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Gestohlenes halbes Leben

Hans Wagener schreibt über die fetten und die mageren Jahre der Gabriele Tergit

  • Von Regina Stötzel
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Ich bleibe auf alle Fälle«, sagt Gabriele Tergit am 26. Februar 1933 im Gespräch mit Carl von Ossietzky in Berlin. »Man muss doch der Historie zusehen.« Sie ist Gerichtsreporterin für das »Berliner Tageblatt« und hat sich in dieser Männerdomäne einen Namen gemacht mit humorvollen Schilderungen von Kleinkriminellen und ihren sozialen Milieus, aber auch mit genauen Beschreibungen des wachsenden Rassismus und Antisemitismus und einer Justiz, die Vergehen der stärker werdenden Nationalsozialisten lediglich »mit einem Klaps auf die Hand« ahndet, wie es Hans Wagener ausdrückt. Gerade erst ist zudem ihr Roman »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« bekannt geworden.

Am 28. Februar 1933 wird Ossietzky verhaftet. Vier Tage später trommelt die SA auch an Tergits Tür. Mit Glück kann sie sich einer Verhaftung entziehen und flieht noch an diesem 4. März in die Tschechoslowakei, später geht sie mit Mann und Sohn über Palästina nach London.

Wagener, Professor für Germanistik in Los Angeles, betont, dass es sich bei seiner Monografie »nicht einfach um die Darstellung von Leben und Werk einer deutschen Schriftstellerin« handelt. Ihm geht es um den großen Bruch, den der Nationalsozialismus für Leben und Karriere der jüdischen Berliner Autorin bedeutete, und die Kontinuität in ihrem Arbeiten »trotz aller Widrigkeiten ihres Exils«. Man mag ihn so verstehen, dass die »Gestohlenen Jahre« für Tergit keineswegs 1945 enden, sondern ihre gesamte zweite Lebenshälfte umfassen.

Entsprechend nimmt die bisher stets am besten dokumentierte Zeit Gabriele Tergits vor 1933, die sie einmal »die sieben fetten Jahre im Leben einer ganzen Generation« nannte, zum ersten Mal nicht überdimensional viel Platz ein gegenüber Exil, Nachkriegszeit und den späten Jahren. Es ist, als rücke Wagener sogar Tergits eigene Erinnerungen zurecht, die sie kurz vor ihrem Tod im Jahr 1982 schrieb und die sich ebenfalls größtenteils der Berliner Zeit widmeten.

Die Jüdin, die keine Zionistin ist, kommt in den späten dreißiger Jahren in Palästina nicht klar und das Klima dort macht der ganzen Familie zu schaffen. Auch London, wo sie ab 1938 lebt, ist zunächst ein »berufliches Fiasko« für sie. Tergit ist Mitte 40, muss erst einmal Englisch lernen. Versuche, beim deutschsprachigen Radioprogramm der BBC unterzukommen, scheitern, sie kann nur wenige Artikel veröffentlichen. Auch nach dem Krieg reichen die Arbeiten für »Das goldene Tor«, eine Zeitschrift von Alfred Döblin, »Neue Zeitung« (Eno Hobbing), »Tagesspiegel« und andere Blätter nicht zum Leben.

Es ist die Gruppe von rund 80 Mitgliedern des Londoner »Exil-PEN«, die sie »eines der Geheimnisse, warum es sich hier so gut lebt«, nennt. Sie setzt sich nach dem Krieg dafür ein, dass die Unterorganisation eigenständig bleiben kann, obwohl es offiziell kein Exil mehr gibt, wird zunächst deren Schatzmeisterin, dann fast bis an ihr Lebensende PEN-Sekretärin. Zeitlebens bleiben ihr Autoren, die während des Nationalsozialismus in Deutschland blieben, ebenso verdächtig wie die Deutschen, die sie bei ihren (Berlin-)Besuchen trifft. »Die Weltgeschichte beginnt im Mai 1945 für sie. Was die Nazis getan haben, geht sie nichts an.«

»Guten Tag, Frau Tergit«, begrüßt sie ein Gerichtsdiener in Moabit, als sie 1948 zum ersten Mal wieder über einen Prozess dort berichtet. Drei Jahre nach der Befreiung der Konzentrationslager wird über einen goldenen Ring gestritten. Befremdlich und geradezu lächerlich kommt ihr das vor. Eine Rückkehr in dieses Land ist für sie trotz der »schmerzhaften Marginalisierung«, die sie in England empfindet, unmöglich.

Hans Wagener: Gabriele Tergit. Gestohlene Jahre. V & R unipress, 257 Seiten, geb., 39,99 Euro

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