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Warum fallen Sterne nicht herab?

Der charismatische Hanser-Verleger Michael Krüger wird heute 70 - und scheidet zum Jahreswechsel als Leiter des konzernunabhängigen Traditionshauses aus. Jo Lendle wird Nachfolger

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Ich? »… bleibe wie angewurzelt stehen/ unter dem kahlen Geäst und horche den Wörtern nach,/ die mit dem Wind gingen und mit ihm kommen werden.«

Schön ausgedrückt, mit welcher Methode da ein Mensch mit der alltäglichen Existenzprüfung zwischen Verlust und Gewinn zurechtkommt. Im Daseinsschmerz darüber, was nicht aufzuhalten ist, bildet er Gelassenheit aus; in der Wahrheit dessen, was nicht zu erringen sein wird, behauptet er trotzdem Erwartung. Denn nichts ist verloren - auch wenn uns dauernd Unwiderruflichkeit trifft, auch wenn die Schönheit »in unsern leeren Gesichtern/ das alte Banner der Trauer hißt«. Der Dichter Michael Krüger (u.a. die Bände »Diderots Katze«, »Die Dronte«, »Nachts, unter Bäumen«, »Wettervorhersage«, »Unter freiem Himmel«) hat sich zwischen den Zuständen angesiedelt. »Wenn dich der Ausgang nicht mehr kümmert, bist du am Ziel.«

Krüger ist (noch!, er gibt ab, er lässt los) Hanser-Verlagschef in München, ist einer der erfolgreichsten Verleger der Republik, Herta Müller und Tomas Tranströmer gehören zu den Nobelpreisträgern mit Hanser-Verträgen. Mehrfach von Buchhändlern zum »Verlag des Jahres« gewählt, verfügt Hanser überhaupt über ein stolzes Autorenregister: Elias Canetti, Joseph Brodsky, Umberto Eco, W. G. Sebald, Jostein Gaarder, Seamus Heaney, Jorge Luis Borges, Günter Kunert, Milan Kundera, Alexander Tisma, Botho Strauß, Philip Roth. Krüger ist selber auch Autor. Bei Suhrkamp. Ist Angestellter - und freier Geist. Unermüdlich - und aber auch ermüdbar? Ersteres bestätigen alle, die mit ihm zu tun haben; Zweiteres scheint nur ein Gerücht zu sein. Von einem »Wunder« spricht Cees Nooteboom. »Es muss in einer anderen Art nicht existierender Zeit sein, in der er seine Gedichte schreibt, die von einer Welt handeln, in der es die Zeit sehr wohl gibt, und in der sich der Dichter gleichzeitig - und das ist wörtlich zu verstehen - ebenfalls aufhält.«

Der gelernte Buchhändler und studierte Philosoph trat im folgenreichen Achtundsechziger-Jahr in den Münchner Verlag ein, er ist auch Herausgeber der Literaturzeitschrift »Akzente«. Er steht für die charaktervolle, zähe Überlistung jener Zeittendenz, die auf Ballung von Marktmacht drängt: »Unser kleines Gärtchen darf nie von einem Baum beherrscht werden, in dessen Schatten nichts anderes mehr wächst.«

Es scheint immer weniger Menschen zu geben, die eine Liebeserklärung ans eigene Leben sind. Nicht im Sinne eines selbstverlorenen Narzissmus, sondern im Sinne eines Einklangs mit sich selbst, der weltzugewandt bleibt. Menschen, die daher, bei aller Geborgenheit in sich selbst, aus kummervoller Unruhe gar nicht erlöst werden wollen. Michael Krüger ist so einer, er ist eine Liebeserklärung an Michael Krüger. Er lebt sich. Er weiß, wie die Sterne an den Himmel kommen und warum sie nicht herunterfallen, und Kunst und Literatur braucht er, weil beides »das einzige System ist, das nie für alle sprechen will«.

Dieser - durchaus im Sinne der schmerzerfüllten Romantiker - ironische Mensch steht für eine Kultur wider den Turbo. »Vom Bürger zum Verbraucher und Marktteilnehmer« - darin bestehe, so Krüger, der Veränderungsprozess der letzten dreißig Jahre, hin zu einer Gesellschaft, in der »die Grünen Weste tragen«. In einem seiner Gedichte heißt es: »Ein Tag ist noch frei,/ kurz vor dem Ende des Jahres.« Vielleicht ist ja der heutige 9. Dezember gemeint, da der Autor vor siebzig Jahren im sächsischen Wittgendorf zur Welt kam. Und dann folgen die berührenden Zeilen: »Immer wird der Wunsch bleiben,/nicht wissen zu wollen, wann uns/ das Unglück erreicht, das nicht/ im Kalender steht.«

Seine Romane und Novellen (»Was tun?«, »Warum Peking?«, »Wieso ich?«, »Das Ende des Romans«, »Himmelfarb«, »Die Cellospielerin«, »Das falsche Haus«) sind ein souveränes, leichtes, nichtsdestoweniger trauriges Spiel mit den Konflikten zwischen Wollen und Können, Traum und Realität, speziell im Kulturbetrieb. Seine ungeschickten Roman-Helden sollen Grabreden halten, wollen heiraten, verstricken sich verhängnisreich in künstlerische Schaffensprozesse - derart Geringfügiges wie Kühe, Wurstfabrikanten, ein unplacierter Fußballschuss und andere Zufälle werden zu Fügungen, die das Leben von einer zur anderen Sekunde auf andere Gleise setzen, ohne es aber wirklich zu ändern.

Denn, wie es in einem Gedicht heißt: »am Ende zählt nur die undurchdringliche Welt«.

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