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Berlinale-Bär und anderes Getier

Der Bildhauerin Renée Sintenis wird zu ihrem 125. Geburtstag im Georg Kolbe Museum gedacht

Gleich anfangs der Ausstellung tritt man der beinahe lebensgroßen mythologischen Figur »Daphne« gegenüber. Diese Bronze, von Renée Sintenis im Jahr 1930 geschaffen, stellt den Augenblick dar, da sich die Nymphe vor dem sie verfolgenden Apoll in einen Baum zu verwandeln beginnt. Diese »Daphne« wird zum Symbol. Die hochgeworfenen Arme, die schon Äste werden wollen, unterstreichen die Fragilität der Gestalt in dem aufstrebenden Linienschwung einer züngelnden Flamme. Bei äußerster Bewegtheit ist hier dennoch ein Moment äußerster Ruhe erreicht.

Diese Übergangsphase zwischen Bewegung und Ruhe ist auch für die Sportler- und Tierfiguren der Künstlerin charakteristisch. So etwa bei »Nurmi« (1926, Bronze), dem finnischen Laufwunder an Ausdauer und Schnelligkeit: Der Höhepunkt der einen Bewegung ist schon abgeschlossen, aber die andere Bewegung wurde noch nicht begonnen. Genau dieser Ruhepunkt zwischen zwei Geschehnissen wird hier anschaulich erlebt und künstlerisch gestaltet. Darin liegt im Grunde die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs, dass alle Plastiken von Renée Sintenis dramatisch bewegt in den Raum greifen und zugleich vollendet ruhig und geschlossen wirken.

Am bekanntesten ist die emanzipierte Berliner Bildhauerin aber durch ihre kleinfigurige Tierplastik geworden. Weibliches Einfühlungsvermögen und genaue Naturbeobachtung befähigten sie, in realistischer Auffassung und lockerer, impressionistisch modellierender Weise nicht nur Menschen, sondern auch Tiere in momentaner Bewegung darzustellen. Sie hat einen ganzen Zoo heimischer und fremder Geschöpfe entstehen lassen. Das schlafende Reh, das springende Pferd, der spielende Hund, die liegenden Gazellen, der stehende Steinbock, der kniende Elefant - sie machte wohl einmal eine flüchtige Skizze, eine Vorstudie auf dem Papier, aber keinen eigentlichen Entwurf. Sie sah die Tiere vor ihren Augen wie ein Erinnerungsbild, bog das Drahtgestell zurecht, knetete und formte mit den Fingern, mit dem Modelliereisen.

Dabei galt ihre besondere Zuneigung den Tierkindern, hoppelnden, ungelenken Fohlen oder zerbrechlich zarten, scheuen Rehen, die sie mit sicherem Blick für das Lebensvolle, oft auch für das Drollige und Täppische, als Kleinbronzen geschaffen hatte. Nur die lebensgroßen Tiere, so auch den Berlinale-Bär, der seit mehr als 60 Jahren auf den Internationalen Filmfestspielen verliehen wird, hatte sie gleich den Sportlerfiguren und Bildnisbüsten in Ton geformt. Alle kleinen Tierbronzen aber in einem schwarzen Wachs, der zur Sparsamkeit wie zur Genauigkeit zwang und jede einmal gegebene Form in schonungsloser Klarheit bewahrte.

Es ist erstaunlich, was die Körper in ihrem räumlich beschränkten Format an Spannung und Bewegtheit besitzen. Diese Tiere stehen bei aller Bewegtheit fest, ausgewogen und sicher auch ohne Sockel und Plinthe. Die Sintenis beherrschte die Spannung und deren Ausgleich bei den von ihr dargestellten Körpern. Diese besitzen den Reiz der Lebendigkeit und eine bei aller Stilisierung trotzdem unstilisiert wirkende Echtheit und Wahrhaftigkeit.

Über Jahrzehnte gestaltete sie ihr »Selbstbildnis«, von 1916 bis 1944, das durch die bewegte Oberfläche und die tief schattenden Augenhöhlen in dem Antlitz eine faszinierende Anziehungskraft ausstrahlt. Es sind Abwandlungen einer stetigen Form. Einmal ist es ein Kopf mit einem nach außen gehenden, wenngleich abwesend und nahezu träumerisch vor sich hinstarrenden Blick. Andere Selbstporträts wiederum sind Masken, das von 1944 spiegelt erschütternd die Leidenszeit der letzten Kriegsjahre wider.

Auch ihre Bildnisbüsten, so des Dichterfreundes Joachim Ringelnatz (1923, Bronze), des französischen Schriftstellers André Gide (1928, Gips) oder des Maler-Ehegatten Emil Rudolf Weiß (1929, Gips), geben einen Wechsel in der Auffassung, einen Wandel im Ausdruck, in der Art, wie der Schädel gerundet, die Oberfläche behandelt ist, wieder.

Ihre Zeichnungen, ihre Radierungen sind keine Vorstudien mit körperhaften Licht- und Schattenflecken, die auf das plastische Volumen hindeuten. Keine Oberflächenbehandlung, kein zeichnerisches Herausmodellieren der Körperlichen, sondern eine bewusste Beschränkung auf die reine Kontur, ein Verzicht auf alles, was nicht flächig und nicht linear im strengen Sinne ist.

Ob in ihren Plastiken, ihren Zeichnungen, ihren Grafiken - die Figuren sind in einem Augenblick ihres Lebens zu fester Form erstarrt. Aber aus ihnen atmet ungeheure Bewegtheit.

Renée Sintenis. Berliner Bildhauerin (1888-1965). Georg Kolbe Museum, Berlin, Sensburger Allee 25, Bis 23. März, Di-So 10-18 Uhr. Am 24. und 31.12. geschlossen.

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