Heraus aus der guten Stube

Die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses. Ausstellung im Deutschen Historischen Museum

Angela Merkel wuchs im evangelischen Pfarrhaus auf, von dort hat sie ihre Nüchternheit mit in die Politik gebracht. Aber auch der Nazi Horst Wessel, die RAF-Terroristin Gudrun Ensslin oder der DDR-Bürgerrechtler Markus Meckel wurden im Pfarrhaus groß. Und natürlich Joachim Gauck, Jahrzehnte Pfarrer und heute Bundespräsident. Das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt nun die Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses. Es hat die Gesellschaft geprägt, vom ideologischen Einfluss bis zu Erfindungen durch Pfarrerskinder: etwa die Waschmaschine.

Die gute Stube des Protestantismus hat nachhaltig das gesellschaftliche Leben beeinflusst. Die Ausstellung trägt frömmelnd den Titel »Leben nach Luther«. Aber der Reformator selbst hat nie im Pfarrhaus gelebt, er besaß in Wittenberg ein repräsentatives Gutshaus. 2017 wird die Reformation gefeiert, vor 500 Jahren kam es durch Luther zum Thesenanschlag, der Europa verändert hat. Die Schau im Deutschen Historischen Museum (DHM) ist diesem Termin gewidmet. Und in diesem Fall ist er, auch für Katholiken und Atheisten, wirklich interessant. Denn auch sie wurden über ihre Vorfahren durch die Reform beeinflusst. Die Reformation brachte eine neue zivile Ordnung.

Doch aus ihr kam auch Furchterregendes. Lutherische Kirchen waren in deutschen Landen und Skandinavien Staatskirchen. Es galten strenge Gottesdienstregeln, der Pfarrer kam zu Hausverhören - ein Gemälde des Dänen Kurt Anker zeigt das - und um 1800 mussten Bauern ihren geistlichen Herren »Hand- und Spanndienste« leisten. Der Zehnte musste ohnehin abgeben werden. Auch die Pfarrfamilie war nicht viel besser dran. Pfarrer durften heiraten, mussten aber nach dem Studium verehelicht sein, um Gemeinden führen zu dürfen, ihre Ehen hatten mustergültig zu sein.

Luthers Familienleben mit Katharina von Bora und Kindern hatte noch ein Gutes: Das Haus war offen, die Frau als Haushälterin wurde aufgewertet, sie war dem Mann »Gehüllfe und Tragstab«, nicht aber »Fußschemel«. Starb der Pfarrer, musste die Witwe versorgt werden. Mitunter hatte der Nachfolger im Amt sie zu heiraten.

Das Pfarrhaus war ein Hort der Tugend, aber auch Ort der Aufklärung. Im Bildungsauftrag visitierten Pfarrer Schulen, trieben Seelsorge an Sündern und unterstützten die soziale Gesinnung. Später verkam der Mythos Pfarrhaus zum engen, spießigen Platz.

550 Exponate erzählen in der Ausstellung 500 Jahre evangelische Kulturgeschichte nach. Noch nie wurde das so detailliert gezeigt. Dazu gehört auch die Verstrickung mit den Nazis. Die »Deutschen Christen« predigten den Rassenhass, aber eine erstaunlich große Bekennende Kirche hielt dagegen und musste dafür zahlreiche Opfer bringen. Nicht nur Bonhoeffer hat seine Ablehnung des Faschismus mit dem Tod bezahlt.

Im Pfarrhaus erfand der Regensburger Superintendent Christian Schäffer die Waschmaschine. Der Pfarrerssohn Carl von Linde kreierte eine Kältemaschine, Pfarrer Oscar Fraas erforschte die Eiszeit, Pastorensohn Alfred Wegner Grönland. Aber auch Geistesgrößen wie Schinkel, Mörike, Lessing, Nietzsche und der Schweizer Jeremias Gotthelf kamen aus Pfarrhäusern.

Erst seit 50 Jahren sind Theologinnen den Männern im Amt gleichgestellt, heute gibt es sogar gleichgeschlechtliche Partnerschaften im Pfarrhaus. Und die DDR implodierte auch, weil die SED eine Antikirchen-Politik betrieb. Dafür gehörten der ersten (und letzten) freigewählten DDR-Regierung gleich mehrere Pfarrer an.

»Leben nach Luther.« Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, 10117 Berlin, Tel.: (030) 20 30 40, tägl. 10-18 Uhr, Eintritt 8/4 €, Katalog 25, Themenheft 3 €. Bis 2. März 2014, www.dhm.de

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