Euro) gespart werden, weil die Zuschüsse aus der öffentlichen Hand immer mehr zusammen schmelzen. In den vergangenen Jahren belasteten die Schäden durch die Hurrikane Isaac und Sandy zusätzlich die angespannten Finanzen der Gesellschaft. Im Sommer diesen Jahres berichtete deshalb die »New York Daily News«, dass das Budget der Gesellschaft für 2015 nicht gesichert sei. Investitionen in die angeschlagene Infrastruktur seien ausgeschlossen.

Die Lage der New Yorker Verkehrsbetriebe ist allerdings alles andere als außergewöhnlich. Die amerikanische Infrastruktur gibt Beobachtern schon seit langem Anlass zu gravierender Sorge. Erst im vergangenen Sommer titelte das Nachrichtenmagazin Newsweek anlässlich eines Brückenkollapses in Minnesota: »Amerikas drohendes Infrastruktur-Desaster«. Die Vereinigung amerikanischer Ingenieure, so stand in dem Artikel, gab der amerikanischen Infrastruktur gerade einmal die Note 5. Brücken und Autobahnen hätten mehrheitlich ihre vorgesehene Lebensdauer überschritten und müssten generalüberholt werden. Gas-, Elektro- und Ölleitungen sind brüchig und könnten jederzeit explodieren. Mindestens zweieinhalb Billionen Dollar müssten ausgegeben werden, so die Ingenieure, um die USA zuverlässig funktionsfähig zu erhalten. Ansonsten drohe eine noch größere Katastrophe.

Natürlich haben die schrumpfenden öffentlichen Zuschüsse seit der Wirtschaftskrise 2008 zu dem Problem beigetragen. Seit Barack Obamas Stimulus-Paket von 2009, das auch eine massive Investition in die Infrastruktur vorsah, sind staatliche Ausgaben wieder versiegt. Weitere Infrastrukturausgaben sind nicht durchsetzbar. Obamas Plan, das amerikanische Schienennetz zu modernisieren, ist am Widerstand republikanischer Politiker auf allen Ebenen gescheitert.

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