Werbung

Eiserne Bibel für Weihnachten

Folge 23 der nd-Serie »Ostkurve«: Die Fans des Berliner Fußballklub 1. FC Union hatten schon ihre eigene Heilige Schrift - nun sollten sie sich eine neue zulegen

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Matthias Koch begleitet seit vielen Jahren als Journalist den 1. FC Union in Berlin-Köpenick. Nun stellt er neue Fundstücke über den Köpenicker Kiezklub in die Bücherregale.

Man muss schon sagen: Da hat sich einer was getraut. Matthias Koch hat sich daran gemacht hat, die Geschichte des 1. FC Union Berlin noch einmal völlig neu zu schreiben. Gut, völlig neu ist vielleicht übertrieben. Denn seine Absicht war nicht, die schon erzählte Historie des eisernen Köpenicker Kicker-Klubs zu revidieren. Aber er reichert sie mit neu ausgegrabenen Fundstücken und aktuellen Entwicklungen an.

Galt bisher das Buch »Und niemals vergessen - Eisern Union« von Luther/Willmann als Bibel der Unionfans, hatte Matthias Koch die hohe Hürden zu überwinden, etwas zu schaffen, dass es lohnt, noch so ein Werk ins Regal zu stellen. »Immer weiter - ganz nach vorn« betitelt Koch sein Buch, nach einer Zeile aus der Hymne Unions, gesungen von Nina Hagen. Mit knapp 450 Seiten und einem Gewicht von 1,3 Kilogramm ist es ein ziemlicher Wälzer.

Über Matthias Koch selbst ist es vielleicht interessant zu wissen, dass er vor etwa 14 Jahren noch als Student der Sportwissenschaften in einer heute nicht mehr existenten Lokalzeitung in Köpenick auftauchte und anbot, über den Nachwuchsfußball im Berliner Südosten zu berichten. Er hatte Glück und wurde engagiert. Inzwischen schreibt und fotografiert Koch für diverse Blätter, auch für das »nd«.

Nun, gerade rechtzeitig zu Weihnachten, also eine neue Union-Bibel. Klar, manches darin ist bekannt. Fans wissen, dass sich der Ur-Verein der Köpenicker am 17. Juni 1906 in der Kneipe »Großkopf« an der Luisenstraße 17 gründete. Heute heißt die Adresse Plönzeile 14. Die Straße wurde zu DDR-Zeiten nach Fritz Plön, Schweißer im AEG-Kabelwerk Oberspree, umbenannt, der als kommunistischer Widerstandskämpfer 1944 von den Nazis hingerichtet wurde.

Die interessantesten Teile im Koch-Buch sind die Interviews mit Zeitzeugen. Einige davon traf Koch noch rechtzeitig, bevor sie starben. Heinz Rogge, zum Beispiel, der in der Mannschaft der SG Union Oberschöneweide spielte, die 1950 beinahe geschlossen nach Westberlin übersiedelte, weil sie als Berliner Vizemeister nicht um die Deutsche Meisterschaft mitspielen durften.

Auch die Gespräche mit Günter Mielis, Wolfgang Wruck, Pedro Brombacher, Horst Kahstein, oder Georgi Wassilew bringen manch Juwel ans Licht. Ebenso das Interview mit Dirk Zingler, der vom Fan zum heutigen Präsidenten wurde. Eine hübsche Rubrik ist auch die der »Großen Unioner«. Hier darf natürlich Herbert Raddatz nicht fehlen, der 1600 Spiele für Union absolvierte und noch kurz vor seinem Tod ein letztes Mal in seinem Stadion gefeiert wurde. Klar, dass Günter »Jimmy« Hoge vorgestellt wird und zu Wort kommt. Auch Union-Retter Michael Kölmel. Tom Persich, Olaf Seier, Sebastian Bönig und viele andere Leitfiguren aus der Alten Försterei geben sich die Ehre. Extrakapitel gibt es über Kapitän Torsten Mattuschka oder den Stadionumbau. Natürlich auch darüber wie eiserne Fans das Schiff »Hertha« gekapert haben. Ein wenig kurz kommen die Frauen von Union.

Frauenfußball scheint immer noch ein Stiefkind in dieser von Männern dominierten Sportart zu sein. Über die Verhältnisse bei Union in der Nazizeit fand Koch wenig Stoff. Vielleicht hätte er sich dafür näher mit der Geschichte des Widerstandes in den Oberschöneweider Industriebetrieben befassen müssen. Von dort kamen die meisten Fans damals, und dort gab es starken organisierten Widerstand gegen das faschistische Regime.

Zu loben ist die Bildarbeit im Buch. Die ist in ähnlichen Büchern oft unterbelichtet. Welche Fleißarbeit das Buch gekostet haben muss, zeigt das mehrere Seiten starke Quellen- und Personenverzeichnis. Dazu ein riesiger statistischer Anhang für Freunde von Zahlen und Fakten. Fazit: Daumen hoch - kaufen!

Matthias Koch: »Immer weiter - ganz nach vorn« - Die Geschichte des 1. FC Union Berlin. Verlag Die Werkstatt. 448 S., geb. 24,90 €.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen