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Kesse Sicht auf Berlin

Verfemte Autorinnen der Weimarer Republik

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Mit einer Freiluftausstellung im Rahmen des Berliner Themenjahres »Zerstörte Vielfalt« kehrten 2013 auch Irmgard Keun und Gabriele Tergit für einige Monate nach Berlin zurück, zu dessen Ruhm in der Weimarer Republik sie maßgeblich beitrugen. In der Ausstellung wurde nicht nach Verfolgungsgrund oder Religion differenziert, weshalb der Gewerkschafter neben dem Dichter stand und die Jüdin Gabriele Tergit, die eigentlich Elise Hirschmann hieß, genauso vertreten war wie die »Asphaltliteratin« Irmgard Keun.

Glamour und Gleichschaltung

Die 1894 in Berlin geborene Journalistin Gabriele Tergit war den Nazis wegen ihrer Gerichtsreportagen besonders verhasst. Kennern der Literaturszene der Weimarer Republik ist sie wegen ihrer Berlin-Essays und ihres Berlin-Romans »Käsebier erobert den Kurfürstendamm« bekannt. Anders als Keuns Romane der Weimarer Jahre, die mittlerweile Schullektüre sind, hat »Käsebier« nur eine zögerliche Renaissance erlebt. Was schade ist, denn darin porträtiert Tergit das Berlin der Weimarer Republik mit seinem Glamour und seinen Schattenseiten.

Die beiden Pole der Handlung sind eine Zeitungsredaktion, die Tergits »Berliner Tageblatt« nachempfunden ist und das Showgeschäft, in das der titelgebende Volkssänger hineingerät. Wegen Themenmangels wird Georg Käsebier von der Zeitung zum Star hochgeschrieben und daraufhin Objekt eines gewaltigen Hypes, mit dessen Beschreibung Tergit den Kulturbetrieb gehörig auf die Schippe nimmt. Sie wirft in diesem Zusammenhang zudem einen satirischen Blick auf Spekulation, Banken und Korruption im damaligen Berlin.

Von schneidender Ironie ist dagegen ihre Schilderung der Gleichschaltung der Zeitung geprägt, was angesichts der Tatsache, dass der Roman bereits 1931 erschien, bemerkenswert ist. Die linksliberalen Journalisten scheitern kläglich beim Versuch, sich zu wehren. Das liegt auch an der Ablenkung durch die Attraktionen Berlins, die gern durch die Brille der Journalistin Dr. Kohler geschildert werden und Tergit Gelegenheit zu hinreißenden Stadtbeschreibungen im innovativen Montagestil geben. Hier kann sie ihre besondere Stärke ausspielen, nämlich über die plastische Beschreibung von Häusern und Straßen atmosphärische Städtebilder zu entwerfen, die Auskunft über soziale und politische Verhältnisse geben.

Kesse Mädchen

Die für die Weimarer Republik emblematische Neue Frau kommt im »Käsebier« gleich in zwei Varianten vor. Da ist einerseits die hart arbeitende Journalistin Dr. Kohler, in der die promovierte Historikerin Tergit ihresgleichen porträtiert, und andererseits Käte Herzfeld, das Girl, das seinen Körper einsetzt, um ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern.

Zum kessen Mädchen stilisierte sich auch die 1905 geborene Irmgard Keun gern und schummelte dafür sogar bei ihrem Geburtsdatum. Und sie beschreibt ein typisches Girl mit Doris, der Titelheldin in ihrem 1932 erschienenem Roman »Das kunstseidene Mädchen«. Doris langweilt sich in der mittleren Stadt und sehnt sich nach Glamour und Luxus. Von ihren zahlreichen Verehrern lässt sie sich allerlei hübsche Dinge schenken, aber sie will mehr. Nachdem sie als Kleindarstellerin im Theater gelandet ist, klaut Doris dort aus der Garderobe den Pelz ihrer Träume und flieht nach Berlin. Der Pelz soll der kessen Kleinen ein wenig Klasse geben und ihr dabei helfen, groß herauszukommen.

Die Stadt schlägt sie in ihren Bann, was Keun in atemlosem, ans Kino angelehnten Stil schildert. Doch mit dem Aufstieg wird es für Doris im Berlin der Wirtschaftskrise nichts, trotz edlem Pelz. So bleibt ihr nichts anderes übrig, als von Mann zu Mann zu ziehen. Mal kommt sie mit den besseren Kreisen in Berührung, mal ist sie ganz unten, was der Autorin Gelegenheit gibt, Glanz und Elend Berlins zu porträtieren. Ähnlich wie Tergits Heldinnen kann auch Doris der Männerwelt der Hauptstadt wenig abgewinnen. Beide Autorinnen lassen am Ende das Schicksal ihrer Protagonistinnen offen, aber sie machen klar, dass 1931/32 die Aussichten weder für kesse Mädchen noch für Karrierefrauen allzu rosig sind.

Bis »Das kunstseidene Mädchen« 1933 verboten wurde, war der Roman genauso erfolgreich und umstritten wie Keuns Erstling »Gilgi, eine von uns«. Wegen des Verbots ihrer Bücher versuchte Keun die Nazi-Regierung auf Verdienstausfall zu verklagen - ohne Erfolg. Sie ging 1936 ins belgische Exil, wo sie ein Verhältnis mit dem bekennenden Chauvi Joseph Roth anfing, das ihr nicht gut bekam. Immerhin konnte sie einige Erfahrungen daraus in ihrem Roman »Kind aller Länder« verarbeiten. Der war ebenso wie »Nach Mitternacht« für einen Exilroman recht erfolgreich. 1939 wurde Keun vom Einmarsch der Nazis im holländischen Exil überrascht. Sie ließ Meldungen über ihren eigenen Tod verbreiten und kehrte mit falschen Papieren nach Deutschland zurück.

Unerwünscht in der Nachkriegszeit

Tergit machte in der Tschechoslowakei als Journalistin weiter und ging schließlich nach England. In den Exiljahren arbeitete sie am Roman »Effingers«, den sie unmittelbar nach dem großen Erfolg von »Käsebier« angefangen hatte. Er schildert das Schicksal mehrerer Generationen einer jüdischen Familie, die aus KünstlerInnen, Bankiers, Erfindern und Frauenrechtlerinnen besteht. Von Rezensenten wurde der Roman als jüdisch-berlinerisches Gegenstück zu den »Buddenbrooks« bezeichnet. Als er 1951 endlich erscheinen konnte, war er zum Requiem auf eine untergegangene Kultur geworden. Literatur, die jüdische Themen, den verlorenen Glanz Berlins und emanzipierte Frauen porträtierte, war damals beim Publikum wie bei Germanisten unerwünscht.

Auch Irmgard Keun versuchte im Nachkriegsdeutschland vergeblich ein Comeback. Es sollte fast ein halbes Jahrhundert dauern, bis Tergits und Keuns kesse Sicht auf Berlin und seine BewohnerInnen wieder ein interessiertes Publikum fand und GermanistInnen die beiden Autorinnen zu Klassikerinnen der Neuen Sachlichkeit erhoben.

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