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Zivilcourage in Uniform

Die Landespolizeischule Schleswig-Holsteins ehrt Wilhelm Krützfeld, der 1938 die Neue Synagoge in Berlin schützte

  • Von Dieter Hanisch, Malente
  • Lesedauer: 3 Min.
Der Polizist Wilhelm Krützfeld, geboren im Kreis Segeberg, stellte sich gegen das Nazi-Regime. In seiner Heimat Schleswig-Holstein wird seiner besonders gedacht.

In Zeiten, in denen der Antisemitismus hierzulande wieder erschreckende Formen annimmt, tut jedes Zeichen von Zivilcourage gut. Dabei sollte auch die mahnende Erinnerung an stille Helden, die sich in der NS-Zeit nicht gleichschalten ließen, Mut machen - erst recht, wenn sie seinerzeit Uniformträger waren wie Wilhelm Krützfeld. Eine sechs Bildtafeln umfassende Dauerausstellung ihm zu Ehren ist in der 1993 nach ihm benannten Landespolizeischule von Kiebitzhörn bei Malente (Kreis Ostholstein) nun allgemein zugänglich.

Der 1880 im Kreis Segeberg geborene Krützfeld war 1938 Leiter des Polizeireviers 16 am Hackeschen Markt in Berlin. Entgegen dem vom NS-Regime ausgegebenen Befehl stellte er sich mit anderen Beamten seines Reviers in der Reichspogromnacht 1938 gegen brandschatzende SA-Männer an der Neuen Synagoge der Oranienburger Straße - und rief die Feuerwehr zum Löscheinsatz. Damit verhinderte er die Zerstörung des größten jüdischen Gotteshauses der Stadt. Er versuchte zudem, jüdische Bewohner vor Verhaftungen zu bewahren, indem er sie vor bevorstehenden Hausdurchsuchungen warnte. 1943, im britischen Bombenhagel, wurden große Teile der Synagoge dann in Schutt und Asche gelegt.

Wegen seiner Synagogen-Rettungsaktion kam Krützfeld mit einer Rüge durch den Polizeipräsidenten Wolf Heinrich Graf von Helldorf ausgesprochen milde davon. Er wurde danach versetzt und ging 1943 vorzeitig in Pension, angeblich aus gesundheitlichen Gründen. Damit entging er der Pflicht, die Deportation von Berliner Juden polizeilich absichern zu müssen. Polizeipräsident von Helldorf wurde übrigens am 15. August 1944 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet, weil man ihn der Mittäterschaft des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli des Jahres bezichtigte. Auch das erfährt der Betrachter der Ausstellung.

Zu verdanken ist die Ausstellung in der Landespolizeischule dem damaligen Polizeihauptkommissar Wolfram Hartwich, inzwischen längst pensioniert. Angeregt vom früheren SPD-Landesinnenminister Hans-Peter Bull und beauftragt vom damaligen Leiter der Polizeischule Jörg Zierke (heute BKA-Chef), begab sich Hartwich seinerzeit auf akribische Spuren- und Quellensuche. Die Faktenlage in Archiven war nach seinen Worten anfangs ziemlich mager. Alle von ihm zusammengetragenen Exponate in Form von Text- und Fotomaterial mündeten zunächst in Schaukästen der polizeilichen Einrichtung.

1992 wurde Krützfeld auf dem Weißenseer Friedhof der Parochialgemeinde ein Ehrengrab eingerichtet. Ein Jahr später wurde ihm zu Ehren vor dem Eingang der Polizeischule in Kiebitzhörn eine Granitstele aufgestellt. Eine Gedenktafel an der Fassade der 1995 wieder eröffneten Neuen Synagoge erinnert an ihn. Vor fünf Jahren ehrte ihn seine Gemeinde Seedorf, in der er geboren wurde, im Seedorfer Ortsteil Berlin mit einem Gedenkstein. Überliefert ist, dass Krützfeld sich nicht als Held oder Märtyrer verstand. Gegen die damals immer stärker um sich greifende nationalsozialistische Hörigkeit und Unterdrückung hatte er sich seine Mitmenschlichkeit bewahrt - in einem Berufsfeld mit unter einer Diktatur extrem ausgeprägtem Korpsgeist ganz bestimmt keine Selbstverständlichkeit.

Fort- und Weiterbildungen gehören heute zum Beruf schleswig-holsteinischer Polizeibeamter. In der Landespolizeischule von Kiebitzhörn kann man dem Thema der NS-Aufarbeitung am Beispiel von Wilhelm Krützfeld nicht ausweichen. Die Ausstellung wurde bereits in Berlin gezeigt und wanderte durch Schleswig-Holstein und Dänemark. Die geschichtliche Dokumentation ist dabei nicht nur Polizeibeamten vorbehalten. Nach Anmeldung besteht auch für Schulklassen und andere Gruppen Gelegenheit für einen Besuch.

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