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Verfolgte Kunst hatte ihre Profiteure

»Remarques Impressionisten« - ein interessanter Band über das Kunstsammeln im Exil

Erich Maria Remarques Antikriegsroman »Im Westen nichts Neues« löste beim Erscheinen im Januar 1929 ein Erdbeben aus. Binnen Jahresfrist wurden über eine Million Exemplare verkauft. Remarque entzauberte den patriotischen Mythos des Ersten Weltkriegs. Die Rechte lief Sturm. Der in den USA nach dem Roman gedrehte Film hatte am 4. Dezember 1930 im »Mozartsaal« am Berliner Nollendorfplatz Deutschlandpremiere.

Nazi-Gauleiter Goebbels schleuste in die Abendvorstellung des nächsten Tages SA-Schlägertrupps ein und löste sich einen Logenplatz. An den Tumult vor dem Kino erinnerte sich Arnolt Bronnen, der damals zu Goebbels’ Gefolge gehörte: »Riesige Menschen-Massen stauten sich in den breiten Straßen, Überfall-Kommandos der Polizei pflügten sich durch«. Bronnen kam nicht in das Kino, aber seine Geliebte Olga Förster. Sie soll drinnen weiße Mäuse losgelassen haben. Die SA-Leute erzwangen, Rauchbomben schleudernd, den Abbruch der Vorstellung.

Remarque schuf sich mit dem Kauf eines Anwesens in Porto Ronco im August 1931 einen Klima- und steuerfreundlichen Schweizer Wohnsitz, aus dem im Januar 1933 ein Exilort wurde. Nach Hitlers Machtübernahme floh er unverzüglich aus Deutschland. »Man braucht ein starkes Herz, um ohne Wurzel zu leben«, steht später 1940 im Tagebuch. Die außerordentliche Geschichte hinter dem Satz blieb bis zu diesem Buch nahezu unbekannt.

Der Vertriebene erdete sich durch eine spektakuläre Kunstsammlung mit Werken von Cézanne, Daumier, Degas, Van Gogh, Matisse, Monet, Pisarro, Renoir, Utrillo. Aus dem Dunkel der Vergangenheit treten nun ein ungeschriebenes Kapitel Remarque, die Notifizierung einer großen Kunstsammlung, des Sammelns und des Handels von Kunst im Exil und darin verwoben ein Bild der von Nazis als »entartet« geschmähten Kunst.

Remarque begann seine Sammlung im Oktober 1933 unter der Patenschaft des jüdischen Kunsthändlers Walter Feilchenfeldt, der 1923 in die Kunsthandlung des 1926 gestorbenen jüdischen Galeristen Paul Cassirer eingetreten war. Feilchenfeldt war in die Amsterdamer Dependance geflohen. Remarques erster Ankauf war im Oktober 1933 das Degas-Pastell »Drei Tänzerinnen«. Ihm folgte im Dezember ein Hauptwerk Van Goghs, die »Bahnunterführung von Arles«, das aus dem Besitz von Tilla Durieux stammte, die mit Cassirer verheiratet gewesen war und das Gemälde ins Exil gerettet hatte. Remarque zahlte ohne Abstriche, was der Van Gogh wert war. Das Schicksal des Gemäldes in Deutschland als jüdischer Besitz lag auf der Hand, wie als sicher gelten kann, dass der Van Gogh der »entarteten Kunst« zugeschlagen worden wäre, unter die aus allen Stilrichtungen alles fiel, was der diffusen Kunsthygiene der Nationalsozialisten nicht entsprach.

Remarque und Feilchenfeldt werden vielfach noch mit Kunst in Berührung kommen, die verfolgungsbedingt auf dem Markt ist, aber die gebotene Distanz wahren. Diese Kunst hat ihre Profiteure nicht nur in Deutschland. Remarque trägt am 2. Juli 1939 in Paris ein Treffen mit dem in den USA lebenden Filmregisseur Josef von Sternberg (»Der blaue Engel«) in sein Tagebuch ein. »Gestern Abend Sternberg zurückgekommen. Brachte Kokoschka: Themselandschaft mit. Gekauft in Luzern auf einer Auktion deutscher Museen.«

Es war die Auktion der Schweizer Galerie Fischer vom Juni, über die Goebbels Raubkunst und Beschlagnahmungen aus deutschen Museen verscherbelte. Gegen die ursprünglich beabsichtigte Vernichtung der Kunstwerke hatte sich Göring aus finanziellem Interesse gewandt. Die Luzerner Auktion war allein schon dadurch anrüchig, dass Kunstwerke angeboten wurden, die normalerweise nie und nimmer so billig auf den Markt gekommen wären.

Remarque kann seine Sammlung vom kriegsbedrohten Kontinent nach England schaffen, und 1939 gelingt gar der Transfer in die USA, wo er inzwischen lebt und weiter sammelt. Remarque ist befriedigt, Kultur in den Zeiten der Bedrohung gerettet zu haben. Seine Bilder zeigt er in den USA in Ausstellungen.

Das Ende der Sammlung ist banal. Als Remarque 1970 in Locarno stirbt, beginnt seine Witwe, die Schauspielerin Paulette Goddard, sofort mit ihrem Verkauf. Auf die Frage »Warum«, antwortet sie »cash«. Woran Glücksgefühl, Beschwernis, die Abdrücke einer bewegten Zeit, Schicksale haften, zerstreut sich in die Anonymität privaten Besitzes. Auch so können Sammlungen verschwinden.

Der Schriftsteller Remarque hat versucht, dem Kunstsammler Remarque Beständigkeit zu geben. In beinahe allen seinen Nachkriegsromanen finden sich seine Erfahrungen mit der Kunst im Exil. Zum literarischen Gedächtnis von »Remarques Impressionisten« tritt mit dem vorliegenden Sammelband das wissenschaftliche durch die Arbeiten von Walter Maria Feilchenfeldt, Thomas F. Schneider, Ester Tisa Francini, Susanne Schwarz Zuber, Lark Mason, die bildliche Rekonstruktion der Sammlung, eine Übersicht der Ausstellungen und Kataloge. Dieses Buch ist eine solide Sensation in dem Hype, der das Auftauchen der Gurlitt-Bilder überwölbt.

Remarques Impressionisten. Kunst- sammeln und Kunsthandel im Exil / Art Collecting and Art Dealing in Exile. Hg. v. Thomas F. Schneider & Inge Jaehner m. Walter M. Feilchenfeldt & Suzanne Schwarz Zuber. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht. 496 S., 250 Abb., geb., 69,99 €.

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