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Plätzchen und Black Metal

Wider den Wir-Zwang im Pärchenalltag

Pünktlich zum zweiten Adventswochenende becirct Berlin durch dickes Grau, fiesen Wind und fiesen, quer ins Gesicht gewehten Schneekrempel. Das Wetter schreit grade zu danach, drinnen bei Kerzenschein sitzend Adventskranzkerzen zu zählen und ab und zu nach draußen zu gucken. Im hierzulande handelsüblichen Kontext einer Liebesbeziehung gehören zu diesem Bild immer zwei. Zwei auf dem Sofa, zwei beim Adventssonntagsfrühstück, zwei beim Geschenkeeinpacken, zwei beim Adventssonntagstatort, zwei beim Marzipankartoffelwettessen. Das Pärchen-»Wir« lebt in diesen Tagen auf, hüllt sich in einen nach Zimt riechenden Mantel, tobt im Glitzerstaub rum und behängt sich mit Lametta.

Ich werde an diesem Samstag stundenlang bei Black Metal Plätzchen backen. Allein, in meiner Küche, mit Mehl und Marzipan und Mandeln. Schon beim Schreiben kommt Vorfreude auf. Von Black auf Heavy stelle ich erst um, wenn der Teig für das Schwarzweiß-Gebäck sich wieder daneben benimmt (also rumkrümelt und nicht klebt, Anmerkung für alle Unwissenden) und ich besser besänftigende Musik hören sollte. Die Tatsache, dass ich an diesem Wochenende allein zu Haus bin und der andere Teil meines von mir durchaus sehr geschätzten »Wir« eine Freundin in einem anderen Land besucht, ist für mich nichts weiter als ein Eintrag im Kalender. »M. fährt nach B., J. besuchen. Sonntag zurück.« Zumindest war es das bis gestern. Eine Person, die ich nicht kenne, sorgt sich, wundert sich, lässt mir ausrichten, dass sie sich doch sehr wundere, wieso der M. allein verreist. Zu einer anderen Frau auch noch. Ob ich mir da keine Sorgen mache. Hinweis: Es handelt sich dabei nicht um die doch noch etwas altbackene Großmutter, sondern um eine junge Frau, jünger noch als ich. Und sie ist nicht die einzige. Noch ein paar andere, mir durchaus besser bekannte Menschen, sind irritiert. Wieso das denn. Bist Du da nicht beleidigt/traurig/unruhig? Ich führe keine Fernbeziehung, in der man sich eh› nur einmal im Monat sieht und wo es dann schon ein bisschen beknackt wäre, verreiste der Liebste an seinem freien Wochenende allein irgendwohin.

Nun ist mir dieser mit dem Status »Beziehung« einhergehende Wandel eines selbst- und eigenständigen Menschen hin zu diesem Amöben-Wir nicht unbekannt. Meint: Aus Beobachtungen. Menschen, die bis eben noch klar denken und ichbestimmt leben konnten, können plötzlich rein gar nichts mehr tun, ohne es mit diesem anderen Teil des »Wir« rückzukoppeln. Essen machen, Wäsche waschen, verreisen, mit Kollegen oder Freunden ausgehen. Nase putzen geht grad‹ noch. Bisher allerdings habe ich diese liebevoll als Macke bezeichnete Zwillings-Charaktereigenschaft als Randgruppenerscheinung abgetan. Geknüpft an Herkunft, Sozialisierung und Alter. Jetzt nicht mehr. Eine diffus große Gruppe junger, gebildeter, modern denkender Menschen wird in Sachen Beziehungshygiene zu Abziehbildern von 50er Jahre Klischees. Dass Frau die Weihnachtsplätzchen backt, ist bei zu vielen meiner Altersgenossen mitnichten vollen Kalendern oder der Lust auf Black Metal geschuldet. Sondern so selbstverständlich wie die Tatsache, dass man ab der vierten Beziehungswoche Heirat und Hausbau plant; dass sie das Heimchen am von ihr gemütlich eingerichteten Herd mimt, während er arbeiten geht; oder dass er Fifa spielt und sie pikiert neben ihm auf dem Sofa sitzt und Schmonzetten liest. Oder Babymützen häkelt.

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