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»In den nächsten Jahren haben wir zwei Kämpfe - um Land und um Saatgut!«

Kleinbauernkoordinator Luis Muchanga über die Lage der kleinen Farmer in Mosambik

Großflächige Landnahmen, sogenanntes Land Grabbing, bedrohen in Mosambik die Ernährungssicherung. Jedoch auch neue Regulierungen für Saatgut verschärfen die Situation. Mit dem nationalen Koordinator der Kleinbauernbewegung UNAC, Luis Muchanga, sprach Andreas Bohne, Projektmanager bei SODI e.V., im November in Maputo.

nd: Warum ist gerade Mosambik eines der Hauptländer für Land Grabbing (Landraub)?
Muchanga: Dafür gibt es viele Gründe. Einer ist, wie die mosambikanische Regierung die Situation darstellt. Auf Treffen mit Investoren wird gesagt, dass nur fünf Prozent der Flächen landwirtschaftlich bewirtschaftet werden. Dadurch erhalten Investoren die Sichtweise, dass es viel freies und unbebautes Land gibt. Aber das stimmt so nicht. Ein zweiter Grund liegt darin, dass Investoren von finanziellen Anreizen profitieren. Einmal erzählte mir ein Investor, dass er keine Steuern zahlen muss. Das ist natürlich reizvoll.

Oftmals geht Land Grabbing mit dem Export eines agrarindustriellen Modells einher? Trifft das auch für Mosambik zu?
Genau. Das Modell, das sich hinter Land Grabbing versteckt, ist ein agrarindustrielles Model mit der entsprechenden Nachfrage nach Land. Dabei geht es weniger um die Produktion von Nahrungsmitteln, sondern um Exportgüter wie Holz, Baumwolle oder Tabak. Das ist aber nicht die Nachfrage der mosambikanischen Bevölkerung, sie benötigt Nahrungsmittel. Die Perspektiven der Investoren und die Bedürfnisse der Mosambikaner unterscheiden sich deutlich.

Im vergangenen Jahr vertraten Sie die These, dass sich der Prozess von Land Grabbing in Mosambik abschwächt. Wie schätzen Sie die Situation aktuell ein?
Land Grabbing nimmt in Mosambik wieder zu, das betrifft sowohl die Anzahl der Investoren als auch der Projekte und damit natürlich auch die gesamte Fläche. Ein Beispiel: In den letzten Jahren sprachen wir überwiegend über die Provinzen Tete, Niassa und Zambezia. Jetzt müssen wir auch die Provinzen Cabo Delgado und Nampula mit aufnehmen.

Welche Möglichkeiten haben lokale Gemeinschaften, sich gegen Land Grabbing zu wehren? Wie kann UNAC als soziale Bewegung und Nichtregierungsorganisation unterstützen?
Wir haben mehrere Möglichkeiten. Wichtig ist vor allem, die lokalen Gemeinschaften durch Training und auf Treffen über Land Grabbing aufzuklären. Dazu organisieren wir auch Erfahrungsaustausche, unter anderem mit der brasilianischen Landlosenbewegung. Dadurch erfahren die Betroffenen, wie sie sich wehren und selbst vertreten können. Aus unserer Sicht ist es notwendig, dass alle sozialen Bewegungen mit einer Stimme sprechen und gemeinsam Alternativen für die Zukunft entwickeln und vorschlagen müssen. Ferner ist es natürlich unsere Aufgabe, die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten zu unterstützen, sei es durch Marktzugang, durch Bereitstellung von Saatgut und Geräten. Wenn wir Kleinbäuerinnen und -bauern darin unterstützen, in ländlichen Gebieten zu bleiben und ihre Lage zu verbessern, dann setzen sie auch den Kampf fort.

Im Mai 2012 wurde die G8-Initiative »Neue Allianz für Nahrungssicherheit und Ernährung in Afrika« ins Leben gerufen. Ziel ist es, die »Grüne Revolution« mit Unterstützung des Agrobusiness zu transportieren. Wie schätzen Sie die Initiative für Mosambik ein?
Für uns sind die Aussichten nicht gut. Wir wissen von den Folgen der »Grünen Revolution« in Asien. Wir wissen vom Einfluss von Unternehmen wie Monsanto und Pioneer in verschiedenen Ländern. Viele Kleinbäuerinnen und -bauern geraten durch den Saatgutkauf in die Schuldenfalle. Die Zukunft wird für uns kompliziert. Ein Beispiel: Bisher ist der Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen in Mosambik verboten. Wird das auch in Zukunft so bleiben? Das ist alles andere als sicher.

Insbesondere in den mosambikanischen Saatgutsektor will die G8-Initiative eingreifen, unter anderem soll die freie Verteilung von Saatgut reduziert werden. Auch auf Ebene der Südafrikanische Entwicklungsgemeinschaft SADC gibt es Ansätze, die Regulierungen zu verschärfen. Wie schätzen Sie das ein?
Das sehen wir als sehr problematisch an. Kleinbäuerinnen und -bauern in Mosambik haben mit Saatgut eine Ressource. Ein großer Teil des Saatguts in Mosambik und im südlichen Afrika wird unter Kleinbauern ausgetauscht und gezüchtet. Die neuen Regelungen können den freien Austausch und den Nachbau von Saatgut verhindern.

Wie sehen Sie die Perspektiven für Mosambiks Kleinbauernwirtschaften in den kommenden Jahren?
Derzeit führen wir einen Kampf um das Land. Das wird sich in den nächsten Jahren mit Sicherheit ändern, dann werden wir zwei Kämpfe haben, um Land und um Saatgut. Wenn die Farmer in Mosambik auch nur einen dieser Kämpfe verlieren, dann sind sie tot.

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