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Viel Action, viel Gedöns

Im Kino: »Der Hobbit: Smaugs Einöde« von Peter Jackson

Es war einmal ein Bundespräsident namens Horst Köhler, der sich im Schillerjahr 2005 bitter darüber beschwerte, dass es den meisten Theaterinszenierungen heute an Werktreue gebreche. Es war einmal ein Hobbit namens Bilbo Beutlin, den Regisseur Peter Jackson zum Filmhelden machte, seine Geschichte aber eigenwillig uminterpretierte, indem er das furchtsame kleine Fabelwesen aus dem überschaubaren Kinderbuch von J.R.R. Tolkien zum Heroen einer gigantischen Saga stilisierte.

Wer beim zweiten Teil von Jacksons »Hobbit«-Trilogie, »Der Hobbit - Smaugs Einöde«, auf das Wunder hofft, der neuseeländische Filmemacher habe in seinem 160-Minuten-Epos auf einmal die Werktreue entdeckt, wird enttäuscht. Aber kann man es Zuschauern, die der wunderbare kleine Tolkien’sche Roman durch ihre Kindheit und Jugend begleitet hat, verübeln, auf eine loyale Adaption des Werks zu pochen? Jacksons Entscheidung, auf Pathos, Kampf und Spezialeffekte zu setzen, statt auf Abenteuer, Verspieltheit und Ironie, verändert das Ambiente des Werks nachhaltig. Zwar steht »Hobbit« drauf, aber es ist nicht viel »Hobbit« drin.

Nun wird es vollends zur Gewissheit: Für Jackson fungiert der »Hobbit« lediglich als Weichensteller für Tolkiens Monumentalwerk »Herr der Ringe«. Und so wird auch im zweiten Hobbit-Film gefightet, was die Zwergenschwerter, Elfenpfeile und Orkkeulen hergeben. Manch beschaulichen Moment opfert Jackson zugunsten von Action-Sequenzen und viel Gedöns, während Figuren aus »Der Herr der Ringe« hier dramaturgisch wenig sinnvolle Kurzauftritte absolvieren. So eröffnet Jackson etliche, der Story wenig dienliche Nebenschauplätze: mit dem Elfen Legolas (Orlando Bloom), einer Romanze zwischen der - erfundenen - Elfin Tauriel und dem hübschen Zwerg Kili, vor allem aber mit hochdramatischen Abenteuern des Zauberers Gandalf (Ian McKellen).

Eigentlich ist Hobbit Bilbo (Martin Freeman) von den 13 Zwergen unter der Ägide Thorin Eichenschilds und Gandalfs ja als Spion auf die gefährliche Reise zum Berg Erebor mitgenommen worden. Denn Bilbo greift aufgrund seiner geringen Körpergröße gern zur List. Er hat in Gollums Höhle den Ring gestohlen, der unsichtbar macht (ja, es ist der Ring aus »Der Herr der Ringe«) - bloß warum setzt er ihn dann im Film nicht konsequent ein? Wohl, weil ein tapferer Hobbit im Kampf mit Riesenspinnen im Düsterwald und gar beim Gespräch mit dem riesigen feuerspeienden Drachen Smaug gern Gesicht zeigt. Dass ihm das schadet - wen schert’s, solange man daraus Action-Kapital schlagen kann.

Am Anfang des Films hat Peter Jackson einen Cameo-Kurzauftritt à la Alfred Hitchcock. Doch im Unterschied zum Master of Suspense, der wusste, dass man für die Erzeugung von Spannung auch mal die Zeit anhalten muss, geht Jackson mit seiner reichlich vorhandenen Zeit fahrlässig um. Die in der Elfenburg gefangen gehaltenen Zwerge werden von Bilbo befreit und flüchten in Weinfässern? Geht alles ruckzuck. Die Zeit, die man dabei spart, wird in eine wilde Verfolgungsjagd mit grunzenden, potthässlichen Orks investiert. Das ist zwar hübsch laut und aufregend, aber ist es auch spannend?

Doch genug der Meckerei. Anstatt sich über den martialischen, an einem Napoleon-Komplex leidenden Oberzwerg Thorin aufzuregen, kann man Jackson anrechnen, ihn gänzlich unsentimental als überehrgeizigen Gesellen zu zeichnen, der beim Kampf um das Gold seiner Vorfahren über Leichen gehen würde. Auch die prächtigen neuseeländischen, pardon, mittelerdischen Landschaften überwältigen, während die Ausstatter und Szenenbildner ganze Arbeit geleistet haben: So beeindruckt die auf Stelzen gebaute Seestadt Esgaroth durch ihre sorgfältig gestalteten Holzkulissen. Und schließlich wäre da ja noch der großartig monströse Drache Smaug. Ihm sieht man seine Herkunft vom CGI-Computer nicht an, und wenn er Flügel schlagend Feuer speit, kann man die Sache mit der Werktreue ruhig mal ad acta legen.

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